1

Der Himmel ist so dunkelblau, dass er die Kondensstreifen eines Flugzeugs zu düsteren Wolken verfärbt und die Maschine ins Meer stürzen lässt. Es geschieht schnell und geräuschlos und ist vom Küchenfenster aus zu sehen. Nur das Wissen, dass es eine Katastrophe ist, setzt eine Spur von Gefühl frei. Die Vorbereitungen für ein grosses Mittagessen, das meine Vermieter geben, lenken mich ausreichend ab. Sie sind politisch wichtige Rollenträger und schleppen mich mit zu dieser Veranstaltung, von der ich nichts weiss, aber vage ahne, dass sie “wichtig” ist, ein gesellschaftliches  Ereignis sozusagen. Vor dem Küchenfenster liegt ruhig das Meer, die Wellen schwappen sanft an den Küchentisch und tragen eine Tauchtasse heran: eine tönerne Kugel mit Deckel und praktischem Basthenkel, die von den Absturzopfern als Hilferuf ausgesetzt worden ist. Die Vermieterin greift sie zufrieden auf und legt sie auf den Tisch. Das wars. Keine Aufregung, keine Eile, kein Rettungsversuch. Das Gefäss enthält drei Fäden, einen aus einem blaugrün karierten Hemd und zwei kleinere weisse. Sie dienen zur Identifikation der Toten und zur Rekonstruktion des Unfallhergangs. Beim Betrachten mischen sich andere weisse Fäden darunter, sie sind von den Fäden aus der Unglücksmaschine nicht zu unterscheiden, alles gerät durcheinander, so dass plötzlich nicht mehr klar ist, welche Fäden zu den Opfern gehören. Wie soll ich die richtigen Fäden wiederfinden? Die Vermieterin betritt die Küche, ich lasse einfach irgendwelche Fäden in der Tauchtasse verschwinden – und siehe da, sie bemerkt den Unterschied nicht. Die Vorbereitungen für das wichtige Ereignis sind inzwischen auf dem Höhepunkt. Alles wird auf grosse Bleche gelegt und für den Abtransport verpackt. Das Essen findet in einer gigantischen Halle statt, die Wände schiessen strahlend weiss und hellblau in den Himmel, der Raum ist so gross, dass er fast nicht mehr als Innenraum wahrnehmbar ist. Das gesellschaftliche Ereignis, bei dem meine Vermieter Kontakte knüpfen und Beziehungen pflegen wollen, rückt näher, ohne dass sie mir bis jetzt verraten hätten, wen sie erwarten. Aber es müssen wichtige Persönlichkeiten sein, die Stimmung ist ehrfürchtig gedämpft. Das Essen wird bereits aufgetragen, wir nehmen Platz, winzig klein an einem Tisch mitten in der Halle. Dramatisches Motoren-Geheul von Reisebussen kündigt das Eintreffen der Gäste an: eine Fussballmannschaft.

 

 

 

 

 

 

2

Performance von Dan Graham zu nächtlicher Stunde. Ich bemerke die Regung in seinem Zimmer, beobachte ihn eine Weile und helfe ihm dann bei den Vorbereitungen – ich arrangiere Rosen.  Dan Graham will sämtliche Wände mit rosa Rosen pflastern. Er hängt Bilder auf, die von oben bis unten mit rosa Rosen bemalt sind. Auf Stühlen vor den Rosen-Wänden drapiert er Frauen. Sie stecken in Kleidern, die mit rosa Rosen bedruckt sind. Ich schleppe haufenweise rosa Rosen herbei und setze in seiner Abwesenheit sogar noch eins drauf: Ich male selbst ein Rosenbild – was ihn bei seiner Rückkehr zu grossem Lob veranlasst, ja angeblich zu solchem Respekt, dass er sich jetzt sogar langsamer bewegt.

 

 

 

 

3

Beim Parteitag der Grünen herrscht ein furchtbares Durcheinander. Joschka Fischer lehnt mit knittrigem Gesicht an einem Schrank und vergräbt es in den Armen. Seine Eltern beschimpfen ihn als Gelben. Ich tröste ihn, er solle froh sein, dass man ihn nicht als kleines grünes Marsmännchen abtut.  Das reicht ihm, er will weg. Ich begleite ihn und kehre zurück in das Haus, in dessen Erdgeschoss der Parteitag stattgefunden hat. Es hat viele stark bevölkerte Etagen mit zahlreichen Räumen, darunter auch Museums-Säle. Zwei Künstlerinnen aus Argentinien, die im Doppelpack auftreten, breiten sich aus. Überall hängen Plakate von Orten, an denen sie ausstellen. Ein schier weltumspannendes Netz. Hier inszenieren sie ein Koch-Happening, bei dem jeder irgendetwas zu einem Riesen-Hamburger beitragen soll. Er besteht vor allem aus jeder Menge aufgeschäumtem Weissbrot, das wie aufgeblasenes Nichts wirkt. Um kein Spielverderber zu sein, oder aus Neugier, streiche ich teure englische Orangenmarmelade auf das Brot. Sie versickert sofort, ich kippe das ganze Glas darauf, doch das Brot saugt alles auf, und zu sehen ist am Schluss nur ein unscheinbarer orangener Fleck. Ich versuche es noch an einer zweiten Stelle, mit demselben Erfolg, von der kostbaren Marmelade bleibt nichts übrig. Die anderen sind aber alle sehr heiter. Frustriert wende ich mich ab und gehe in die nächste Etage. Dort befindet sich ein Krankenhaus. Erschöpft lehne ich mich an einen Türpfosten und starre vor mich hin. Giscard d´Estaing kommt vorbei und fordert mich auf, zu gehen. Er ist nackt und hochgewachsen, sein Körper schimmert gelblich und hat in Höhe der Hüfte eine merkwürdige Einschnürung. Ausserdem fehlt ihm ein Bein. Doch seine Behinderung wirkt sich nicht in Hinken, sondern in sehr langsamem Gleiten aus. Der Grund für meinen Rauswurf: Die Station ist gefüllt mit nackten, zum Teil behinderten Männern, und ausserdem hängen obszöne medizinische Schaubilder herum. Die soll ich nicht sehen. Tatsächlich habe ich sie auch gar nicht bemerkt, weil mein Blick nach innen gekehrt war und ich vor mich hin geträumt habe, ohne meine Umgebung wahrzunehmen. Das nimmt Giscard mir nicht ab. Ich gerate mit ihm in einen freundlichen Disput, in dessen Verlauf es immer mehr um Kunst geht und er mir ein längliches Diapositiv als Beweis für seine Kunstkennerschaft  vor die Nase hält. Es ist eine Doppelbelichtung mit einer amerikanischen Landschaft in gleissendem Licht und einem Gesicht darüber. Ich verdrehe gelangweilt die Augen: es ist so abgelutscht, dass ich eigentlich keine Lust habe, darüber nachzudenken. Er will es genauer wissen. Ich erkläre ihm, dass das Licht typisch ist für die amerikanische Kunst der siebziger und achtziger Jahre, absolut nichts Neues, sondern eher ein bombensicheres Erkennungsmerkmal, ausserdem sprechen die Schichtungen eine überdeutliche Sprache: das eine steht für Politik, das andere für das Individuum – zum Gähnen langweilige Eindeutigkeit. Ich spüre mein Unbehagen wachsen und will gehen, da signalisiert Giscard, dass er meine Kritik versteht. Ich gehe trotzdem auf eine andere Etage.

 

 

4

Eine Bar in Paris, mit einem Restaurant im hinteren Teil. Der Eingang wird von einer alten Dame bewacht, die sich französisch kühl und hochnäsig gibt, obwohl sich das Etablissement immer mehr als deutsche Einrichtung entpuppt. Am Türpfosten hängt die Speisekarte – als Hauptspeise gibt es „Gefüllte Fassade“. Ich bitte um Einlass ins Restaurant, die Dame schickt mich auf die Strasse: ich soll aussen herum gehen. Inzwischen ist aus Paris afrikanische Steppe geworden, darin ein wackliges Holzhaus wie im wilden Westen, an der Veranda baumelt ein Holzschild mit der Aufschrift „Franziskanerkloster“. Die Mönche betreiben ein Restaurant für deutsche Touristen. Ich steige die Holztreppe hinauf und betrete einen engen Gastraum, in dem drei grosse Tische stehen. Alle Gäste sitzen am selben Tisch, soll ich mich dazu setzen? Das behagt mir nicht. Der zweite Tisch ist von den anderen beiden Tischen so eingekeilt, dass es unbequem sein muss, sich dahinter zu zwängen. Also bleibt nur der dritte, an dem eine Negerin im roten Kleid gelangweilt aus dem Fenster schaut. Ich lasse mich in gebührlichem Abstand neben ihr nieder, doch anscheinend ist die Distanz nicht gross genug, sie wirft mir einen genervten Blick zu. Ich habe mich zwischen sie und ihr Baby gesetzt. Das Kind ist ein bisschen blöd, aber süss. „Das Kind ist ein König“, sagt die Frau. Ich nehme es auf den Schoss, und aus dem schwarzen Kind wird ein weisses. Es hat einen viel zu grossen Kopf, der hin und her wackelt, der Mund steht offen, das Baby grinst und gibt keinen Laut von sich – es ist stumm. Trotzdem fange ich an, Gefühl für das Kind zu entwickeln und spiele mit ihm – solange bis es sich komplett auf meinen Schoss entleert. Eine braune Sauce mit roten Preiselbeeren darin ergiesst sich auf meinen Schottenrock. Der Mutter ist es peinlich, sie nimmt den Rock und trägt ihn hinaus. Darunter  kommt ein strahlend weisser Stoff zum Vorschein, durchsetzt von zarten blauen Fäden. Er hat von dem Malheur nichts abbekommen.

 

 

 

 

5

In Paris im Dunkeln durch die Strassen irrend, betrete ich ein schmales Haus, in dem angeblich der Leichnam eines Maler-Kollegen liegt. Ich weiss, dass dies der Anblick ist, den ich von allen am meisten fürchte und betrete starr vor Angst das Zimmer. Auf dem Bett liegt nur der Kopf. Ich schaffe es, mich ihm zu nähern, berühre ihn sogar, rede ein paar Worte, die Angst unterdrückend, mich wundernd, dass es mir gelingt. Dabei verformt sich der Kopf und wird weicher, so als gäben die Knochen nach, der Unterkiefer schiebt sich nach vorn und verfremdet die Form, kaum dass noch das Gesicht darin zu erkennen ist. Auf dem Höhepunkt meines Mutes streife ich seine Lippen mit den meinen und wundere mich, dass sie feucht sind. Die Augen scheinen nicht ganz geschlossen. Ich bin erstaunt, dass sich so ein Toter anfühlt, begreife, dass meine Fähigkeit, den Horror vor der Leiche zu unterdrücken, allmählich zur Neige geht und entferne mich langsam vom Bett des Toten, ihn dabei nicht aus den Augen lassend – ich gehe rückwärts zur Tür. Dabei suche ich in der Tasche und im Mantel meine Schlüssel, finde sie nicht gleich, werde nervös. Ich halte den Kopf des Toten fest im Blick, er liegt jetzt auf der Seite und sieht ein bisschen schmollend aus, düster und schmollend, aus der Form geraten. Als ich die Tür erreicht habe, beginnt der Kopf zu husten und hält sich dabei die nicht vorhandene Hand vor den Mund. Ich renne nach draussen, rufe eine Krankenschwester, die feststellt, dass es sich um deutliche Anzeichen von zurückkehrendem Leben handelt. Sie ist völlig ungerührt und malt ihm mit einem Buntstift einen roten Strich auf die Lippen, damit er lebt.

 

 

 

 

6

Ich wandere durch lichtüberströmte Strassen. In einem Vorgarten stehen drei rosablühende Bäume. Ihre Blüten sind verschwenderisch gross, die duftenden Blütenblätter hängen in verschiedenen Formen schwer an den Zweigen und schaukeln im Wind. Das Rosa der drei Bäume ist nicht zart, sondern üppig-warm, nur wenn der Wind durch die Blätter fährt, flirren sie weisslich im Licht. Ich kann mein Glück kaum fassen. Rechts von mir findet eine Party im Freien statt, also wende ich mich nach links und wandere eine Landstrasse entlang. Auf dem Asphalt klebt ein kleines Kind wie eine Kröte und kriecht millimeterweise voran. Es sieht zufrieden aus und hat ständig Glück, weil alle Autos einen grossen Bogen um das Kind fahren, so als gehörte es zum Inventar. Die Strasse führt in den Urlaub, ich bin erst zwei Tage unterwegs, der Urlaub soll drei Wochen dauern, doch ich bin schon ausreichend erholt. Drei Wochen Vakuum sind mir zu lang. Zu meinem Glück liegt am Strassenrand eine kleine Kapelle, in deren Innerem sich eine verkleinerte Arena befindet. Die Besucher steigen die Stufen in den Altarraum hinunter und lassen sich darauf nieder, um einer Führung zu lauschen. „Wir haben zwar Ikonen“, sagt der Führer, „aber leider lassen sie sich nicht erklären.“

 

 

 

7

Eröffnung mehrerer Galerien in einem neuen Galerienhaus. Eine Galeristin hat sich etwas besonderes einfallen lassen, um die Kommunikation anzukurbeln: Nach dem Vorbild eines Streichel-Zoos tummelt sich ein junger Hirsch zum Anfassen unter den Gästen. Es funktioniert, alle stürzen sich auf das warme, weiche Fell, und der Hirsch fühlt sich wohl. Die Stimmung ist gelöst. Ausserdem trägt die Galeristin auf ihrem blonden Haar ein hübsches kleines Hirschgeweih. Sie macht sich freiwillig lächerlich, um die Hemmschwelle der Galerie-Besucher zu senken. Auch diese Rechnung geht auf, es herrscht allgemeine Heiterkeit. Um noch andere Galerien ansehen zu können, verabschiede ich mich von der Galeristin mit dem Geweih auf dem Kopf, worauf sich ihre Heiterkeit schlagartig verflüchtigt. Mit empört-drohender Stimme fährt sie mich an: „Sie wollen doch nicht schon gehen?“

 

 

 

8

Bei Margarethe von Trotta in Paris. Alles ist überschwemmt. Das Wasser reicht fast bis zu ihrem Apartment, obwohl es im 7.Stock eines Hochhauses liegt. Fantastischer Blick über die Stadt. Ungerührt schwimmt der Wohungseigentümer mit uns um das Haus herum. Hinter dem Hochhaus liegt eine grandiose Berglandschaft, der Wohnungsbesitzer ist verliebt in diesen Anblick. Als Gegenstück zur Bergkulisse breitet sich vor dem Haus eine weitläufige Stadtlandschaft aus  – vorne Paris, hinten Gebirge. An der Schwelle zwischen den beiden Welten erhebt sich ein Renaissance-Tempel namens Baumann. Von ihm ragt nur noch das Dach aus dem Wasser. Der Rest ist in den Fluten versunken. Im Vorbeischwimmen blicke ich auf das Dach hinunter und staune, weil ich den Tempel bisher nur von unten kannte – aus der Strassenperspektive.

 

 

 

9

Freitagabend in New York. Ich esse in einem tristen Restaurant mit ungewöhnlich grosser Terrasse auf einem riesigen, menschenleeren Platz. Es herrscht Öde, kaum Menschen, keine Sonne, lähmende Stille. Ich nehme den Bus in einen anderen Stadtteil, wo vielleicht mehr los ist. Beim Einsteigen registriere ich erleichtert, dass der Fahrer nicht in einem hermetisch abgeschlossenen Häuschen sitzt, sondern zugänglich ist, so dass ich bei ihm eine Fahrkarte kaufen kann. Doch er lacht mich aus wie einen dummen Provinzhasen: Bei mir kriegen Sie keine Karte! Er verweist mich auf einen Haufen zerzupften Zeitungspapiers auf dem Gang. Davon soll ich mir eine Karte nehmen. Die Papierschnipsel wirken nicht, als hätten sie die Bezeichnung “Karte” verdient – ich vermute einen Künstlerscherz. Doch ein Kontrolleur sieht mit würdevoller Miene auf das Stück Papier in meiner Hand und akzeptiert es als Fahrkarte. Ausserdem moniert er meinen quietschgelben Regenschirm, der im Gang herumsteht und scheinbar keinem gehört. Die Dame hinter mir reisst ihn sich unter den Nagel, ich protestiere nicht, weil ich ihn für die Dauer des Abends gern los würde: Es sähe ziemlich uncool aus, mit kanarienvogelgelbem  Regenschirm in eine Bar zu gehen. So kann ich wenigstens beide Hände in die Manteltaschen stecken, wenn ich an der Theke lehne. Die Busfahrt ist zum Gähnen langweilig, allmählich beginnen die Dinge sich zu wiederholen. Nach und nach tauchen Häuser auf, die ich schon einmal gesehen habe. Fahre ich im Kreis? Der Bus biegt um eine Ecke und steht wieder auf dem menschenleeren  Platz mit dem tristen Restaurant. Ich steige aus.

 

 

 

 

10

Wahlkampfveranstaltung zum Krieg im Irak. Ein Politiker gräbt ein Loch in den Boden, um die Hohlheit der gegenerischen Argumente zu demonstrieren. Ein anderer hat sein Aquarium mitgebracht. Für die Fotografen steckt er seinen Kopf ins Wasser. Er will von Goldfischen umschwärmt sein.

 

 

 

11

Feuerwerk am Rheinufer bei heftigem Unwetter. Der Sturm ist so stark, dass die Szene einem Kriegsschauplatz gleicht. Inmitten des Tumults malt Robert Wilson ein betörend ungerührtes Bild in einer einzigen Farbe an den Himmel: Ein kobaltblauer Wal teilt sich wie eine Eizelle in einen Mann und einen Fisch, Mann und Fisch schmiegen sich mit tänzerischer Grazie in die Konturen des Wals, um sich sich anschliessend  jeweils in einen Fisch und einen Mann zu teilen. Dann verschmelzen die beiden Fische zu einem einzigen Fisch, die beiden Männer verbinden sich zu einem Mann, Mann und Fisch fügen sich wieder zur Form des Wals, bevor der Mann dem Fisch einen Stups auf die Nase gibt, so dass er verschwindet und der Mann am Himmel verglüht.

 

 

 

13

In einem abgedunkelten Raum hängt eine Pin-Wand mit dem Foto eines jungen Mannes, der sich um eine Fotografen-Assistenz bewirbt. Ich kenne ihn, er ist eine Pfeife, sieht aber gut aus. Plötzlich beginnt das Foto zu reden und die Lippen zu bewegen. Der junge Mann gestikuliert wie im Film. In meinem Rücken entdecke ich einen Scheinwerfer, der das Foto anstrahlt und damit zum Leben erweckt. Erstaunt zeige ich es einem Freund. „Ach“, sagt er, „das ist nichts besonderes, ein Rostocker Strobosköpchen.“  Jemand weist uns auf eine weitere Sensation hin: In einem Nebenraum, hinter einer Glasscheibe, beginnt ein Haufen undefinierbaren Stoffes zu rascheln und sich zu bewegen – eine Schlange bei der Häutung. Gelb wächsern kommt sie zum Vorschein, kriecht auf uns zu, ich fühle mich sicher, doch da steckt sie den Kopf durch den Maschendraht, der uns jetzt nur noch vom Nachbarraum trennt. Wir weichen zurück, sie gleitet durch’s Zimmer, genau in der Mitte, wir können weder nach links noch nach rechts ausweichen, ohne in ihre Reichweite zu geraten, auch über sie hinwegsteigen geht nicht, denn sie richtet sich auf, wandert mit dem oberen Teil ihres Körpers in der Luft herum und starrt uns mit ihren schwarzen Perlen-Augen an. Ihr schlanker Körper bewegt sich in drei Dimensionen – nach vorne, hinten, rechts, links, oben, unten – er kann jede Stelle, an die man auszuweichen versucht, sofort erreichen. Ich spüre meine Chancenlosigkeit, sehe aber noch einen Ausweg: in ein Hinterzimmer flüchten, die Tür hinter uns schliessen und die Polizei alarmieren. Doch Gerhard Schröder lässt sich nur darauf ein, ins Hinterzimmer zu gehen. Die Polizei zu alarmieren hält er für hysterisch. Er gibt sich sehr gelassen und schlägt vor, allenfalls für den Notfall ein Gegengift zu besorgen. Allerdings stellt sich heraus, dass er keine Ahnung hat, welches Gegengift angebracht wäre. Noch während er schwadroniert  und beruhigt, gleitet die Schlange an der Wand hinauf und über den Rand einer Glasscheibe in unser Zimmer. Dieses Zimmer hat keinen Ausgang.

 

 

14

Aufstieg mit drei Kollegen durch die Dachstein-Nordwand. In den schönsten Farben male ich den anderen aus, dass wir auf dem Gipfel die Schneefelder der Südwand vor blauem Himmel sehen werden. Das Licht wird so gleissend sein, dass der Himmel schwarz wirkt. Kurz vor dem Ziel bekomme ich Höhenangst. Wie ein Koala klammere ich mich an den Berg – es hilft nichts. Ich gebe auf und leihe einem der anderen meine Sonnenbrille. Dann drehe ich um und besuche im Tal den Zoo. In einem düsteren, feucht-glitschigen Gehege liegen zwei dicke Seekühe und liebkosen einander mit ihren Flossen, die zur kurz sind für eine Umarmung. Mein Blick gleitet nach oben, in die Dachstein-Südwand. Erst jetzt fällt mir auf, dass das Schneefeld doch noch eine Spalte weiter entfernt ist. Der Anblick der kahlen Steine ohne Schnee wird die anderen, die es bis auf den Gipfel geschafft haben, enttäuschen. Auch die Seilbahn, die an dieser Seite auf den Berg führt, ist jetzt ersetzt durch blosse Seile. An ihnen werden Menschen zappelnd wie Marionetten in einer entwürdigenden Tortur nach oben gezerrt.

 

 

 

 

15

In einem Camp, einer Mischung aus Ferienlager und unfreiwilligem Aufenthalt zur Kommunikationspflege, stakst eine Frau mit schönen Beinen und einem enganliegenden goldenen Kleid durchs Bild. Sie wird als Nutte denunziert, aber sie ist wunderschön und anziehend. Vielleicht ist sie aber auch blöd, sie spricht nicht. Das Knistern von steifem Plastik lenkt meine Aufmerksamkeit in einen Winkel, der eigentlich nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist: aus einem Lieferwagen werden grosse durchsichtige Plastiksäcke mit ganzen Menschen darin getragen, immer mehrere zusammengefasst und auf den Boden hängend wie am Fleisch-Grossmarkt. Meinen entsetzten Blick quittiert eine freundliche junge Frau in mütterlichem Ton: das ist Material für die Pathologie: “Sehen Sie besser nicht hin.”

Ich flüchte mich nach New York. Die Stadt liegt in dichtem Nebel, so dass man höchstens ein paar Meter weit sehen kann, auch in die Höhe reicht der Blick allenfalls zehn Meter. Zum ersten Mal ist NY enttäuschend wie eine ganz gewöhnliche Stadt: kein Wolkenkratzer in Sicht. Meine Lust zu plaudern wächst mit jedem Schritt Richtung Zentrum. Ich könnte mit allen reden, die mir begegnen, fühle mich aufgekratzt und befreit, der Nebel wird dünner, die Sonne ist hinter der weissen Nebelwand schon zu spüren. Am Strassenrand hängt an einer Mauer ein Feuermelder, davor steht ein junger Mann und fragt die Passanten mit süffisanter Miene, wofür sie das Gebäude wohl halten. Ein Feuerwehrgebäude natürlich. Der junge Mann – ein Künstler – triumphiert: Von wegen Feuerwehr, es ist ein Lokomotiven-Depot! Tatsächlich stehen aufgereiht wie in einem Viehstall, den man von oben einsehen kann, Lokomotiven, aber in nacktem, unlackiertem Metall und ohne Fensterglas, eigentlich nur die rohe Karosserie, ein Metallskelett. Der Weg ins Innere von NY führt durch den Keller meines Elternhauses. Alles dort ist plötzlich interessant, ich halte mich mit Kleinigkeiten auf, die mich noch nie interessiert haben. In einer Kiste liegen eine Schildkröte und ein Lobster im Winterschlaf. Beide beginnen sich zu bewegen, sobald ich sie ansehe. Wasser, sie brauchen Wasser nach dem langen Winter! Der Lobster ist ein bisschen aufdringlich und kriegt eine Tomate. Die Schildkröte, schon fast skelettiert, ist lahmer und kann ihren Kopf kaum aus dem Panzer stecken. Sie bekommt eine Ladung Wasser ab, woraufhin sich der Sand in ihrer Kiste in Zucker verwandelt und das ganze Tier bedeckt. Dabei gibt es ein erschreckendes, zischendes Geräusch, als würde ein Schwelbrand gelöscht. Mit unsanften Bewegungen befreie ich den Kopf der Schildkröte vom Zucker, den Rest schafft sie selbst.

 

 

 

16

Mein Galerist und ich gründen eine Agentur zur Lösung besonders schwerer Fälle – das heisst wir ermitteln im Milieu. Unser erster Auftraggeber schickt uns nach Hamburg und teilt uns mit, dass wir dort auf ein paar tatkräftige Helfer treffen werden, einen 500er Mann und eine Frau, die halt sei, wie die Frauen so sind: langsam, aber verlässlich immer auf der Spur des Geldes. Während wir beim Essen sitzen – wir machen den Job wegen seiner angenehmen Seiten –, frage ich meinen Galeristen, wie es ist, wenn wir jetzt einen Anruf bekommen und die Verfolgung aufnehmen müssen, wo wir doch nicht mehr ganz nüchtern sind. Seine Antwort ist eindeutig: Er stellt sich rückwärts auf eine Rolltreppe und fährt einen Stock tiefer.

 

 

 

17

In der schweren, dunklen Fassade einer altehrwürdigen Stadt erhebt sich ein Sturm mittlerer Stärke mit frenetischer Wirkung. Das weite österreichische Hinterland ist flach und zeigt keine Erhebung ausser zwei Kränen. Nacheinander stürzen sie um und begraben massenhaft Menschen unter sich. Ich nehme Zuflucht in einer Mauernische und treffe dort einen ehemaligen Künstler, der sich zum Kurator gewandelt hat. Von dort wandert mein Blick – und mit ihm ich selbst – auf den Balkon meines Elternhauses. Darauf sitzt die Kritikerin M. mit einem Stapel Aktenordner unterm Arm und schimpft milde mit mir, weil ich mich in der Kunstwelt nicht zurecht finde. Aber sie hat eine Lösung: In ihren Ordnern hat sie für jeden Künstler ein vorbereitetes Formular, das ihm, wenn er es signiert, eine Patenschaft garantiert. Danach braucht er nur noch ein paar geniale Pinselstriche auf einem anderen Blatt Papier zu hinterlassen, und schon ist er nie mehr allein oder arm. David Reed greift sofort zu. Mit himmelblauer Ölfarbe wirbelt er übers Papier und tut zumindest so, als nähme er die Sache nicht ernst. Das Foto, das als Identitätsnachweis auf seinem Unterschriftenblatt klebt, zeigt ihn als „Armes Negerkind“.

 

 

 

18

Auf dem Weg zu einem idealen Tauchplatz mit brillanter Sicht unter Wasser. Der Weg führt durchs eiskalte Meer. Vor mir schwimmt in grossem Abstand mein Vater, doch zu sehen ist von ihm nur der Hut – er schaukelt auf dem Wasser und gibt die Bewegungen seines Trägers wieder. Es sieht aus, als schwämme der Hut allein an der Wasseroberfläche, nicht treibend, sondern angestrengt rudernd. Es ist eine absolute Katastrophe für meinen Vater. Meine Rufe hört er nicht, er kämpft. Erst am anderen Ufer erreiche ich ihn, er droht zu kollabieren. Sein Zustand ist Trauer, endgültige Erschöpfung, das Ende in greifbarer Nähe. Ich suche ein Bett für ihn, finde keines, er friert und leidet an seiner Schwäche, ich suche eine Decke, auch die ist nicht zu finden, ich umhülle ihn mit meinen Armen, mit dem ganzen Körper, um ihn zu wärmen. Schliesslich ist ein Bett in Sicht, das Bett meiner Mutter, feindliches Territorium. Soll ich ihn trotzdem hineinlegen? Ein Krankenbett taucht auf, alt und klapprig, viel zu hoch, so dass ich hinauf klettern muss. Soll ich das Fenster öffnen, damit er genug Luft hat, oder es schliessen, damit er nicht friert? Ich hülle ihn ein wie ein Kind und bette ihn zur Ruhe.

 

 

 

19

Ein liebesbedürftiger Kerl entführt mich und meine Freundin. Im Auto hält er erst ihr und dann mir eine silbrige Pistole an den Kopf. Todesangst. Dann schiebt er sich die Pistole in den Mund, wartet, ich wende mich ab, versuche unter den Sitz zu kriechen, um die Bescherung nach dem Schuss nicht zu sehen. Ich stelle mir das zerfetzte Gesicht vor, eine Ewigkeit vergeht. Schliesslich drückt er ab – Ladehemmung. Er versucht es immer wieder, bis er aufgibt und scheinbar selbstverständlich  zur Tagesordnung übergeht, das heisst zum nächsten Teil der Entführung: Er lässt sich mit uns im Gartenlokal “Beethoven” nieder. Ich gehe aufs Klo und rufe mit dem Handy die Polizei. “Bis zu zwei Stunden kann es schon dauern”, sagt eine kühle Sekretärin. Ich bin schockiert, füge mich aber in mein Schicksal. Zwei Stunden kriege ich zur Not noch rum. Meine Freundin hat sich aus dem Staub gemacht, ich bin allein mit dem Entführer und spüre, dass er weich und redselig wird, weil er endlich jemanden hat, der ihm nicht weglaufen kann. Mit seiner verborgenen Pistole hält er mich in Schach, weil ich nicht weiss, ob sie nicht doch noch losgeht. Nach eineinhalb Stunden werde ich nervös und rufe noch einmal bei der Polizei an. Die Dame am andern Ende erwidert ungerührt: “Was, Sie sind in einem Gartenlokal? Da können wir sowieso nicht eingreifen. Wenn es Tote gibt, kostet das den Wirt zuviele Arbeitsplätze.”

 

21

Vor Probenbeginn sitzt die Intendantin des Frankfurter Schauspiels mit mir zu Hause auf dem Sofa. Auf unserem Schoss turnen struppige, kleine, weisse Hunde herum. Stöhnend erhebt sich die Intendantin und schleppt sich todtraurig ins Bad, um sich in die Wanne zu legen. Dort nimmt sie ein Opiat und erklärt, nur so könne sie die Theaterprobe ertragen. Denn im Sinne hoher Realitätsnähe spiele man heute im Theater so, dass die Beteiligten sich auf der Bühne möglicherweise nicht nur spielerisch in die Haare kriegen, sondern tatsächlich  umbringen. Vor dieser Art Krieg hat sie Angst. Müde wankt sie mit mir ins Theater. Unterwegs springen Wildschweine über die Mauern zierlicher Vorgärten und ignorieren uns.

 

 

 

22

An einem steilen Abhang löst sich eine Steinlawine und streift die dort spielenden Kinder – lauter Jungen. Nachdem das Getöse vorbei ist, renne ich hin, greife nach der Hand eines Jungen, zögere, nehme dann noch die Hand eines zweiten Kindes – das ist die Menge, die ich bewältigen kann – und renne mit ihnen los. Sie sind verstört, aber ihre Verletzungen scheinen sich in Grenzen zu halten. Als ich allein zurückkehre, schwebt in der Luft ein bunter Fisch von atemberaubender Schönheit. Er ist gestrandet und muss sterben, weil er nicht mehr in seinem Element ist. In der Luft schillert sein Körper silbrig in allen Schattierungen. An seiner Flanke schwebt ein zweiter Fisch und bohrt mit spitzem Maul ein Loch in ihn, um ihn bei lebendigem Leib auszusaugen. Er wehrt sich nicht. Ein Stück weiter schwebt ein dritter Fisch, noch grösser und farbenprächtiger, dem seine imposante Gestalt und Schönheit ebenfalls nichts nützen: Auch er wird bei lebendigem Leib ausgesaugt. Starr vor Entsetzen, lässt er es geschehen.

 

 

 

23

Nach bestandener Kunstgeschichts-Prüfung fährt meine Kommilitonin in einem gläsernen Aufzug nach oben, während ich wegen meiner Klaustrophobie zu Fuss gehe. Oben angekommen, steigt sie auf die Ballustrade und stürzt sich in die Tiefe. Ihr Fall dauert eine Ewigkeit, nicht weil er in Zeitlupe stattfindet, sondern weil sie aus immenser Höhe springt. Ich beobachte den Sturz über einen quälend langen Zeitraum in zahlreichen Etappen. Schliesslich zerschellt ihr Körper auf einem Geländer. Beim Aufschlag erscheint vor meinen Augen das Mondrian-Bild, über das sie gerade befragt worden ist. Zugleich halte ich in den Händen eine Illustrierte mit den Abbildungen der Bilder, über die wir beide geprüft wurden. Rechts meines, blassgrün, links das ihre: leuchtend gelbe Blumen, mit Ölfarbe getupft, sehr sonnig. Es ist völlig unverständlich, warum diese glückliche Frau sich in den Abgrund gestürzt hat

 

 

 

24

Auf der Autobahn erreiche ich das Ende eines Staus, der durch einen Unfall verursacht wurde. Die beteiligten Parteien haben sich bereits geeinigt und sind dabei, die Unfallstelle zu räumen. Man erklärt mir, dass es sich bei dem Unfall-Fahrer um den Vorstandssprecher des ehemaligen Fernseh-Widerstands handelt, und ich frage mich beschämt, ob ich da etwas verpasst habe, weil mir nicht bekannt ist, dass es im Fernsehen eine Widerstandsbewegung gegeben hat.

 

 

 

25

Für ein monumentales Kriegs-Stück im Theater soll ich einen Bühnenraum erfinden. Ich plane gigantische Stahl- und Spiegelplatten mit Schlachtengetümmel. Alles grau und ohne Farbe. Der technische Leiter heisst Blume und ist ein komplizierter Mensch, der nur selten ein Wort herausbringt. Tagelang schlage ich mich mit seinen Leuten herum, die erst die Mitarbeit verweigern und dann widerwillig an die Arbeit gehen. Die Probebühne ist der reinste Kriegsschauplatz. Als ich alles soweit unter Dach und Fach habe, dass die Produktion der Kulissen beginnen kann, kommt ein Anruf vom Regisseur: er wolle sich die Bühne lieber selbst gestalten, er brauche dazu nicht mehr als eine einzige Figur. Wütend rufe ich die Intendantin an. „Dieser Jago ist eine Diva“, sagt sie lachend und legt sich mit ihrem Liebhaber ins Bett. Zwischen den beiden ist noch ein Plätzchen frei, da soll ich mich hinlegen und ausruhen. Ich ziehe es vor, draussen herumzulaufen und einen Racheplan zu schmieden: Bei der Premiere werde ich an meiner Stelle eine menschengrosse Banane in die erste Reihe setzen. Jemand warnt mich, das sei unfair, ich müsse den Menschen sagen, wer sich dahinter verbirgt. Sonst breche Panik aus. Nein, sage ich, nach dem elften des Monats wäre das Wodka für die Seele

 

 

 

 

 

26

Ein heftiger Knall. Aus dem Keller sehe ich, wie das Geländer an der Treppe, die nach oben führt, in Flammen steht. Ich nehme es nicht ganz ernst. Doch dann fällt mir auf, dass es auch oben in der Küche lichterloh brennt. Ich hetze hinauf und lösche beide Brände. Zurück bleibt die Hand meines Vaters auf dem Herd. Die vier Finger daran bewegen sich noch. Wie die Beine einer sterbenden, auf dem Rücken liegenden Fliege rudern sie in der Luft, müde, schon halb erstarrt, vergeblich strampelnd. Sie greifen ins Leere.

 

 

 

27

Auf einer steilen Strasse im Hochgebirge. Wir suchen nach einem Quartier und stossen auf ein Haus direkt am Felsen. Eines der Zimmer leuchtet uns als idealer Raum entgegen: klein, aber strahlend hell, eine Glasfront zum Tal, die Möbel sind aus hellem Holz, die Veranda hängt über dem Abgrund. Doch dieses Juwel kostet 180 Euro pro Person. Zu teuer. Mein Begleiter rät mir, zu warten bis es billiger wird und zwischenzeitlich die Grundzüge des Balancierens zu lernen.

 

 

 

28

Mit einem kleinen Flugzeug breche ich zu einer Reise nach New York auf. Die Zahl der Passagiere beträgt ungefähr zwanzig. Ich sitze in der Mitte der letzten Reihe – wie bei einem Omnibus ist es die einzige durchgehende Reihe, so dass vor dem Mittelplatz der Gang liegt. Ausserdem ist diese Reihe erhöht, mein Sitz also der ideale Platz mit der besten Sicht, aber hinten. Zudem hat das Flugzeug eine grosse verglaste Front. Die Sicht ist fantastisch.  Trotzdem wechsle ich in eine Reihe weiter vorn, weil mein Nachbar mir ständig vor der Nase herumturnt, während er sich mit jemandem weiter vorn unterhält. Der neue Sitzplatz ist erstens tiefer gelegen und zweitens viel enger. Zudem ist mein Nachbar aufdringlich. Trotzdem bleibe ich eine Zeit und entdecke in der ersten Reihe einen Künstler-Kollegen. Doch noch befindet sich die Maschine am Boden. Sie fährt durch Landschaften und Orte, bleibt in einem engen Strassenzug stecken, klappt die Tragflächen ein, rollt weiter, manövriert unter Beteiligung der Dorfbewohner und der Passagiere vor und zurück. Schliesslich schraubt der Kapitän persönlich ein vorstehendes Stück am Rumpf der Maschine ab und nach der Passage der engen Stelle wieder dran. Währenddessen erhebt sich unter den Passagieren ein immer lauter werdendes Palaver. Mein Sitznachbar wird mir zuviel, ich wechsle wieder zurück auf meinen alten Platz, auf dem jetzt ein junges Pärchen in der Dämmerung sitzt. Der Junge steht auf, ich setze mich, sogar meine Tasche steht noch da. Drei Kampfhunde kommen und lecken mir die Hände, ich habe chirurgische Plastikhandschuhe an, so dass es mir nichts ausmacht. Erst als einer der Hunde ein Kräftemessen mit mir beginnt und leicht zubeisst, schicke ich ihn weg. Die Warterei bis zum Start zieht sich hin, wir legen immer mehr Strecke auf dem Boden zurück, das Ganze gleicht allmählich einer touristischen Busreise. Wir werden gebeten, auszusteigen und zum Essen zu gehen. Auf dem Weg dorthin ist ein schwarz geteerter Abhang zu überwinden, der mir so steil vorkommt, dass ich befürchte, ins Rutschen zu kommen. Doch er erweist sich als perfekt, um aufrecht hinunter zu gehen. Na klar, denke ich, ist ja für diese Filmszene auch so vorbereitet. Wir landen in einem Bazar, ein Haufen nicht ganz vertrauenswürdiger Typen umschwirrt uns, einer hängt sich ein Bündel langer Halsketten um seinen Oberkörper und versteckt sie dann unter dem Mantel. Das Essen soll für jeden sechzig Mark kosten, was mich nicht sonderlich aufregt. Aber ich frage mich, was ich hier soll, ich habe keinen Hunger und will nach New York. Es gibt nichtmal Rotwein.

 

 

 

 

 

 

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Ich plane eine Installation auf dem Balkon eines Museums in Barcelona: Intarsien auf dem Boden, doch ich bin selbst nicht ganz überzeugt von dieser Idee. Während ich den Ort besichtige, taucht ein anderer Künstler mit seiner ganzen Familie auf und bereitet eine schauderhaft kitschige Installation vor: Er will Papierschlangen um die Stäbe des Balkongitters flechten und darüber einen Videofilm drehen. Die Oma der Familie ist auch dabei. Sie moniert, dass die Finanzierung noch nicht geklärt sei. Ich verdrücke mich und fahre zum Hotel, das ich jetzt eigentlich nicht mehr brauche, weil die Nacht schon fast vorbei ist. Trotzdem betrete ich mein Zimmer: ein weites Halbrund mit mindestens sechs Fenstern, verdeckt von Vorhängen. Ich ziehe einen davon auf, doch er klemmt und lässt sich kaum öffnen. Draussen befindet sich eine auf exotisch gemachte Reihenhaus-Siedlung. Ratingen West auf spanisch. Die himmelblau und rosa gestrichenen  Häuschen stehen im Halbkreis. Auf jedem Haus prangt ein Sonnen-Emblem, das Markenzeichen der Siedlung. Ausserdem sind ein paar Ecken durch runde oder wellige Formen ersetzt, was an den Gaudi-Park erinnern soll. Das Ganze macht einen reichlich trübseligen Eindruck, weil es gut gemeint und schlecht gemacht ist. Ein hübsch garniertes Einerlei. Mein Zimmer enthält eine „Essecke“ in den Ausmassen eines Wohnzimmers mit einem gedeckten Tisch für acht Personen. Im ebenfalls sehr geräumigen Bad lasse ich Wasser ein, suche mir unter den vielen Flaschen ein Shampoo heraus und übersehe fast, dass währenddessen die Wanne überläuft. Im letzten Moment gelingt es mir, den Hahn zuzudrehen. Während ich neben der Badewanne knie und nach dem Wasserhahn angele, kommt mir eine „Titanic“-Melodie in den Kopf. Ich singe sie solange, bis sie mich in eine erhebende Stimmung versetzt: „Nearer my God to Thee“.

 

 

 

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Documenta-Eröffnung in einem Haus mit sehr vielen Etagen. Alles ist mit rotem Purpur verkleidet, wie in einem Puff. Auf der obersten Etage findet die Eröffnungszeremonie statt. Die Chefin, eine grosse, hagere Frau, trägt ein bauschiges braunrotes Kleid mit weissen Tupfen und einer gewaltigen Schleppe. Sie betont, sie wisse es durchaus geschickt einzusetzen und rauscht die Treppe hinunter. Die nächste Veranstaltung, einige Etagen tiefer, ist ein Gesangswettbewerb. Sheril Milnes ist eine junge Sängerin, die mit ihrer Lehrerin angetreten ist. Sie ist entsetzlich nervös und bringt nur schräge Töne hervor. Die Lehrerin fährt sie daraufhin so herabwürdigend an, dass es einer körperlichen Verletzung gleichkommt und das Mädchen vollkommen verstört. Sie wagt den Kopf nicht zu erheben und lässt sich quälen. Die Lehrerin gilt als Versagerin, aber das Mädchen traut sich nicht zu, bei einer wirklichen Meisterin zu studieren und meint, sie verlöre dadurch höchstens fünf Prozent ihrer Fähigkeiten. „Fünf Prozent sind zuviel“, sage ich, „schon ein Prozent kann entscheidend sein.“

Nebenan, in einem grosszügigeren und zugleich schlichteren Gebäude, findet die Eröffnung der Venedig-Biennale statt. Ich vertrete Deutschland, aber nicht ganz freiwillig. Meine Installation wird aufgebaut – sie ist gigantisch und lässt an Scheusslichkeit nichts zu wünschen übrig: eine schwarze, griechische Skulptur, eine Art rennender David, dem mein Galerist zwei bekleckerte Lackdosen an die Brust geklebt hat. Das soll den Kick der Installation ausmachen. So oder so ist es Mist, aber ich akzeptiere, weil ich weiss, dass es ohnehin keinen Menschen interessiert und am Ende nur der Punkt in meiner Biografie zählen wird.

 

 

 

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Die Direktorin der Firma, in der meine Modellpuppen-Köpfe hergestellt werden, trägt Schwarz. Selbst die Haare hat sie schwarz gefärbt. Ihre Schwester sagt, dies sei einer jener seltenen Fälle, in denen man schon vor dem Todesfall kondolieren könne. Ihre Mutter sei eine Hure. Sie sei zum Tode verurteilt und warte im Knast auf die Vollstreckung des Urteils. Aus Termingründen kann die Hinrichtung aber erst in ein paar Wochen stattfinden.  Seit dem Tag der Urteilsverkündung  trage die Tochter daher Schwarz.

 

 

 

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In einem Bazar versuche ich eine Karriere als Bettlerin. Als besonders schwierige Übung gilt das Anzapfen anderer Bettler. Zusammen mit meinem Bettel-Partner übe ich die schnittige Bewegung, mit der ich die Münzen, die ich angeblich schon eingenommen habe, ruckartig in meine Schüssel werfe, so dass sie heftig scheppern. Dann nähere ich mich einer Bettlerin, die sich allerdings gerade erst auf dem Boden niedergelassen hat und mir deshalb noch kein Kleingeld geben kann. Sie wäre aber im Prinzip nicht abgeneigt. Weiter zu den Verkäufern von indischem Kitsch, bunten Glasschalen vor allem. Sie haben die goldenen Münzen, die sie bereits eingenommen haben, zu einem flächendeckenden Puzzle über den ganzen Boden ausgebreitet, so dass zwischen den einzelnen Ständen kein Platz mehr ist und man die Grenzen nicht erkennen kann. Die Münzen scheinen fixiert, weil sie zu einem bestimmten Muster gehören und ein Loch hinterlassen würden, wenn man mir etwas davon gäbe. Also auch wieder Fehlanzeige. Ein indischer Händler fragt einen anderen, ob er vielleicht eine Hochzeitsschale habe, ein Kunde habe danach gefragt. Sein Kollege reicht ihm eine, er wickelt sie aus dem Papier und betrachtet sie mit ironischer Distanz. Dabei macht er abfällige Bemerkungen über den Kitsch, auf den seine Käufer hereinfallen. Ich wende meinen Blick ab und sehe, dass wir uns in einem Glaskasten befinden, an dem reissende Fluten eines Hochwasser führenden Flusses vorbeitoben. Es wirkt beeindruckend und beängstigend, weil ich mir vorstelle, dass das Glas bersten könnte. Wir würden alle sofort ersaufen. Doch eine Frau geht hinaus und durchschreitet das Wasser erhobenen Hauptes. Die braunen Fluten werden durchsichtig, und es stellt sich heraus: die Untiefen messen höchstens einen Meter zehn.

 

 

 

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Ich soll einen Werbefilm über Israel drehen und habe eine Idee, die mich selbst überzeugt. Die Kamera fährt durch eine architektonisch eindrucksvolle Allee in einen runden Platz, der von Renaissance-Gebäuden in vollkommener Harmonie umschlossen ist. Dort postiert sie sich, etwas ausserhalb des Mittelpunkts, und beginnt sich immer schneller zu drehen. Dazu sollen Golda Meir und Ariel Scharon einen Gesang anstimmen. Alles ist vorbereitet, die Kamera läuft, neben mir sitzt Scharon, gegenüber Frau Meir. Doch als es soweit ist, bleibt Golda Meir stumm, sie will nicht singen, und auch Scharon verzieht missmutig das Gesicht. Ich kann ihr Unbehagen verstehen und erkläre ihnen, dass mir zu Berlin auch kein Lied einfallen würde.

 

 

 

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Ich plane eine Dokumentation über die heutige Richter-Klasse. An der Pforte der Kunstakademie verlange ich den Schlüssel zu den Klassenräumen, bin mir aber in der Nummer nicht ganz sicher. Ein Student kommt mir zu Hilfe, fragt aber zugleich in leicht konsterniertem Ton, was ich hier will. Ich erkläre ihm, dass ich Richter-Schülerin war – und bin akzeptiert. Im Klassenraum herrscht auffällige Ruhe. Das liegt daran, dass jetzt keine verkehrsreiche Strasse mehr unter dem Fenster vorbeiführt, sondern eine Sackgasse aus Matsch. Wir gehen um das Gebäude herum und gelangen an eine orthodoxe Synagoge, die voller Menschen ist, weil gerade ein Gottesdienst abgehalten wird. Der Student will hinein, aber drinnen ist es dunkel, und man muss  gebückt einen langen, viel zu niedrigen Gang entlanggehen, um ins Innere zu gelangen. Ich verdrücke mich, doch der Student ist hartnäckig und holt mich in die düstere Kirche. In der Spiegelung einer Glastür sehe ich, dass er auf mich zeigt und verstehe, dass er sich in mich verliebt hat. Wie zur Bestätigung höre ich ihn sagen, er habe jetzt endlich seinen Gegner gefunden,  allerdings habe er ihn sich etwas anders vorgestellt: ich sei schliesslich erst 19 und er 45. Nein, sage ich lachend, es ist umgekehrt.

 

 

 

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Eine langweilige Party, ich bleibe nur eine Pflichtstunde lang. Als ich gehe, haut mir jemand noch schnell den Vorwurf um die Ohren, meine Arbeit sei zu schön. Ich verstehe ihn nicht, und er fragt: „Wo ist der Haken dran?“  Zu meiner Verwunderung fällt mir sofort eine Antwort ein: „Der Haken ist nicht dran, sondern drin.“

 

 

 

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Ich bin Zeuge einer als Fussballspiel getarnten Parade. Zwei hintereinander marschierende Männer geraten ins Visier eines Attentäters. Sein Ziel ist die Demonstration verschiedener Möglichkeiten, wie man Menschen möglichst heimtückisch umbringen kann. Der vordere Mann wird von mehreren Schüssen getroffen, ohne dass ihm etwas anzumerken ist. Wie beim Haarnadelmord der österreichischen Kaiserin geht er noch eine Weile weiter, bis er lautlos zusammenbricht. Nur der Mann hinter ihm hat es bemerkt, kann aber nicht offen zeigen, was er weiss, weil er Gefahr läuft, dann selbst erschossen zu werden. Deshalb macht er beim Fussballspielen dreimal hintereinander so gravierende Fehler, dass die anderen aufmerksam werden. Als der vordere Mann schliesslich stirbt, ist die Demonstration zuende, doch die Leiche ist echt, wenn auch klein und verpackt wie eine Mumie als Schokoladenweihnachtsmann.  Meine Aufgabe ist die Entsorgung der Leiche, ich will sie einem andern unterjubeln, doch der lehnt ab, es sei schliesslich meine Leiche. „Ein Toter!“  – ich bin entsetzt und verwundert. Mit einem unförmigen Handschuh aus Alufolie greife ich die Überreste. Der Körper des verpackten Toten zerfällt in zwei Teile. Ich werfe die Stücke in eine Toilette, doch es ist wie im Krimi, wo etwas Unvorhersehbares die Sache versaut – die Spülung ist defekt.

 

 

 

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Mit meinem Galeristen plane ich eine Hochzeit aus formalen Gründen. Es geht nicht um eine reale Liebesbeziehung, sondern darum, die Behörden hinters Licht zu führen. Die Eheschliessung soll reine Formsache sein, danach gehen wir wieder getrennte Wege. Am Morgen der Hochzeit ziehe ich ein schulterfreies weisses Kleid an. Es läutet an meiner Wohnungstür, ich öffne: mein Bräutigam steht vor der Tür, in einem schulterfreien weissen Kleid, auf dem Rücken ein artiges Schleifchen. Er sieht göttlich aus mit seinen knochigen Schultern und dem kahlrasierten Kopf. Ich breche in Gelächter aus: „Du siehst unmöglich aus.“ Seine Miene verfinstert sich: „Wir können es auch lassen.“ Mir wird mulmig: Haben wir mit dieser Hochzeit dasselbe im Sinn? Ich zögere, er drängt, schliesslich ist es geschehen, wir sind verheiratet. Beim Verlassen des Hauses rammt mein neuer Ehemann einen rosa Mercedes, der so delikat lackiert ist, dass die Farbe nicht leicht zu ersetzen sein wird. Der Besitzer bläst sich auf und produziert einen Tobsuchtsanfall. Als Schadenersatz verlangt er 120 Euro und eine Briefmarke. Ich verspreche, ihm alles zu besorgen, wenn er ein Phon leiser brüllt. Dabei drehe ich an seinem Handgelenk, als wäre es der Lautstärkeregler an einem alten Radio. Es klappt, er beruhigt sich, ich renne los, um das Geld und die Briefmarke zu holen. Mein Bräutigam händigt mir eine Briefmarke aus, auf der eine Eins steht. Eine Mark, das ist zu wenig, sage ich, dieser Aufschneider will garantiert mehr. Da fällt mir klein gedruckt das Wort Fiftyfifty auf. Es ist eine Marke zu 1 Euro 55, also drei Mark. Das muss reichen. Zurück auf die Strasse, der Autobesitzer ist verschwunden, dafür taucht ein Künstler-Kollege auf, den ich lange nicht gesehen habe. Wenn ich Pech habe, fragt er mich jetzt, ob ich verheiratet bin. Entsetzt stelle ich fest, dass ich dann ja sagen muss.

 

 

 

 

 

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Mit Margarethe von Trotta spreche ich über die Vergangenheit in dem sicheren Gefühl, dass sie vorbei ist. Dabei lehnen wir uns entspannt an eine aufrecht stehende Matratze. Plötzlich dringt aus der Matratze genau in Höhe meines Gesichts die Stimme meiner Mutter. Ich erstarre vor Schreck: Wenn die Stimme echt ist, gibt es doch telepathische Kräfte – und Margarethe hat Recht behalten.

 

 

 

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Zusammen mit dem berühmten Bankräuber Emmons unternehme ich eine kriminelle Aktion, die darin besteht, die Polizei zu provozieren: Verbunden mit einem lockeren Strick, schlingern wir eine prächtige  Allee entlang und simulieren damit den Fluchtweg. Dabei ruft Emmons von Zeit zu Zeit „Fehler“, um darauf hin zu weisen, was andere Bankräuber auf ihrer Flucht alles falsch gemacht haben. Hinter uns folgt ein ganzer Tross von Freunden und Verwandten, alle sind eingeweiht. Emmons und ich treiben es auf die Spitze, doch mir ist nur solange wohl, wie es ein Spiel ist. Der Strick reisst, wir haben es zu weit getrieben, die Polizei taucht hinter mir auf, und ich ergebe mich lachend, weil es ja nur ein Spiel ist. Zur erkennungsdienstlichen Behandlung  streicht der Polizist mir Mayonnaise auf die Fingerkuppen. Dann führt er uns in ein Verlies. Allmählich wird mir klar, dass aus dem Spiel Ernst geworden ist. Durch eine enge düstere Wendeltreppe treibt er uns in einen Gefängnisturm. Die Wände sind grau und porös. Der Polizist meint, er wisse nicht, wie mein derzeitiges Verhältnis zu Emmons sei, aber wenn wir wollten, könnten wir als besondere Vergünstigung eine Doppelzelle haben. Bloss nicht! Ich will auf keinen Fall mit diesem Mann in eine Zelle, obwohl uns angeblich eine frühere Liebschaft verbindet. Der Preis dafür, von ihm unbehelligt zu bleiben, ist eine grauenhafte Einzelzelle ganz oben im Turm, in der ich mich nicht einmal umdrehen kann. Eine eiskalte Zwangsjacke aus dreckigem, rauem, feuchtem Beton. Doch in den Wänden sind Löcher, die mir den Sprung in die Tiefe erlauben.

 

 

 

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Hanna Schygullas Hochzeit. Alles sehr exklusiv, das heisst, man gibt sich so. Als Höhepunkt wird ein Essen aus Frankreich eingeflogen. Gemeinsam mit den anderen Gästen sitze ich auf einem fliegenden Flugzeug und beobachte von der Tragfläche aus, wie über unseren Köpfen eine gläserne Maschine mit dem Buffet einschwebt. Sieht edel aber mickrig aus – viel zuwenig für 60 Personen. Die Maschine fliegt einen Salto, ich wundere mich, dass das Essen nicht wegrutscht. Beim Hochschauen wird mir schlecht, ich wende deshalb meinen Blick ab und sehe wieder nach unten. Dort wird das Essen ausgepackt – es ist tatsächlich viel zu wenig, Hanna zeigt es mir empört. Ich tröste sie: die Firma hat als Notreserve ein paar Dosen Ölsardinen mitgeliefert. Während der Feierlichkeiten wechseln meine Haare die Farbe, sie werden lang und goldblond. Wie eine Fangemeinde sind Hannas Geliebte um sie versammelt. Man versucht sich mit mir darüber auszutauschen, wie schlecht sie uns behandelt. Ich distanziere mich und mache klar, dass ich nicht dazugehöre. Noch einmal verwandeln sich meine Haare in eine lange blonde Mähne. Diesmal werde ich sie nicht mehr los. Nach der Trauungszeremonie erwartet Hanna den krönenden Abschluss. Doch stattdessen herrscht peinliche Stille, endlos und quälend.

 

 

 

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Gerhard Richter ist im Nebenberuf Polizist und geniesst es besonders, seine Dienstmütze zu tragen. Aber dann altert er rasant und wir erwarten ihn mit gemischten Gefühlen auf dem Schloss. Die Aufzugtür öffnet sch, und heraus kommt ein Doppelsitzer-Rollstuhl. Darin meine weisshaarige Mutter und Richter im königsblauen T-Shirt, völlig apathisch, er sagt kein Wort und starrt ins Leere. So können wir ihm unmöglich die Ausstellung zeigen, die hier gerade läuft: Der Schlossherr, ein Pfarrer, hat sich in riesigen Ölschinken selbst dargestellt, einmal rot und einmal grün. Plötzlich steht Richter auf seinen Beinen und schäkert mit dem Pfarrer. Jetzt trägt er ein blassblaues Business-Hemd und eine Brille wie Superman im Büro. Ich ziehe mich zurück und überlege, wie ich den Weihnachtsgottesdienst hinter mich bringen soll, zu dessen Gestaltung man mich verdonnert hat. Eine Frau läuft auf Richter zu und wedelt mit dem Zeugnis ihrer Tochter. Das sollen wir während der Messe ans Kreuz nageln, damit die Tochter im nächsten Jahr bessere Noten heimbringt. Ich bin empört über diesen Kitsch, aber Richter gibt sich jovial und verspricht ihr, dass wir alles nach ihren Wünschen einrichten werden. Dann kommt er grinsend mit dem Zeugnis um die Ecke und überreicht es mir – das Annageln ist mein Part.