Juni 2004

Mein Vater ist ein klarer Geist und wird zur Furie, die nicht mehr denken kann, wenn er sich auf die Beine stellen will und sie ihn nicht mehr tragen. Er beschimpft mich aus Verzweiflung. In solchen Augenblicken fehlt er mir und ich ihm auch – ich bin weit davon entfernt, sein Vergehen souverän zu ertragen.

 

Meine Mutter thront wie eine Diva im Krankenhausbett und erfreut den Chefarzt mit Betrachtungen über Fotografie, die dessen Hobby ist. Sie sonnt sich in einer Teilnahmsfähigkeit, die sie mir ein Leben lang verweigert hat. Derweil stehe ich an ihrem Bett und spüre meine Gesangsstunde ohne mich verrinnen.  Wenigstens dass ich singen lerne, wird sie nicht erfahren.  Sie zerschlüge es in einem Satz.

 

Mein Bruder ist gerade unerreichbar. Mittwoch Abends schliesst er seine Psychoanalyse-Praxis und singt Dylan-Songs. Das klingt schräg, aber er lacht dabei über sich selbst, und das lindert seinen Schmerz, der ihm aus dem Mangel an Vater so erwachsen ist wie mir im Fehlen von Mutter.

 

Wie unerbittlich wir geworden sind! Mein Bruder würde seinen Vater jederzeit ins Heim schicken – und ich würde meine Mutter inzwischen verhungern lassen.

 

Mein Vater, der sie aus Österreich „entführt hat “, wofür sie ihn – und uns – 60 Jahre lang mit Nahrungsverweigerung bestrafte, muss offensichtlich bis zum Ende dafür büssen. Sie hält uns auf Trab, verliert in regelmässigen Abständen das Bewusstsein und wacht im Krankenhaus auf, wo wir sie erleichtert empfangen.

 

Das Eltern-Chaos ist wie eine Welle, die über Dir zusammenschlägt, dann tauchst Du auf, und bevor Du nach Luft schnappen kannst, kommt schon die nächste, schüttelt Dich durch, und wenn Du endlich wieder oben bist …

Vor 48 Jahren stand mein Vater mit mir als Baby auf dem Arm am Nordsee-Strand, eine Welle warf uns um, sie riss mich aus seinen Armen und dann … siehe oben.

Jetzt also wieder. Auch die Rolle meines Vaters ist die gleiche, die Angst vor dem Unausweichlichen erstickt uns beide.

 

 

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15.6.2004
Als ich aus Paris zurück kam, vergiftete mein Vater sich mit einem Essen, an dem er (aus Sparsamkeit) drei Tage lang geknabbert hatte, bis es so vergoren war, dass er fast daran starb. Er schaffte es noch, mich anzurufen, ich rief den Notarzt und dirigierte ihn nach Essen in die Wohnung meiner Eltern, fuhr in Düsseldorf los und rief meinen Vater von unterwegs an. Er war enttäuscht, weil er zu glauben schien, dass ich kein Auto, sondern einen Helikopter habe, dann hörte ich ihn schreien, stöhnen, weinen …

Als ich ankam, hatten die Nachbarn ihm ein Schürzchen umgebunden, himmelblau kariert mit weisser Spitzenlitze, er hing auf einem Stuhl, vor sich auf dem Tisch ein Kissen zum Kopfdrauflegen, auf dem Schoss den Eimer.

 

Der Notarzt war schon wieder weg, mein Vater hatte sich geweigert, mit ins Krankenhaus zu kommen. Er stöhnte, schrie und jammerte das ganze Haus zusammen, der zarte Körper wand sich unter Schmerzen und Übelkeit, ich habe ihn gestreichelt und beruhigt, woraufhin er mich wutschnaubend daran erinnerte, dass ich mir gar nicht vorstellen könne, wie schlecht ihm sei. Ich hielt es nicht mehr aus und rief den Notarzt.

 

Er kam ein zweites Mal, eine zickige Tunte, die mir als erstes einen Vortrag darüber hielt, dass man einen Notarzt nicht zweimal rufen dürfe, was das koste und ob ich nicht wüsste, dass es einen hausärztlichen Notdienst gebe. Nein, sagte ich. Das gehört aber zur Allgemeinbildung, sagte die Zicke. Mein Vater jaulte derweil unter Schmerzen weiter. Ich hab mich ganz klein gemacht und die Tunte angefleht, ihm Paspertin zu spritzen. „Auf Ihre Verantwortung“, sagte er und tat es. Als das Zeug in die Vene sickerte, fiel mir ein, dass ich nicht wusste, ob es mit all den anderen Medikamenten kollidiert, aber es war mir egal. Ich wollte, dass er aufhört zu schreien. Ich wollte, dass er erlöst wird. Vielleicht wollte ich auch, dass ich erlöst werde. Der Notarzt verschwand schimpfend. Dann jammerte mein Vater noch ein bisschen und schlief ein. Sein Schnarchen war Musik in meinen Ohren.

Und dann wurde mir plötzlich klar,  dass ich gefangen war wie die Maus in der Falle. Ich war allein mit ihm, er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, beim Pflegedienst war niemand erreichbar, meine Mutter im Krankenhaus, ich konnte ihn nicht allein auf die Füsse stellen, aber vor allem: Ich wollte um keinen Preis eine Nacht in der Wohnung meiner Eltern verbringen. Dann kam meiner Mutter am Telefon die rettende Idee: Bring ihn hierher ins Krankenhaus. Sie hat es tatsächlich geschafft, die Ärzte zu bereden, dass sie ihn aufnehmen und zu ihr auf die Station legen. Also musste ich nur noch meinen Vater überzeugen. Aber der schlief. Ich wartete, bis er aufwachte, und erklärte ihm schlechten Gewissens mein Vorhaben, wie ein  Dieb, der den Bestohlenen um Nachsicht bittet. Natürlich sagte er nein. Ich liess ihn weiterschlafen, dann versuchte ich es nochmal. Sofort schlief er wieder ein. Bis ich dahinter kam, dass er sich schlafend stellte. Trotzdem: Er konnte sich nicht aufrichten, nicht einmal alleine trinken, er war ein Häufchen Elend. Dann bekam er mit, dass ich telefonisch einen Krankentransport zu organisieren versuchte – und plötzlich packte ihn der Zorn. Er stand auf, ganz ohne Stock und Hilfe, zog sich die Hose an und sagte: Gehen wir.

 

Klingt, als wäre er ein Schauspieler, ein Tyrann, der uns alle an der Nase herumführt. Nein, ein Schauspieler ist er nicht, ein Tyrann schon eher, aber ein ganz normaler, einer wie ich es vielleicht auch würde, wenn die Tyrannei das letzte Mittel ist, mit dem man sich vor dem Abtransportiertwerden  schützen kann.  Wie ein Kind, das sich vor dem Impfen drückt, indem es die wunderlichsten Ausflüchte erfindet, drückt er sich vor dem Krankenhaus – und in der Folge vor dem Altersheim.

Jetzt fängt also das schrecklichste Kapitel an. Oder vielleicht ist es nur das vorläufig schrecklichste. Mein Vater, der Mann, der mich beschützt hat, der mich Musik hören gelehrt hat, der mich als Teenie zu den Konzerten kutschiert hat, damit ich den von mir verehrten Pianisten aus der Nähe anbeten konnte, der mich zusammengeschissen hat, wenn ich abends zu lang mit Männern aus war, der ein famoser Skifahrer und wunderbarer Erzähler war, dieser Mann duckt sich jetzt vor mir, damit ich ihn nicht aus seinem letzten Refugium zerre.

Und ich schleiche um ihn herum wie ein Fuchs um die Beute, damit ich wieder arbeiten kann, anstatt meine Tage damit zuzubringen, frische Schlafanzughosen zu organisieren, Medikamentenzettel zu suchen, Pflegern hinterher zu telefonieren, Essen auf Rädern ab- und dann wieder her- zu bestellen,  zwischen Essen und Düsseldorf hin und her zu fahren, zu trösten und kurz darauf gescholten zu werden für meine mangelnde Aufmerksamkeit sowie die Nachbarn bei Laune zu halten, die er vergrault, weil ein Mann wie er keine Hilfe braucht …

Die Frage ist: Er oder ich.

 

Selbst der Arzt im Krankenhaus schüttet mir sein Herz darüber aus, dass er den Verfall seiner Eltern nicht mehr ertragen kann und keine angemessene Lösung findet, weder für sich noch für die beiden Alten. Und dabei findet er natürlich meine Eltern furchtbar charmant und geistig ungeheuer fit. Ja, alle, die die zwei sehen, sind bezaubert, weil sie einen Charme versprühen, der einem die Sprache verschlagen kann. Man darf ihnen nur nicht zu nahe kommen…

17.6.2004
Als ich gestern ins Krankenhaus kam, empfing meine Mutter mich mit ausgebreiteten Armen. Das war noch nie da. Zögernd ging ich darauf ein, aber es gab nicht viel zu umarmen, sie ist so winzig. Ich habe mich gewissermassen selbst umarmt. Die ungewohnte Geste hat mich an zweierlei erinnert: an Gerhard Richter und an meinen Wellensittich. Als ich mein Examen bestanden hatte, kam Richter zwecks Verkündigung des Ergebnisses aus dem Prüfungsraum und erwartete mich mit ausgebreiteten Armen, was bei dem Eisklotz von Lehrer, der er damals noch war, einer Sensation gleichkam. Und als Kind hatte ich einen Wellensittich, ein ebenso scheues wie stures Vieh, das sich niemals auf meinen Finger oder sonstwas Menschliches setzte und sich jeglicher Vertraulichkeit verweigerte. Nur ein einziges Mal schien er sein Wesen zu vergessen. Er wurde vollkommen zutraulich, flatterte auf meine Schulter, schnäbelte, sprang auf meinen Finger, liess sich herum tragen und nahm schliesslich vergnügt auf meinem Füllfederhalter Platz, so dass ich ihn damit über das Papier des Schulhefts schaukelte. Am nächsten Tag war alles wieder vorbei. Für immer. Ich weiss nicht, was in ihn gefahren war, vielleicht ein hormoneller Ausrutscher. Was Richter angetrieben hat, kann ich mir schon eher denken, eine Anwandlung von Besitzerstolz vermutlich. Ich habe es genossen. Aber was bei meiner Mutter dahinter steckte, kann ich ziemlich genau erkennen: Sie hat Angst vor mir. Der Spiess hat sich umgedreht. Früher hat sie mich abgeschoben, jetzt fürchtet sie, dass ich sie abschiebe. Dabei habe ich nichts mehr verhindern wollen als eine Situation, in der es nach Abrechnung riecht. Ich habe nichts abzurechnen. Und vor allem nicht zu richten. Und doch bin ich – gemeinsam mit meinem Bruder – jetzt unversehens zur Instanz geworden, die die beiden Alten für sich einzunehmen suchen, damit sie nicht im Heim landen.  Aber gottseidank halten sie die Rolle nicht durch. Mein Vater schimpft wie ein Rohrspatz, und meine Mutter macht zumindest meinem Bruder wieder Vorwürfe. Trotzdem ist diese reflexhafte Umkehr der Autoritätsverhältnisse eine abgrundtiefe Perversion; Eltern und Kinder umschleichen einander, darauf lauernd, was der andere im Schilde führt.  Mein Bruder und ich sammeln heimlich Prospekte und Telefonnummern von Altersheimen, lassen uns von den strahlenden Senioren auf den Prospekt-Fotos beruhigen, und ich versuche mich an den Gedanken zu gewöhnen, indem ich den Begriff „Altersheim“ durch „Betreutes Wohnen“ ersetze. Und meine Eltern ahnen alles.  Ich bin Judas, der Kuss kommt noch

26.6.2004

Theater aus Lettland am Frankfurter Schauspielhaus: Zwei Stunden ohne ein Wort, sehr gut gespielt, fünf alte Leute, die man wie ein Voyeur bei ihren alltäglichsten Verrichtungen beobachtet. Es war oft witzig, und das hat mich gestört.: wenn zum Beispiel die alten Klappergestalten ihre Kleider ausziehen und darunter verrutschte Schlafanzughosen oder schlabbrige Schiesser-Unterwäsche zum Vorschein kommt.

Als ichg vor ein paar Tagen meinen Vater besuchte, trug er einen

Krankenhaus-Schlafanzug, viel zu gross für das zarte Männlein, mit Leukoplast am Bauch zusammengehalten, die Hose seltsam ausgebeult. Ich hatte bei der Einlieferung seine Vorlagen vergessen (seit einem Sturz, bei dem ihn meine Mutter mit zu Boden riss, so dass er hilflos neben seiner bewusstlosen Frau lag und sich nicht selbst auf die Füsse stellen konnte, ist er inkontinent). Ersatzweise hatte er sich eine zusammengefaltete Unterhose meiner Mutter in die Hose gelegt, um die Tropfen aufzufangen. Natürlich hätte er genug eigene Unterhosen in seinem Krankenhaus-Schrank, aber es musste die von meiner Mutter sein. Statt zu begreifen, warum er das tat, rannte ich zur Schwester, um Vorlagen für ihn zu holen. Aber die wollte er nicht. Ich drängte sie ihm auf, er wehrte sich und wurde böse. Als ich später meine Dämlichkeit begriff, war es ein schneidender Schmerz. Nicht komisch.

 

7.7.2004

Nach all den Katastrophen der letzten Monate hat sich die Situation mit meinen zwei Alten ein bisschen stabilisiert, sie sind wieder zu Hause und geben sich rechte Mühe, keine Fälle fürs Altersheim zu sein. Und da es heute morgen so aussah, als käme der Sommer für einen Tag in Deutschland vorbei, habe ich mir vorgenommen, nach Essen zu fahren, die beiden in meinem mickrigen Micra zu verstauen und mit ihnen an den See zu fahren. Natürlich hat sich meine Mutter gesträubt. Oh Gott Kind, Kaffee trinken in einem öffentlichen Café ist viel zu teuer, lass uns doch zu Hause Kuchen essen. Ich habe drauf bestanden, dass ich nur komme, wenn sie in einen Ausflug einwilligt, wozu sie sich natürlich nicht so einfach bereit erklären konnte, während mein Vater nach einem Verlassen der Wohnung, welches nicht einem Arztbesuch dient, geradezu lechzte. Aber er ist ja jetzt nicht mehr der Pascha, weshalb er artig sagt: „Da musst Du die Mutti fragen.“ Die Mutti!

 

Ich habe die Mutti nicht gefragt, sondern bin einfach so früh hingefahren, dass ich sie gerade am Ende des Mittagsschlafs erwischte und sie noch nicht die Chance hatten, den häuslichen Kaffeetisch zu decken. Ich klingle (Schlüssel hab ich keinen, ich will nicht derjenige sein, der sie tot in der Wohnung findet), es dauert wie immer beunruhigend lange, so dass ich mir schon die nächsten Schritte überlege, wie ich in die Wohnung käme, wenn sie nicht öffnen… Dann geht die Tür auf und ich stapfe erleichtert nach oben.  Die Etagentür ist angelehnt, drinnen kein Laut, ich schiebe sie vorsichtig auf, da steht mein Vater im Gegenlicht und grinst:  Er ist gerade aus dem Bett gestiegen, seine nackten, säbelkrummen Beinchen stecken in dunklen Socken,  er hat keine Schuhe an und keine Hose, aber ein kariertes Hemd, das ihm bis auf die Oberschenkel reicht, und zittert vor Lachen: Er weiss genau wie er aussieht, seine wenigen Haare stehen, vom Schlafen zerzaust, seitlich ab wie kleine Teufelshörner,  neben ihm sitzt seine Frau in Schiesser-Unterwäsche, noch verschlafener als er, ihre weissen Haare winden sich wie angelutschte Zuckerwatte um das zerknautschte Gesicht, und er hat das Ganze  inszeniert. Während meine Mutter sich geniert, geniesst mein Vater dieses Bild und wartet, bis ich in Gelächter ausbreche. Seine diebische Freude feuert mich  an, bis mir die Tränen kullern: Er hat mir dieses Bild geschenkt und triumphiert: die Überraschung ist ihm gelungen!

 

14.7.2004

Wieso bin ich eigentlich so bissig heute? Vielleicht, weil ich bei meinen Eltern war? Dabei in angenehmer Begleitung, mit meinem österreichischen Lieblingscousin, der extra zum Plaudern für zwölf Stunden aus Wels angereist  ist (neun Stunden mit dem Zug her, neun Stunden zurück). Sein Vater stand zu meiner Mutter, wie ich zu ihm: wenn sie nicht verwandt gewesen wären, wären sie ein Paar geworden. Jetzt aber ist sein alter Vater noch vital und fit, während meiner kaum noch laufen kann und sich die Tränen nur verkneift, weil ein Mann in Anwesenheit eines Mannes nicht weint. Aber er kämpft gegen sich selbst, und meine Mutter versucht die Qual mit einer Stimme zu übertönen, die sich  vor Anstrengung schier überschlägt – vielleicht mag ich deshalb keine hohen Töne mehr. Und immer geht es um Kuchen! Iss noch ein Stück, nimm doch noch was, vor allem, wenn mein Vater etwas sagen will: iss doch noch was! Immer zwei Oktaven höher als mein Vater. Mein Cousin ist dabei entspannt und lacht. Er hat ja auch gut lachen: einen Vater, mit dem er sich nicht streitet, sondern auf Reisen geht. Die Donau rauf, die Donau runter. Allerdings hat sich in derselben seine Mutter vor ein paar Jahren ertränkt. Nicht ohne vorher auf einer Bank am Ufer ihren Pass zu hinterlegen, damit ihr Mann sie nicht identifizieren musste. Sie war immer schon sehr ordentlich. Ihre Vanillecreme schmeckte mir als Kind besonders gut. Und mein Cousin war als Kind wegen seines roten Tretautos überaus attraktiv.  Die ganze Familie war im Gegensatz zu meiner, wo ständig debattiert und diskutiert wurde, ein Hort der Sanftheit und der Freundlichkeit. Und dann inszeniert die Mutter ihren Selbstmord auch noch so rücksichtsvoll, dass bis heute keiner weiss, warum.

 

 

Meine gereizten Nerven verdanke ich aber zur  Zeit auch dem Zustand meines Vaters, den ich vor ein paar Tagen so sah, dass ich mich bisher nicht getraut habe, es zu beschreiben. Er war immer – bis vor ein paar Monaten – ein faltenloses Phänomen. Weder sein Gesicht noch sein Körper wies auch nur eine einzige Falte auf. Dann klagte er über Juckreiz an allen Ecken und Enden. Ich dachte, aha, er fühlt sich nicht mehr wohl in seinem schwächer werdenden Körper und kaufte ihm ein Fläschchen Babymilch. Da sah ich plötzlich einen Körper, nein ein Gerüst, an dem in schlaffen Beuteln Falten hingen, keine Haut, nur schwere, schrumpelige, schorfige Runzeln, hilflos baumelnd, nein hilflos waren nicht die Runzeln, sondern er, der es wusste und fühlte, sich wohl erinnernd an den Männerkörper, in dem er 92 Jahre lang gesteckt und der ihn nun verlassen hat, ihm nichts als einen Haufen Verfall bescherend. Wir waren beide sprachlos, es fiel mir schwer, ihn zu berühren – noch nie habe ich zuvor gezögert, meinen Vater anzufassen – dann tat ich es doch und spürte die rauen Borsten seiner schorfigen Haut, mich erinnernd an die Zunge eines Kälbchens, die ich als Kind in der Erwartung warmen, zarten Fleisches streichelte, und dann war es ein Reibeisen.

Morgen fahre ich mit ihm ein Heim besichtigen. Natürlich nur für den Fall einer eventuell nötigen Kurzzeitpflege. Judas schleicht sich auf Samtpfoten an.

 

7.12.2004

Gestern Abend gab es ein Bild, das mich überrascht hat: Ich hatte sein Genick massiert, weil es steif war von der vielen Angst vor dem Fallen, dann lag er im Bett, ein Gläschen Chardonnay intus und um den Hals ein Schafsfell, in das ich ihn eingehüllt hatte wie in ein zartes, anschmiegsames Schäfchen. Sein kleines Gesicht strahlte zufrieden. Dass er mich von unten ansehen musste, war nicht demütigend, sondern entspannt genossen. Dieses Bild hatte ich heute Nacht vor Augen, als ich aufwachte und mich wie immer zu fürchten begann vor dem klingelnden Telefon, das die nächste Katastrophe vermeldet. Ich dachte: Wenn er heute Nacht stirbt, so eingekuschelt in das weisse Fell, so vergnügt und behaglich, dann bin ich nicht schockiert, sondern beruhigt.
Natürlich ist er nicht gestorben, sondern hat mittags und abends das Geschirr abgewaschen. Und ich hatte den Pflegedienst angewiesen, ihn jeden Tag zu waschen!

 

 

16.12.2004

Gerade hatte ich mich ein bisschen in die endlich entstandene Leere versenkt und damit begonnen, meine Arbeit zu sichten, da ging die elterliche Alarmglocke. Vater angeblich verwirrt, Mutter hysterisch. Raus aus den Gedanken, rein in die rote Kiste, in Essen angekommen: Vater steht friedlich lächelnd da, Mutter immer noch hysterisch, den Kopf zur Seite und ein wenig schräg nach unten geneigt, wie eine Pieta, ihr Schicksal betrauernd. Ach, seufzt sie vorwurfsvoll. Den Arzt soll ich rufen, sagt sie. Aber warum? Um Gottes willen, ruf ihn!  Ich fasse meinen Vater bei der Hand, der Druck ist normal, er war nur aus einem bösen Traum erwacht und ein bisschen durcheinander. Jetzt ist er wieder klar und freut sich des Lebens. Um Gottes willen, ruf den Arzt! Warum? Ein Schlaganfall vielleicht! Nein, sage ich, das ist kein Schlaganfall. Ach, sagt meine Mutter und neigt enttäuscht den Kopf. Sie will meinen Vater loswerden, weil sie den Druck nicht mehr aushält. Den Druck der Angst vor seinem Tod und den Druck der anstrengenden Pflege, solange er lebt. Ich verstehe, dass es meine Mutter ist, die Hilfe braucht und rufe den Hausarzt an. Sag ihm um Gottes willen, dass er kommen soll, fleht sie. Ich nehme das Mobiltelefon, verschwinde in einem anderen Zimmer und sage ihm, dass er nicht kommen, dafür aber mit seiner Stimme meine Mutter von der Palme holen soll. Ja, sagt er, mach ich, redet zwei Minuten mit ihr, und ihr verkrampfter Körper löst sich, die Entspannung ergreift förmlich von ihr Besitz, danke danke Herr Doktor, sagt sie unterwürfig und sinkt auf ihren Stuhl wie ein Häufchen Körper. Anschliessend kriegen die beiden noch Kaffee und Kuchen, dann Ablflug.

Jetzt sitze ich hier und könnte mit der Arbeit anfangen, aber das ist Hirnakrobatik.  Und ich bin müde. Ob ich so jemals einen Überblick über das kriege, was sortiert sein will für die nächste Ausstellung?

 

29.12.2004

Bin müde, ausgelutscht und traurig über all das Elend, das das Alter über meine Alten bringt … aber irgendwie bin ich auch wieder stolz, dass es mir gestern gelungen ist,  aus meinem raunzenden, garstigen, theatralisch wimmernden, halb verdursteten Vater mit seinen aufgesprungenen Lippen ein zufriedenes Hutzelmännlein mit rosigem Gesicht, glücklichem Lächeln und sogar ein paar neugierigen Fragen nach meiner Arbeit füer das Mannheimer Museum zu machen. So hat meine Mutter wenigstens ein paar Stunden Verschnaufpause, bevor er wieder anfängt, sie mit seinem Leiden an sich selbst zu tyrannisieren. Er kann so ein charmantes Kerlchen sein, wenn er aus seinen Kissen heraus schmunzelt, aber er kann auch ein furchterregender Kotzbrocken sein, der unser aller Angst vor seinem Tod für seine Szenen nutzt. Währenddessen quält meine Mutter sich mit der Vorstellung, dass man sie im Sarg zur Tür hinaus trägt, was sie mir zwecks Erleichterung erzählt, womit sie mich gleich mitzieht in ihren ewig lauernden Abgrund. Aber da habe ich heute ausnahmsweise mal einen Riegel vorgeschoben. Den Fall kann mein Bruder übernehmen, wofür hat man schliesslich einen Psychoanalytiker zum Bruder .
 

 

 

 

6.3.2005

Heute habe ich mein letztes bisschen Vater in einem orangenen Tuch aus dem Haus tragen lassen – dann hinter dem Notarztwagen hergefahren, zwei Stunden in der eisgekühlten Notaufnahme neben diesem vollkommen ausgetrockneten Männlein gesessen – mir unterdessen von ihm erklären lassen, warum er nichts trinkt: „och, das fand ich überflüssig“ – in der Zwischenzeit wurde noch eine alte Dame, furchtbar dünn, aber edel gekleidet und allein, mit einer blutenden Platzwunde am Kopf gebracht, eine Chinesin, die sich die Zunge abgebissen hatte, aber wenigstens nicht allein, und eine alte Frau, die immer wieder vor sich hin jammerte: „nein, das kann nicht sein, das ist nicht wahr … ganz allein?“ Sie war allein. Die ganze Zeit dachte ich an meinen gestrigen Besuch in Mannheim, wann ich endlich anfangen kann, die Eindrücke von dem Gespräch mit der Museumsleitung zu verarbeiten, und spürte sie mir förmlich durch die Finger rinnen. Also habe ich mich – wieder zu Hause – erstmal ein Stündchen schlafen gelegt. Danach war ich toter als zuvor. Also bin ich eine Runde laufen gegangen, danach ging’s auch nicht, habe stattdessen irgendein blödes Heizungsrohr gestrichen, meinen Vater zu vergessen versucht, meine weinende Mutter am Telefon getröstet, überlegt, wie ich den verdammten Pflegedienst zur Raison bringe – wir zahlen einen Haufen Geld dafür, dass das Klo trotzdem ungeputzt und mein Vater dehydriert ist, aber vielleicht liegt’s auch an seiner Widerspenstigkeit? – und jetzt bin ich so k.o., dass ich grade noch mein  Geschirr spülen kann.

 

10.3.2005

Ich arbeite zwar an dem Entwurf für Mannheim, indem ich mich mit dem kurfürstlichen Absolutismus beschäftige, mit dem Frankenthaler Porzellan (scheusslich), den Mannheimer Stadtplänen aus dem 18. Jh., die mehr Kneipen als Wohnhäuser ausweisen, den glupschäugigen Herrschaftsportraits, der kolonialistischen Verblendung, die ein wenig dem Rassismus meiner Mutter ähnelt …. und schon bin ich wieder bei meinen Eltern. Zwar ist heute mein Bruder bei ihnen, nachdem ich heftig mit ihm geschimpft habe wegen seiner männlich-vornehmen Zurückhaltung, aber es gibt auch dann kein Entkommen aus der lichtlosen Höhle, in die uns der bevorstehende Tod gezwungen hat. Wir warten auf ihn und fürchten ihn, ruhelos und starr wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir versuchen ihn auszumachen – wird er morgen eintreten oder in einem Jahr? Wird er schnell kommen oder schleichend? Sind die Verwirrtheit der beiden und das Fieber seine Vorboten? Oder hält er uns wieder zum Narren, wie schon so soft? Ist das Händeringen und Schluchzen meines Vaters über das „bevorstehende Ende“ ein Hinweis darauf, dass der Tod kommt, oder ist es Theater? Oder ist es nichts als seine panische Angst vor dem Ende, dem er so wenig gelassen gegenübersteht wie ein Zwanzigjähriger? Sind seine Vorwürfe, weil ich den Besuch heute an meinen Bruder delegiert habe, um zu arbeiten, ein Hinweis darauf, ihn nicht in der letzten Stunde allein zu lassen? Und ist die Tatsache, dass ich trotzdem nicht arbeiten kann, sondern nur so tue als ob, ein Vorbote seines Todes? Sollte ich darauf hören und den ganzen Tag bei ihm bleiben, weil es vielleicht sein letzter ist? Oder ist es – wie schon so oft – keineswegs der letzte Tag? Das Anrücken des Todes macht uns blind und wirr im Kopf, es ist entwürdigend und keineswegs erhaben. Wir strampeln wie die Nichtschwimmer, die verzweifelt versuchen, den Kopf über Wasser zu halten, und schlucken dabei Unmengen Wasser. Ich habe mir nicht vorstellen können, jemals den Tod meiner Eltern herbeizuwünschen. Jetzt tue ich es.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15.3.2005

Eigentlich wäre das heute mein Tag gewesen, frei, um zu arbeiten, während mein Bruder sich um meine Eltern kümmert. Doch kaum ist er wieder weg Richtung Frankfurt, bricht mein Vater in ein Lamento über seinen furchtbaren Zustand aus, nachdem er zuvor meinem Bruder von den zarten Händen der Krankengymnastin vorgeschwärmt hat.  Ich verspreche, ihn morgen zu besuchen und versuche in der Bibliothek Bücher über Mannheim zu finden. Das Handy klingelt, mein Bruder, wieder in Frankfurt, verhandelt mit mir die Prognosen der Ärzte (gar nicht so schlecht), ich fahre nach Hause, auf dem Anrufbeantworter ist meine schluchzende Mutter, die von meinem Bruder nichts gehört hat, der doch bei meinem Vater im Krankenhaus gewesen sein muss, bevor er nach Frankfurt weiterfuhr, sich aber seither nicht gemeldet hat, was doch wohl nur heissen kann, dass mein Vater gestorben ist und er es ihr nicht sagen will…  Ich tröste und beruhige sie, dann vertiefe ich mich in Mannheim, bis mein Bruder anruft, um ein bisschen mit mir darüber zu streiten, dass er wegen einem Notfall nach Essen gefahren sei, der eigentlich gar keiner mehr war, als er ankam, weil ich schon aufgeräumt hatte, und dass er sich „vor sich selbst und seinen Kollegen“ schäme, wenn er sich solche Weichheit leistet… Schliesslich sind wir beide müde, versöhnen uns, ich nehme mein Mannheim-Buch, das Telefon klingelt, meine Mutter sucht meinen Bruder. Ich hab gerade mit ihm telefoniert, sage ich. Ist er denn weggefahren, ohne sich zu verabschieden, fragt sie. Ich verspreche, meinen Bruder anzurufen, damit er sie anruft, auf dass sie seine Stimme hört. Aber bei meinem Bruder ist besetzt. Ich suche im Schrank ein Glas, giesse mir Rotwein ein, setze das Glas ans Ohr und nehme das Telefon an den Mund. Schliesslich kommt mein Bruder mir zuvor, es klingelt, ich nehme ab, melde mich mit meinem Namen, und als ich meinen Bruder höre, sage ich: „Mutter!“ Eine Verwechslung. Zum Abschluss gesteht er mir noch, dass meine Mutter heute Nacht durch die Wohnung gegeistert ist und erzählt hat, dass sie im Traum beim Papst war, aber leider aufs Klo musste…..

20.3.2005

Mein Vater ist weg. Da haben wir alles so hübsch vorbereitet für seine Rückkehr aus dem Krankenhaus, ein Super-Pflegebett, das gar nicht nach Pflegebett aussieht, sondern wie ein nobles Hotelbett, mit allen Schikanen zum Rauf- und Runterfahren, selbst die Gitter sind dezent hinter Holzplatten versteckt, dazu einen 1 A-Rollstuhl, der genau durch die Türen passt, ein richtiges Papamobil, alle Teppiche weggeräumt, damit er nirgends stecken bleibt, und was macht der Alte? Klettert mitten in der Nacht aus dem Bett, aus Protest, weil man ihn nicht alle halbe Stunde aufs Klo bringt, also seinem analen Spleen frönt, denn das ist es. Er muss nämlich nicht. Aber mit seiner verrückten Fixierung auf Exkremente, die gar nicht da sind, hält er alle auf Trab. Und wer nicht gehorcht, der kriegt es mit seinem Zorn zu tun. Der alte Mann baut sich in den letzten Resten seiner Männlichkeit auf und stolpert darüber. Zu reden ist nicht mehr mit ihm. Seine Beziehung zum Klo ist ein Wahn. „Das ist nicht mehr dein Vater“, sagt mein Bruder zum Trost und meint damit, dass er nicht mehr ansprechbar ist. Es stimmt. Mein Vater ist wohl wirklich weg. In der letzten Zeit, als er mehr und mehr anfing, uns alle mit seinen Klogeschichten zu quälen, ist vor meinen Augen das Bild meines Vaters als Müllhaufen entstanden. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass man in solche Abgründe rutschen kann. Er ….. und ich auch.

Jetzt  haben wir noch zwei Möglichkeiten: ihn laufen lassen und warten, bis er sich etwas bricht (denn er kann nicht mehr laufen), dann kommt er ins Krankenhaus und stirbt unter Schmerzen. Oder ihn ins Heim bringen, was für ihn und mich der grösste Horror ist, dort wird er dann sediert und, wenn’s nicht reicht, im Bett fixiert.

Vielleicht ist mein Vater doch nicht weg, und ich stelle mir das bloss vor, damit es erträglicher wird.

 

21.3.2005

Nachdem mein Bruder ihn zur Sau gemacht hat, hat mein Vater kapiert, dass er nachts nicht aus dem Bett klettern kann, ohne am nächsten Tag im Heim zu landen, und ist heute Nacht brav gewesen. Der Mann, der mich hören und sehen gelehrt hat, gehorcht wie ein Kind. Die Demütigung gehört zum Programm seiner Bewahrung vor dem Pflegeheim. Ich werde ihn demütigen, wenn er sich anschickt, wieder aus dem Bett zu klettern, damit ich ihn nicht ins Heim schicken muss. Und ins Heim schicke ich  ihn nur deshalb, weil ich meine Arbeit nicht machen kann, solange ich seine Exkrementengeschichten ständig am Hals habe.  Sein Leben oder meins.

 

Klingt, als wäre dies die Geschichte einer besonders problematischen Familie.  Ist es aber nicht. Im Gegenteil. Im Dorf, aus dem ich komme und in dem meine Eltern jetzt noch leben, galt unsere Familie als hoch angesehen, intelligent, sehr sozial, kontaktfreudig, einfühlsam, bescheiden und harmonisch. Freunde meines Bruders und von mir waren immer willkommen und kamen gern. Auch Alexander, mein Mann,  war beeindruckt von dieser Familie. Bis er vor ein paar Jahren zum ersten Mal einen Unterton hörte, der ihn und mich stutzig machte. Das heisst, mich eigentlich nicht, ich wusste es immer, was dahinter schlummert, ich kenne meine Mutter ja aus der Zeit, die ich als Kind mit ihr  in Österreich verbrachte. Aber ich habe mich auch gesonnt in dem Gefühl, aus einer besonders liebenswerten Familie zu kommen, wo die Eltern Gefangene betreuten, in soziale Brennpunkte gingen, um den Benachteiligten zu helfen und immer irgendwelche Entwicklungshilfeprojekte unterstützten. Erst als sie schwächer wurden, die beiden Alten, kam nach und nach zum Vorschein, was ihnen mit ihrer sozialen Ader zu übertünchen gelungen war – selbst meinem Bruder gegenüber, wie ich dachte. Doch jetzt erfahre ich, wie sehr selbst er, den ich immer für den Glückspilz im unserm Clan gehalten habe, gelitten hat unter den Verhältnissen in dieser „glücklichen“ Familie. Jeden Tag hoffe ich, wenigstens eine Lehre aus all dem ziehen zu können, damit sich die Folter der Erkenntnis lohnt, aber es scheint Erkenntnisse zu geben, die nicht belohnt werden.

 

5.4.2005

Es ist eine seltsame Schwäche, die mir das Hirn und die Knochen aufweicht, sobald ich das Krankenhaus verlasse. Solange ich neben meinem Vater sitze und seine Hand halte, bin ich noch einigermassen fit. Immerhin wehrt er sich nicht mehr, sondern wartet. Und ich mit ihm. Wir haben das „Es wird schon wieder“-Spiel aufgegeben und reden Klartext, was darin besteht, dass er  vom bevorstehenden Ende spricht und ich ihm nicht mehr widerspreche.

 

Gestern war Dankeschön-Tag, da hat er sich ununterbrochen bei allen bedankt, hoch dramatisch und schluchzend, bis ihm die Kraft ausging, so dass sein Totenköpfchen zur Seite sank, dann wurde eine Runde geschlafen und anschliessend ging die Bedankerei weiter. Vielleicht ist es aber auch nur eine Methode, um sich die Warterei ein wenig zu verkürzen, das Warten auf den Tod mit Dramatik zu würzen. Er ist theatralisch bis zum Schluss.

 

Die überraschendste Show hat er mir vorgestern geliefert. Mein Bruder hatte mir schon vor geraumer Zeit gesagt, das Verhältnis meines Vaters zu seinen Ausscheidungen sei ein „anal-erotisches“, und ich dachte, der Herr Psychologe spinnt. Aber dann habe ich das Stöhnen gehört: „Ja, jetzt kommt es! Das Wasser kommt! Ja, Ja, jetzt…….“    und dann aus vollem Herzen ein erlöstes  „Aaaaahhhh“. „Tut dir das gut?“ frage ich. Ja, sagt er, es ist eine solche Erleichterung! Dann will er, dass ich seine Zähne suche. Ich gehe ins Bad, da geht es wieder los. Ein Stöhnen, so unverwechselbar und dröhnend, das „ja, ja, ja“ heftig wie bei einem Mann auf der Höhe seiner Kräfte, dass mir fast das Gebiss aus der Hand rutscht. Am Schluss lässt er sich fallen in ein erlöstes „Aaaaaaaaaaahhhhhhhhhhh“und liegt, als ich aus dem Bad komme, mit zufriedenem Lächeln in seinem nassen Bett. Na wunderbar, denke ich, da hat er wenigstens noch etwas zum Geniessen. Sein Bett-Nachbar ist gerade ausgeflogen.

 

Abends erzähle ich es meinem Bruder, der sich grämt, dass mein Vater diese Show sogar im Krankenhaus macht und die ganze Familie damit in Misskredit bringt.

Und im Fernsehen behauptet Kardinal Meissner anlässlich des sterbenden Papstes, den Herr Geissler wegen des Kondom-Verbots zu kritisieren wagte, mit spitzen Fingern gestikulierend, dass die Enthaltsamkeit immer noch das beste Mittel sei, nicht krank zu werden, der Mensch sei schliesslich kein Tier, das seine Triebe nicht zu zähmen vermag. „Oder haben Sie schon mal erlebt, dass jemand von Enthaltsamkeit krank geworden ist?“ fragt er dreist in die Kamera. Ich beschliesse, meinem Vater sein letztes Vergnügen nicht auch noch zu nehmen.

Insgeheim hoffe ich, dass er in solch einem Augenblick stirbt, dann hätte sich die ganze Plackerei vor dem Tod vielleicht doch noch gelohnt. Aber die Chancen stehen schlecht, er wird in den nächsten Tagen in ein Pflegeheim verlegt. Meine Mutter hat es so gewollt. Ich hatte alles so schön vorbereitet für eine 24-Stunden-Pflege zu Hause, die Krankenschwester hätte ihr eigenes Zimmer mit eigener Dusche, aber eine fremde Person in der Wohnung…… nichts für meine Mutter. Und ihn ins Heim begleiten will sie auch nicht: „Den ganzen Tag neben einem todkranken Mann, nein.“

 

Ich weiss manchmal nicht mehr, was ich denken soll. Aber da bin ich nicht allein. Als mein Bruder letztes Wochenende eine Nacht bei meiner Mutter verbrachte, hat er am nächsten Tag mit mir gestritten wie ein altes Huhn, in Worten, die ich bislang nicht von ihm kannte, mit einer Dramatik, die so überzogen war wie früher bei meinen alten österreichischen Tanten, die wegen irgendeines Gerüchts dreissig Jahre nicht mehr miteinander sprachen. Er war mir plötzlich völlig fremd, und das war eigentlich der schlimmste Augenblick der letzten Wochen.

 

Nicht das Sterben meines Vaters, nicht die Verrücktheit meiner Mutter – meinen Bruder zu verlieren, das wäre wirklich unerträglich. Es hat sich aber gottseidank zwei Tage später, als er wieder bei sich und zu Hause war, in Wohlgefallen aufgelöst : „Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte“, sagte er, „in diesem, Milieu wird man meschugge.“

 

Könnte es sein, dass einen das langsame Sterben der Eltern meschugge macht? Es ist eine Zange, die man nicht abschütteln kann, höchstens verdrängen, aber die Druckstellen schmerzen auch dann.

 

Als mein Vater am Karfreitag zum zweiten Mal ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war er schon fast tot, aber die Aufgabe der Ärzte war es, ihn wiederzuholen. Ich war nicht dabei, konnte also nicht eingreifen, zum Beispiel mit der Frage, ob das sein muss, hätte es aber wohl auch nicht getan. Aus Angst. Als ich ins Zimmer kam, atmete er schon wieder tief und fest, war aber nicht bei Bewusstsein, reagierte nicht auf mich, ich nahm seine Hand, da gab es einen leichten Druck, der sich ganz langsam aufbaute, ich blieb bei ihm stehen, redete leise auf ihn ein, dass er keine Angst zu haben brauche undsoweiter, was sich unendlich blöd angehört haben muss aus dem Mund eines Hasenschwanzes, der selbst vor Schreck kaum auf den Beinen stehen konnte. Dann, ganz plötzlich, hörte er auf zu atmen und liess meine Hand ruckartig los. Ich blieb stehen, rührte mich nicht vom Fleck, überzeugt, dass ich mir das einbilde, drückte seine Hand, nichts, rief ihn an, nichts, schüttelte ihn, nichts, ich wartete …………… endlos, dann zog ich meine Hand zurück und rannte ins Schwesternzimmer: „Ich glaube, er hat soeben den letzten Atemzug getan.“ Genauso poetisch gestelzt kam es heraus, ich spürte mich innerlich zerfallen, vielleicht war der aufgeblasene Spruch eine Stelze für ein inneres Gerüst. Ich hatte sehr viel Zeit und konnte mir selbst zuhören, alles war gedehnt. Drei Schwestern stürzten gleichzeitig ins Zimmer: er begann wieder zu atmen. Eine der Schwestern fing mich auf, als ich am Türpfosten hinunter rutschte.

Das Arbeiten ist nach solchen Szenen nicht leichter, mein Hirn ist blockiert. Karsamstag dachte ich, ich riskiere mal einen Sprung in eine Kirche, geriet tatsächlich gerade in die letzten Augenblicke der stummen, dunklen Kar-Phase, die Gemeinde schleppte sich durch einen orgellosen Gesang. Dann ging das Licht an – mithilfe eines Dimmers! – die Orgel setzte ein – nichts von Brausen, lahmes Spiel – und dann behäbig die Gemeinde: Es klang, als hätten sie eins von den Beruhigungsmitteln genommen, mit denen man meinen Vater im Heim sedieren wird, wenn er dort seine Stöhnnummer abzieht.

 

 

07.04.05

Mein Vater hat heute – nachdem der Arzt gestern gesagt hat, dass er stirbt – mit dem Sterben vorübergehend aufgehört …………. und fragt mich, wann die Papstwahl beginnt. Er erzählt von der Kartoffelsuppe heute Mittag, der ersten festen Nahrung seit Wochen, die keiner ihm mehr zugetraut hat, schläft, und fängt dann wieder mit dem Verabschieden an: Es betrübe ihn keineswegs, dass er nun bald gehen müsse, sagt er und bricht in Schluchzen aus. Zu meiner Rettung kommt die Schwester herein und misst den Blutdruck. Dann freut er sich zwei Minuten lang des Lebens. „Bis er halt durchgeschnitten wird, der Faden“, sagt er. Mit unüberbietbarer Intelligenz frage ich „welcher Faden“ und versetze mir unmittelbar darauf in Gedanken einen Tritt. „Den Faden, an dem ich hänge“, sagt er.  Dann wird wieder geschlafen. Seine Hand greift nach meiner. Fünf Minuten später wacht er auf: „Ich bin wirklich nicht traurig“, sagt er und schluchzt.  „Habe ja ein schönes Leben gehabt, und es hätte schon viel früher zu Ende sein können.“ Dann fragt er mich, wie es in Wattenscheid geht. Wattenscheid? Da geht gar nichts. Aber Mannheim hat auch ein A und ein EI, also Mannheim? Na klar, Mannheim. Ich erzähle. Dann schläft er. Wäre schön, wenn sein Faden mitten im wachen Leben durchschnitten würde. „Aber das kann man sich nicht auch noch einteilen“, sagt er plötzlich aus heiterem Himmel.

Ermutigt durch seine Wachheit, wage ich, ihm einen Spruch des gerade gestorbenen Papstes zu servieren: „Für nichts, was uns auferlegt ist, müssen wir uns schämen.“ Er versteht, dass ich seine Scham über das regelmässig nasse Bett meine. Da erzählt er mir schmunzelnd, dass er heute , ohne es zu merken, eine Flasche Wasser umgeworfen hat, und die Flüssigkeit sich langsam aber stetig in sein Bett ergoss, bis es nass war, als hätte er es „selbst gemacht“. Mir scheint, die Vorstellung gefällt ihm. Eine halbe Stunde später erzählt er sie mir nochmal. Und schmunzelt wieder. Was wäre das für ein Trost: ihn schmunzelnd sterben zu sehen!

Vielleicht sind wir um unser Leben fürchtenden Jungen es, die es den Alten schwer machen, zu gehen, weil wir unsere eigene Sterblichkeit für ein Drama halten, und mithin ihre. Aber der Tod an sich ist läppisch.

 

 

15.04.05

Heute habe ich meinen Vater zum ersten Mal im Heim gesehn. Alles prima: schönes Bett, schönes Zimmer, Nachbar ein bisschen verwirrt, aber lieb. Nur mein Vater todunglücklich, händeringend darum flehend, dass es endlich vorbei sein möge. Ja, das Heim ist für alle eine Erleichterung: für meinen Bruder, für meine Mutter, für mich … nur für ihn ist es die Müllhalde, auf die wir ihn ohne Not gekippt haben, weil er ein wehrloses Häufchen Elend ist, das sich nicht einmal allein das Käsebrot reinschieben kann, was die Heimleitung aber von ihm verlangt und meine Mutter nicht macht, weil sie lieber über den Markt geht.  Alexander, der Konfrontationen liebt, hat es ihr heute Abend gesagt, und sie hat reagiert wie eine Giftschlange, die man ins Glas beissen lässt. Er verliess daraufhin wutschnaubend die Wohnung, meine Mutter wandte sich gen Balkon und wollte springen, ich hielt sie halbherzig zurück.

 

26.04.05

Mein Vater will seit gestern wieder leben. Er isst fast ohne Unterbrechung. Ein Totenköpfchen, das das Maul aufreisst, um möglichst viel Suppe auf einmal reinzuziehen. Ein Gerippe, das seine knöcherne Hand nach mir ausstreckt und sich daran festhält, als könnte ich ihn vor dem Tod bewahren, den er jetzt plötzlich nicht mehr attraktiv findet. Dann erzähle ich ihm von den Spatzen, die sich vor seinem Fenster im Gebüsch streiten, dass die Zweige wackeln, die er aber nicht sehen kann, weil, er grade mal wieder „30 Grad links“ liegt (alle 2 Stunden wird er wegen Dekubitus wie ein Spanferkel gedreht). Dann sieht er mich aus seinen tiefen Höhlen mit verständnislosen Augen an: Spatzen?

 

Als ich das Totenköpfchen am Donnerstag besuchte, lag es ein bisschen schief im Bett, nicht nur 30 Grad gekippt, sondern diagonal, so dass der Körper sich im Laufe der Zeit rutschend verdrehte wie ein Korkenzieher. Ich habe versucht, ihn zurück in die Kissen zu heben, aber das ist gar nicht so einfach. Das filigrane Knochengerüst ist so schmerzempfindlich, dass ich es schliesslich aufgab und ihn so liegen liess, bis die Schwester kam. (Vor dem Pflegepersonal entwickelt man mit der Zeit einen besonderen Respekt, weil sie es sind, die ihn zart oder fest handhaben können, lieb oder sachlich ansprechen, viel Zeit für ihn haben oder wenig. Ich bin übertrieben freundlch, damit sie meinem Vater wohlgesonnen sind.) Während ich ihm vom neuen Papst und dessen huldvollem Umgang mit den Journalisten erzählte, die bei der ersten Presse-Audienz keine Fragen stellen durften –  mich freuend, dass wir endlich wieder normal und nicht nur immer übers Leiden miteinander reden konnten – öffnete sich die Tür und ein verschmitztes altes Weiblein blinzelte ins Zimmer. „Guten Tag“ – nichts. Nochmal Gutentag, keine Reaktion, dafür arbeitete sie sich in ihrem Rollstuhl mit den Füssen zentimeterweise ins Zimmer vor. Bis sie am Fussende meines Vater angekommen war, das sie an der Weiterfahrt hinderte. Sie nahm Anlauf und – rums. Dabei sah sie uns aus schmunzelnden Augen an und versuchte es noch ein paar Mal. Mein Vater rutschte dabei soweit ab, dass sein Kopf durch den unteren Gitterstab zu flutschen drohte und lugte darunter hervor, wie ein gefangenes Äffchen, das ein anderes Zootier mitleidig beobachtet. Als ich schliesslich die Schwester holte, um dem schweigenden Schauspiel ein Ende zu bereiten, nahm ich auf dem Gang zum ersten Mal wahr, wen ich da immer auf dem Weg zu meinem Vater passiere: weisshaarige Wracks, meist weiblich, in ihren Stühlen sitzend, vor sich hinstarrend, eine hatte wenigstens einen weissen Plüschhasen im Arm, die anderen nichts, aber jede für sich allein und mit stierem Blick die meisten. Wohlgemerkt, das ist kein Irrenhaus, in dem mein Vater liegt, es ist ein ganz normales Altersheim.

 

Am nächsten Tag ruft meine Mutter voller Verzweiflung an, weil jetzt angeblich auch mein Vater spinnt: „Es ist schon ein starkes Stück, dass ihr mich hinter meinem Rücken in diese Klappsmühle gebracht habt“, sagt er. Und meine Mutter versteht die Welt nicht mehr. Wenn er müde wird, verliert er die Contenance und hört auf, brav zu sein. Dann lässt er raus, was ihm fehlt und gleicht darin in verblüffender Weise mir als Kind, wenn meine Eltern ohne mich auf Reisen gingen und mich fragten, ob es mir was ausmacht. Natürlich war ich vernünftig, aber wenn sie weg waren und es Abend wurde, bin ich gestorben vor Einsamkeit. Jetzt liegt er selbst da in seiner jämmerlichen Verlassenheit, spürt, dass er abgeschoben ist und traut sich doch nicht, seine Frau ins Gebet zu nehmen.

Heute habe ich ihm von einer Don Carlos –Aufführung erzählt, die ich neulich im Kölner Schauspielhaus sah. Den ganzen Nachmittag war er ächtzend und mit der Verdauung beschäftigt in seinen Kissen gelegen, kaum fähig, ein paar zusammenhängende Sätze zu sagen. Aber als ich ihm schilderte, wie der Grossinquisitor sich mit Philipp um Posas Kopf streitet, wie die Kirche sich beim König beschwert, dass er jemanden umgebracht hat, der eigentlich als Brandopfer für die Kirche reserviert war, als ich ihm erklärte, was der Inquisitor für ein gemeiner, hinterhältiger Hund ist, da schwammen seine in den knöchernen Höhlen schon ganz deformierten Augen aufeinmal in einem Tränensee.

 

14.05.05

Nachdem das Totenköpfchen zwischenzeitlich in der Eifel skifahren gehen wollte, ist er kurz drauf wieder zur Besinnung gekommen und jetzt so kräftig, dass er nach Musik verlangt. Ich habe ihm zwei Kopfhörer mitgebracht, unter denen er schier verschwindet, und einen CD-Player, dessen Knöpfe er natürlich nicht bedienen kann, weil die Finger zu schwach sind. Erst habe ich ihm „exultate jubilate“ vorgespielt, da war er noch zappelig. Aber dann die kleine Nachtmusik, da wurde aus dem schmalen Strich im Gesicht allmählich wieder ein Mund mit Lippen, die sich zumindest andeutungsweise zeigten, und die Hände hörten auf, im Bett herumzusuchen.

 

24.05.05

Seit ein paar Tagen wird das Totenköpfchen in einen Sessel gesetzt.  Beim ersten Aufdiefüssestellen war ich dabei. Sie hatten ihn regelrecht präpariert, damit er nicht ohnmächtig wird, und dann hat er ganz brav die Nase nach oben gehalten, bis sie bis 30 gezählt hatten und ihn wieder ins Bett gleiten liessen. Natürlich stand er nicht auf den eigenen Füssen, aber immerhin war sein Körper senkrecht. Bei dieser Gelegenheit habe ich ihn auch zum ersten Mal seit langem wieder gesehen, den Körper, der seit seinem Einzug im Heim nochmal 8 Kilo abgenommen hat, obwohl er vorher schon kaum mehr da war. Ich kenne sowas nur von KZ-Fotos, solche Oberschenkel, die zwischen Daumen und Zeigefinger passen. Aber das Knochengerüst kann wütend werden, dass es einen immer noch das Fürchten lehrt. Und stöhnen, wenn es mit der Verdauung beschäftigt ist, da können sich meine liebestrunkenen Nachbarn noch eine Scheibe abschneiden. Und essen, als ginge es um alles oder nichts. Das restliche Männlein stopft alles in sich rein, was man ihm vorsetzt – Nudeln, Torte, Suppe ….. und dann kommt die Herrlichkeit unter Schmerzen gleich wieder unten raus. Währenddessen sitze ich daneben, sehe zu – wenn’s all zu arg wird, entschuldigt er sich ein bisschen, dann stöhnt er wieder vor Schmerz, unter der Decke sind die Kontraktionen zu sehen. Dann warte ich, bis Ruhe eingekehrt ist, und rücke ihm mit den Kopfhörern zu Leibe. Heute war Mozart KV 467 der 2. Satz dran, den spielen sie schwangeren Frauen im Kreisssaal vor, weil er angeblich so beruhigend ist, und ich dachte, das kann bei meinem Vater auch nicht schaden. Weit gefehlt. Die Stirn zog sich zusammen, als hätte ich ihm ACDC vorgespielt. Erst bei der Ouvertüre zur Hochzeit des Figaro fing er an, sich zu entspannen.

Auf dem Flur habe ich inzwischen eine nette alte Dame kennengelernt, die im Rollstuhl sitzt, aber sonst ganz normal zu sein schien. Das hat mir so gut getan, dass ich ganz euphorisch wurde und sie fragte, wie sie heisst. Dann habe ich mich vorgestellt und mit ihr geplaudert. Als ich ging, wünschte sie mir ein gutes neues Jahr.
 

29.05.05

Das Sterben hört und hört nicht auf, stattdessen hat es sich etwas Neues ausgedacht, um meinen Vater vor dem Abgang noch ein bisschen zu quälen: Schmerzen. Manchmal denke ich, der Tod schickt all die Grausamkeiten, damit man sich am Schluss über ihn freut. Vielleicht schickt aber auch niemand irgendwas.

 

3.06.05

In einem Hotel sah ich  ein Rentnerpaar, das gegessen hat, als ginge es um Leben und Tod. Schon während des Hauptgangs holten sie den Nachtisch vom überreichlichen und ständig frisch aufgefüllten Eisbuffet. Die beiden hatten dann aber ihre liebe Not, weil sie das Eis in den Dessertschüsseln so aufgehäuft hatten, dass es, während sie noch das Fleisch in sich reinschaufelten, zu laufen begann, so dass sie mit einer Hand die Gabel zum Mund führten und mit der andern das schmelzende Eis auffingen, um es wieder auf den Eisberg zu befördern. Die Koordination war durchaus schwierig, was man daran sehen konnte, dass die Gabel manchmal nicht auf Anhieb im Mund landete, wenn das Eis gerade zuviel Aufmerksamkeit verlangte…. Mit ebensolcher Gier reisst mein Vater seinen Schnabel möglichst weit auf, damit ihm bloss kein Kuchenkrümel entwischt, nur dass es bei ihm tatsächlich um Leben und Tod geht.

Viel darf er nicht mehr abnehmen, dann ist Exitus. Gestern hat er das Szenario schon mal vorweg genommen, indem er mir bei meiner Ankunft sofort aufgeregt von einer Beerdigung erzählte, auf der er am Morgen gewesen sei. Ich hatte veranlasst, dass er Morphium bekommt, und jetzt habe ich den Salat. Er phantasiert. Aber er weiss es. Händeringend sucht er nach seinem Verstand, sagt „du darfst jetzt nicht die Geduld mit mir verlieren“, ich erkläre ihm, dass er Morphium bekommt und die Beerdigung ein Traum war, „ja“, sagt er, „das glaube ich auch, aber wie bin ich dann wieder hierher gekommen?“

Er gibt nicht auf, will wissen, was es mit der Beerdigung auf sich hat, also versuche ich es anders herum und frage: „Wer wurde denn beerdigt?“ Da fährt er mich wütend an: „Jetzt fang du nicht auch noch mit dem Blödsinn an!“ Kleinlaut rudere ich zurück und suche weiter nach dem Berührungspunkt zwischen seiner Phantasie und der Wirklichkeit. Bis er mir erzählt, dass er sich bei der Beerdigung so fremd gefühlt hat … und da hab ich’s: Am Morgen hatten die Schwestern ihn in den Gemeinschaftsraum geschoben, wo er noch nie war und plötzlich gewahr wurde, in was für einem Irrenhaus er sitzt. Er hatte sich völlig fremd und unglücklich gefühlt, wollte weg, aber die Schwestern haben sein Gejammer ignoriert und ihn unter all den stumpfsinnig vor sich hinstarrenden Alten sitzen lassen. „Und da hast du dich wie auf einer Beerdigung gefühlt“, frage ich. „Nein“, sagt er, „wie nach der Beerdigung.“

Ich lasse ihn aus dem Bett holen und fahre ihn im Rollstuhl nach draussen. „Langsam“, bettelt mein Vater, „langsam“, obwohl ich schleiche, weil der Rollstuhl ein Modell aus dem 17. Jahrhundert ist und eigentlich nur noch rückwärts fährt. Aber er hat Angst, dass die Wirklichkeit zu schnell an ihm vorbeirauscht und ihm wieder entgleitet. Ich auch. Ich lasse mich auf einer Bank nieder und parke ihn neben mir. Er nestelt an seinen Knöpfen, ich helfe ihm beim Schliessen, dann knöpft er sie wieder auf, dann wieder zu, dann nimmt er zwei Knopflöcher und versucht sie miteinander zu verschliessen, er gerät in Rage, weil es nicht geht. Abrupt wendet er sich zu mir und reisst die Augen auf: „Mutti!“

 

Der Arzt hat mir die Entscheidung überlassen, ob das Morphium abgesetzt werden soll. Ich glaube, er hat nicht mehr viel Interesse. Mein Vater stirbt sogar ihm zu langsam. Aber vielleicht ist es auch generell so, dass man sich bei so alten und hinfälligen Kandidaten nicht mehr übertrieben viel Mühe gibt. Mein Bruder denkt, mein Vater übertreibt und sagt, dass manche Patienten nur Morphium kriegen, damit die Angehörigen beruhigt sind.

„So komm“, sagt mein Vater dann entschlossen und schiebt die Decke von seinen Beinen, „ich will jetzt mal eine Runde gehen.“ Ich lege sie zurück auf seinen Schoss und schiebe ihn ins Zimmer. Auf dem Weg schreit er um Hilfe, weil er denkt, dass er geht, und Angst hat zu fallen.

Manchmal wünschte ich, das hier wäre nur ein überlanger, miserabler Theaterabend, nach dem ich mich besaufen gehen kann. Anschliessend würde ich den Regisseur verprügeln und mein Geld zurückverlangen.
Aber bei diesem Stück gibt es keinen, bei dem man sich beschweren kann.

 

 

05.06.05

Mit Morphium scheint alles noch viel schlimmer als vorher, und ich habe Zweifel, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Mein Vater ringt die Hände und kämpft um seinen Verstand, der ihm rasant entgleitet. Dann schütteln ihn Anfälle, bei denen er mich um Hilfe anruft, meinen Namen schreit, als fiele er von irgendwas runter und ich müsste ihn halten. Er krallt sich an mir fest, ächzt und jault, krümmt sich vor Angst, den Halt zu verlieren – das Leben scheint ihm zu entgleiten.

Das hier ist noch grausamer, als die Schmerzattacken, bei denen er immerhin noch für Mitleid empfänglich war. Aber jetzt kämpft er sich von Welle zu Welle, die ihn überwältigt und mitreisst, er hält sich krampfhaft an mir, am Bett, am ‚Galgen’, sinkt erschöpft in die Kissen, solange bis eine neue Welle über ihn herfällt und der Kampf ihn innerlich zu zerreissen scheint.

Welcher Kampf? Wenn ich das wüsste! Heute morgen war kein klares Wort aus ihm heraus zu bringen, nur dass es alles zuviel ist, was jetzt auf ihn einstürmt, hat er einmal gesagt, dann sank er wieder in seinen Halbschlaf, mit zappelnden Gliedern und schmerzverzerrtem Gesicht.

 

06.06.05

Heute hat er nur englisch gesprochen.

 

 

08.06.05

Als ich heute morgen im Heim einlief und am Gemeinschaftsraum vorbeikam, traute ich meinen Augen nicht. Hinter den dezent den Blick verschleiernden, aber nicht ganz verhindernden Gardinen erkannte ich das Profil meines Vaters.

Ich glaube, ich habe schon geahnt, was mich erwartet, weil ich plötzlich nur noch halb so schnell ging, am liebsten umgedreht wäre und die Tür, durch die ich schon so oft einen Blick auf das versammelte Elend geworfen habe, nicht mehr fand.

Ich betrat eine von diesen Szenen, die man aus Filmen kennt, in denen das Leben im Irrenhaus beschworen wird. Zehn, vielleicht zwölf Gestalten in Rollstühlen, eisern schweigend und starr.

Die Frau mit dem weissen Plüschhasen, eine Greisin mit weit aufgerissenem Mund, aus dem kein Ton kam, eine Weisshaarige mit weissem Lätzchen, auf das sich eine braune Flüssigkeit ergossen hatte, eine Zusammengesunkene mit hängendem Kopf, schlafend, ein Mann mit geröteten Augen, mich stumm anstarrend, einige sassen am Tisch, reglos und still, jeder seine Plastik-Schnabeltasse vor sich, wie im Kindergarten, unter ihnen mein Vater, starr, mit steif aufgerichtetem Oberkörper, als wäre er an einer Stange im Rücken festgebunden, schweigend, die Augen geschlossen, das graue Totenkopfgesicht versteinert, die Lippen krampfhaft  zusammengepresst, ich stand in der Tür und konnte nicht weiter.

Mir entfuhr ein „O Gott“, was aber trotz der Totenstille keiner hörte, oder sie waren alle unfähig, sich aus ihrer Reglosigkeit zu lösen. Wie Figuren in einem Foto, erstarrte Abbilder.

Ich zwang mich zu einem lauten „Guten Morgen“, da schoss der Mann mit den roten Augen wie vom Blitz getroffen auf und rief: „Eine Stimme!“

Mein Vater öffnete die Augen, sein Blick verzweifelt und flehend, ich schob ihn nach draussen in die Sonne.

 

03.07.05

Für heute hatte ich mir einen Tag Ausruhen verordnet, weil mein Bruder bei meinem Vater ist, und während ich mich noch darauf freute, furchtbar faul zu sein, kam aus Berlin die Nachricht, dass Alexanders Vater nach einem Schlaganfall gelähmt ist und niemanden mehr erkennt.
Ich habe mir mein Frühstück eingepackt und mich in den Wald verzogen, wo ich mich gehend und laufend meist wieder fange. Aber als ich sie da alle so sah, die Sonntagsjogger, keuchend und schwitzend, mit leidverzerrten Gesichtern um Gesundheit kämpfend, auch die säbelbeinigen alten Männer gnadenlos gegen sich selbst anrennend, so dass mir bei manchen der Gedanke kam,  bloss schnell an dem vorbei, damit ich ihn nicht aufheben muss, wenn er zusammenbricht, da beschlich mich das Gefühl, dass wir so gesund gar nicht leben können, um dem Elend des langsamen Sterbens zu entkommen. Mein Vater hat nie gesoffen, nur als ganz junger Mann geraucht, immer Sport getrieben, Müsli und all das fiese Zeug gegessen – und was hat er jetzt davon?

Immerhin ist er wieder klar im Kopf, weil ich den Arzt überredet habe, das Morphium auszusetzen. Dafür ist er jetzt im wahrsten Sinn zu Tode betrübt. Er schläft, ich sitze daneben, sehe sein totenschädeliges Köpfchen auf dem Kissen, das er kaum noch eindrückt und denke, er liegt auf dem Totenbett. Dann überlege ich, wie andere Künstler auf die Idee verfallen können, Sterbende zu malen oder knipsen – und finde keine Antwort. Eher würde ich mir eine Hand abhacken, als dieses Bild festzuhalten. Höchstens mit Worten. Aber beschreiben kann ich es eigentlich auch nicht. Es zieht sich schon so lange hin, immer denke, ich, noch weiter verfallen kann er nicht mehr, und wenn ich beim nächsten Besuch die Tür zu seinem Zimmer aufmache sieht er noch toter aus als vorher. Die Augen sind so trüb, dass ich manchmal seinem Blick vor Schreck ausweiche. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Dabei macht er die Augen ohnehin nur selten auf.

Allerdings gibt es ein paar Mittel, um vorübergehend wieder ein bisschen Glanz hineinzuzaubern. Das sind: Mozart (auf seinem Nachttisch steht mein Ghettobluster), Weisswein, und Singen, während man ihm einen Happen in den Mund schiebt – alles das muss aber mehr oder weniger gleichzeitig kombiniert werden, sonst wirkt es nicht.  Und dann im Anschluss noch massieren.

 

Wenn man sich mit der Hand die Kniescheibe oder den Ellbogen massiert, denkt man, es wäre kein Fett zwischen Haut und Knochen. Doch erst seit ich seinen Brustkorb massiert habe, weiss ich, dass es noch etwas viel Knochigeres als meine Kniescheibe gibt. Bei ihm ist nämlich wirklich absolut kein Fett mehr dazwischen, und das fühlt sich so befremdlich an wie ….. nein, kein Vergleich mit nichts. Unter der Haut seines Oberkörpers ragt sein Schrittmacher hervor und macht einen Hügel wie der Elefant in Exuperys Schlange am Beginn des „Kleinen Prinzen“.

Immerhin ist er jetzt so verkümmert, dass sie ihn nicht mehr in den Rollstuhl setzen, so dass ihm die Tortur des Irrenhaus-Gemeinschaftsraums erspart bleibt.

 

 

06.07.05

Gestern Nacht ist Alexanders Vater gestorben. Und ich bin eifersüchtig.
Eifersüchtig auf die nichtmal zwei Tage, die sein Sterben gedauert hat, während mein Vater nun schon Monate braucht.
Auf die Familie, die sich schnurstracks versammelt hat und nicht mehr von seiner Seite zu weichen brauchte, bis er den letzten Schnaufer hinter sich gebracht hatte.
Auf das Krankenhaus, das ihn zum Sterben in ein Einzelzimmer mit Veranda verfrachtet hat, wo sich seine Frau mit ihren Kindern auf einer komfortablen Terrasse niederlassen und essen trinken lachen weinen plaudern schlafen konnte.
Auf das Wetter, das ihnen bis zu seinem Tod behagliche Wärme beschert hat und erst danach mit den Gewittern losbrach, die hier schon die ganze Zeit toben.
Auf die Ärzte, die, nachdem das letzte Kind der Familie eingetrudelt war, kommentarlos Infusionen und Schläuche entfernten und sich diskret zurückzogen. Kein Gefuchtel mit teurer Medizin, die bei Privatpatienten so lukrativ ist.
Auf die Klarheit, mit der der alte Mann vom einen Augenblick zum nächsten ins Koma fiel und nicht mehr aufwachte. Kein Kampf, kein Würgen, kein Schmutz, kein Gestank, keine Hilfeschreie, kein Klammern ans Leben…..
Und ich frage mich, warum habe ausgerechnet ich einen Vater, der nicht sterben kann und doch die ganze Zeit nichts anderes tut. Dessen ewig drohender Tod uns innerlich schrumpfen lässt, weil kein Mensch diese Hilflosigkeit unbeschadet übersteht. Heute kam die Aufforderung vom Amtsgericht, die Erlaubnis für seine Fixierung im Bett mit Gurten zu erteilen (die sie von mir mit Sicherheit nicht bekommen).

 

07.07.05
Meinem Antrag auf einen Rollstuhl für meinen Vater wird möglicherweise noch vor seinem Tod stattgegeben, sofern ich eine Liste von Fragen beantwortet habe, die eher eines Antrags auf Waffenlieferung in den Irak würdig wären, und eine Reihe von Bescheinigungen beigebracht habe, z.B., eine ärztliche über das Bestehen seines freien Willens beim Geschobenwerden, damit er bestimmen kann, wo er sich aufhalten will, weil er nicht selber fahren kann.
 

11.07.05

Heute wird Alexanders Vater verbrannt, und ich muss die ganze Zeit an seine Unterhose denken: Beerdigungsinstitute, die nicht weniger raffgierig sind als Immobilienhaie, versuchen, einem die tollsten Sachen zu verkaufen, die der Tote tragen soll, während er verbrannt wird, vom schwarzen Anzug bis zum weissen Seidenhemd. Stattdessen hat die Familie entschieden, dass er seine eigene Kleidung trägt, und da entstand die Frage, braucht er eine Unterhose. Und Schuhe, braucht ein Toter Schuhe? Der Papst hat bei seiner Beerdigung Schuhe getragen. Als könnte er damit noch irgendwohin. Aber nur in Socken … das sieht so nackt auss. Nackt im Sarg liegen ist übrigens verboten. (Ich weiss nicht, wo mein Verstand sich zur Zeit aufhält.)

 

22.07.05

Diese Woche wäre mein Vater um ein Haar erstickt, was kein schöner Anblick war und dazu geführt hat, dass er gegen alle guten Vorsätze doch noch ins Krankenhaus transportiert wurde, wo man ihm literweise Wasser aus der Lunge zog und ihn jetzt wieder aufpäppelt, was dazu führen wird, dass er ein zweites Mal den qualvollen Weg ins verhasste Heim antreten muss. Der Alptraum geht weiter, als wollte er beweisen, dass er noch jede Menge Varianten auf Lager hat, mit denen nichtmal eingefleischte Pessimisten rechnen.

 

 

07.08.05

Das Gesicht meines Vaters ist jetzt ein spitzes Dreieck aus Schläfenknochen und Kinn. Zwischen den Schläfen- und den Backenknochen haben sich Gruben gebildet, so tief, dass man eine Kugel darin versenken könnte. Die Gruben zwischen den Backenknochen und dem Kinn sind noch tiefer.

 

Gestern hatte ich zum ersten Mal Bedenken, ihn anzufassen. Man streichelt kein Skelett.

 

Die Ohren wirken jetzt auf einmal viel zu gross, seltsamerweise schrumpfen sie nicht mit. Zwischen den Augäpfeln und den Rändern der Augenhöhlen ist jetzt Platz, die Augen schweben als trübe Kugeln in ihren Löchern. Manchmal öffnet er sie ganz langsam, so als hätten die Lider ein Gewicht, für das die Augenmuskeln nicht mehr ausreichen.

 

Er hat fast keinen Blick, aber meine Erinnerung daran, wie er mich 50 Jahre lang angesehen hat, hilft mir fast immer auf die Sprünge. Dann schaue ich ihm fest in die Augen, als würde ich den Blick schon sehen, den ich ihm mit einem standfesten Lächeln zu entlocken suche. Wenn er das Gesicht zum Antwortlächeln verzieht, fangen meist auch seine Augen an, zu schmunzeln. Aber sie sind fast immer langsamer als der Rest.

 

Das Essen wird zur Qual. Gestern hat Alexander ihm ein Plätzchen stibitzt, das auf seinem Nachtschränkchen lag, und da flog ein Strahlen über sein Gesicht: Hauptsache nicht selber essen müssen.

 

Ich gehe jetzt immer so ins Krankenhaus, dass ich ihn füttern kann. Bisher hat er das Gesicht verzogen, wenn ich mit der Gabel angerückt bin. Aber wenn ich die Umleitung nehme und sie mir selbst in den Mund schiebe, setzt der Futterneid ein. Die nächste Fuhre wird dann gnädig akzeptiert.

 

Meist hilft auch ein Schlückchen Bier, das ich ihm aus der Schnabeltasse einflösse.

Aber gestern hat er sogar das Bier verschmäht. Das Essen zu verweigern ist seine einzige Möglichkeit, selbst seinen Tod zu beschleunigen. Ob er das spürt?

 

Und ob er seine von Wasser aufgedunsenen Hände und Füsse bemerkt? An seinen Spargelbeinchen sitzen jetzt klobige Fleischklötze voller Wasser, und seine schmalen, knochigen Hände sind so aufgequollen, dass die Haut spannt.

 

Jetzt erst bemerke ich, wie wichtig seine Hände für mich waren, mit denen er bei Diskussionen immer aufgebracht in der Luft herumgefuchtelt hat, mit denen er mich als Kind verhauen hat, und die er mittags und abends beim Tischgebet vor dem Gesicht zusammenschlug. Jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Diese Hände könnten am Körper eines Übergewichtigen im mittleren Alter hängen.

 

Was er wohl überhaupt für eine Vorstellung von sich hat? Ich weiss nicht, wie lang sein letzter Blick in den Spiegel zurückliegt, aber ich bin sicher, er wäre entsetzt, wenn er sich jetzt sähe. Vielleicht würde er sich sogar nicht mehr wiedererkennen, nein ganz sicher nicht, es gibt fast keine Ähnlichkeit mehr mit seinem früheren Aussehen.

 

Nur eins ist seltsam: er hat keine Falten. Nicht eine einzige. Die Haut im Gesicht ist absolut glatt. Nur um den Mund ziehen sich zwei Furchen, die ein bisschen bitter aussehen. Aber die Haut liegt auch da vollkommen glatt an. Er sieht aus wie eine Mumie.

 

Neulich kam ich ins Zimmer und sah ihn schräg aus dem Bett hängen, der Kopf hing zur Seite, der Mund war geöffnet, das Kinn schief nach unten geklappt, die Augen geöffnet, der Blick vollkommen starr. Ich dachte, er ist tot. „Vater!“ Da wurde er wach und wunderte sich. Eine halbe Stunde später mampfte er zufrieden Eier mit Spinat.

 

Als ich ging, zog ich das Gitter an seinem Bett hoch, was er mit einem vorwurfsvollen „ausgesperrt!“ quittierte. Ich schob es wieder runter. Ob Sterben sich wie Ausgesperrtsein anfühlt?

 

 

 

 

 

14.8.05

Versuch, dem Elend für zwei Tage ans Meer zu entwischen.  Pünktlich vor der Abreise brach meine Mutter auf der Strasse zusammen, hielt sich aber gekonnt an einem jungen Mann fest, der sie behutsam auf den Asphalt legte und die Feuerwehr rief, welche meine Mutter, wieder bei Bewusstsein, empört wegschickte. Ich habe dann per Telefon alles mobilisiert, was sich an Hilfskräften auftreiben liess, weil ich nicht willens war, mir diese zwei Tage Abstand auch noch nehmen zu lassen. So bin ich nach Holland gefahren wie ein Hund an der langen Leine, mit den Augen die Weite des Meeres trinkend und mit dem Handy am Ohr die Klagen meiner Mutter vernehmend, dass mein Vater schon wieder die Nahrung verweigert.

 

Nach zwei Tagen am Meer zurück im Jammertal, habe ich ein Fläschchen Rotwein eingepackt und es zum sterbenden Rotkäppchen gebracht, das angesichts dieses Angebotes eine kleine Ausnahme von der Nahrungsverweigerung machte. Daraufhin fing es in seinem Gedärm an zu gluckern und zu rumpeln. „Was sind das denn für Geräusche?“ fragte ich. Darauf er: „Letzte.“

 

Dann bat er mich, meine Mutter zu holen. Sie war aber morgens schon bei ihm im Krankenhaus gewesen, warum denn jetzt noch mal? „Bitte, hol sie!“ „Reicht es nicht morgen früh?“ Seufzen. „Na gut.“

 

Ich setze mich wieder auf sein Bett, streichle seine Hand, spüre, wie die Angst in ihm wächst, er bekommt wieder diese harten Züge um den Mund und die zusammengekniffenen Lippen, die er in letzter Zeit nur hat, wenn ich ihm Musik vorspiele (als machte ihn der Abschied von den letzten Genüssen bitter), seine Hand krallt sich an meiner fest, die andere am Galgen über dem Bett.

 

„Du musst mich jetzt stützen“, sagt er. Ich habe „schützen“ verstanden, bin mir aber nicht ganz sicher und frage nach. „Stützen! Ich stehe jetzt auf.“

 

Die Vorstellung, dass dieses Klappergerüst sich erhebt, wo es nichtmal die Schnabeltasse mit dem Wein alleine halten kann, ist so absurd, dass ich lache. Sich nicht aus eigener Kraft im Bett umdrehen können, aber aufstehen! Er will nach Hause. Mir schiesst die Formel aus den Todesanzeigen durch den Kopf: „Er ist heimgegangen.“

 

Aber er meint definitiv was Anderes. Ich lüge ihn an: „Erst muss Deine Lunge ausheilen.“ Er verzieht verächtlich den Mund. Ich verspüre eine seltsame Lust, zu sagen, nein Du kommst nicht mehr nach Hause, Du wirst jetzt sterben, mach endlich voran, ich halte es nicht mehr aus, stirb, bevor ich verrückt werde. Manchmal habe ich Lust, brutal zu sein.

 

Und dann kauere ich doch wieder bloss auf seiner Bettkante wie ein übernächtigter Judas.

Als er sich wieder beruhigt hat, stehe ich auf, ziehe das Gitter an seinem Bett hoch, säubere mit dem Waschlappen seine verklebten Augen und verabschiede mich. „Holst Du jetzt die Mutti?“ Ich kapituliere, fahre zu meiner Mutter, stecke sie ins Auto, kutschiere sie ins Krankenhaus und warte draussen.

 

Ich hasse diese zum 150. Mal wiederholten Abschiedszeremonien. Als sie wieder rauskommt, ist sie erleichtert, weil von seiner Todesstimmung nichts mehr übrig war, nur Freude, dass sie endlich da war. Zufrieden liess er sie gehen.

Eine halbe Stunde später bat er die Schwester, ihm ein Taxi zu rufen. Er will jetzt endlich nach Hause.

 

 

20.8.05

Für einen Kunst-am-Bau-Entwurf zog ich mit Stativ bewaffnet Richtung Altstadt und wollte ein paar Kirchen-Fotos machen. Keine Chance. Alles voll mit frommen jungen Leuten. Weltjugendtag.

 

Also habe ich umprogrammiert und mir das Treiben angesehen. Insgeheim habe ich wohl gehofft, die massenhafte Frömmigkeit würde mich doch irgendwie beeindrucken. Aber was treibt einen erwachsenen Menschen mit klarem Verstand dazu, sich vor ein paar Krippenfiguren aus Gips auf die Knie zu werfen?

 

Ich bin dann von Kirche zu Kirche gezogen, habe mir Mutter-Theresa-Anhänger in die Hand drücken lassen, mich dem „na, möchtest du dich nicht unserm HHHmmerrn anvertrauen?“-Lächeln entzogen, so gut es ging, und mich erinnert an meine früheren Versuche, fromm zu werden. Sogar nach Taizé bin ich gepilgert, ohne dem jetzt so oft beschworenen Zauber von Frère Roger zu erliegen. Vielmehr beeindruckt hat mich damals die Tatsache, dass er mir und anderen Pilgern trotz eines plötzlichen Wintereinbruchs und heftiger Grippe das Übernachten in der Kirche verwehrte, weil wir damit den heiligen Raum entweiht hätten. Stattdessen mussten wir in den eiskalten Zelten auf Matschboden schlafen.

 

Doch auch wenn er mir persönlich einen Heizofen spendiert hätte, wäre mir wohl die Unterwürfigkeit seiner Fans ein ebenso grosses Rätsel geblieben wie jetzt die Devotheit der jungen Leute angesichts eines alten Mannes, der ihnen den Gebrauch von Kondomen verbietet.

 

Aber selbst Gerhard Richter ist ja auf seine alten Tage ein Anhänger der katholischen Kirche geworden, vielleicht muss man einfach so alt werden, um das Theater zu verstehen.

 

Da fällt mir ein Gespräch mit der Mutter meines damaligen Verlegers ein, die, weil ich Richard Strauss nicht mochte, meinte, dafür sei ich noch zu jung. Jetzt bin ich fünfzig, finde Strauss immer noch scheusslich und die Katholiken eine kopflose Schafherde.

 

Andererseits beneide ich sie, wie sie da gruppenweise durch die Stadt ziehen und sich gegenseitig vergewissern, dass richtig ist, was sie tun, weil die andern es auch tun.

 

Vermutlich wird das Leben dadurch leichter.

 

Und ein bisschen Erleichterung könnte ich zur Zeit gebrauchen, weil ich mir inzwischen wie eine Verräterin vorkomme, die den Tod ihres Vaters herbeisehnt, weil sie selber erschöpft ist.

 

Er aber nicht. Er will leben. Er will um keinen Preis sterben. Jetzt noch nicht.

 

Wenn man das Kopfteil seines Bettes hochfährt, sieht es aus, als sässe der Tod im Bett, streng und düster. Der Mund wird nur noch geöffnet, wenn etwas Besonderes im Angebot ist, Rotwein zum Beispiel, oder ein selbstgemachtes Rührei, das ich zu Hause fabriziere und, eingewickelt in den Wirtschaftsteil der ZEIT, ins Krankenhaus transportiere, darauf spekulierend, dass ihm das vielleicht besser schmeckt als der süssliche Kalorienshake, den sie ihm die ganze Zeit einzuflössen versuchen, um ihre Pflicht zu erfüllen: ihn am Leben zu erhalten.

 

Zum Nachtisch offeriere ich Mozart, auf den er reagiert wie auf den klebrigen Kalorienshake.

 

Und Vivaldi? „Jaaa!“. Die vier Jahreszeiten. „Welche hättest Du denn gern, Frühling, Sommer, Herbst oder Winter?“ Er kennt die Musik keineswegs so gut, dass er wüsste, was wie klingt, aber seine Wahl ist klar: „Frühling!“

 

 

21.08.05

Habe heute den Krankenhausgang fotografiert, auf dem das Totenköpfchen seinem Ende entgegen dämmert. Ich hätte leicht auch ein Foto von ihm machen können. Aber es geht nicht. Er ist so entblösst.

Und doch ist in diesem fast entseelten Gerüst ein Wille geblieben, der mich immer wieder verblüfft: Auf das Kartoffelpüree wollte er ein Tröpfchen Rotwein. Wobei zu bedenken ist, dass er eigentlich nicht mehr spricht, heute Vormittag nicht einmal mehr den Händedruck meiner Mutter erwidert hat, so dass sie stundenlang neben ihrem vollkommen regungslosen Mann ausharren musste. Aber dann reisst er sich noch mal am Riemen und nimmt mehrere Anläufe, bis er „ein Tröpfchen Rotwein drauf“ herausbringt. Der alte Lustmolch in ihm stirbt zuletzt.
 

29.08.05

Letzte Woche haben sie das Klappergerüst aus dem Krankenhaus zurück ins Pflegeheim geschleppt, wo er weiterhin kaum isst und die Pfleger sich wundern, dass er noch lebt. Gestern sah ich seinen fast nackten, nur mit einer Windel „bekleideten“ Körper: Abgesehen von der Windel gleicht er auf’s Haar den Leichen auf den KZ-Dokumentationen. Auch das Totenköpfchen ist noch einmal ein Stück toter geworden, obwohl ich dachte, dass das gar nicht geht. Aber ich habe einen Trick gefunden, es zu ertragen. Ich verbiete mir die Erinnerung daran, wie er früher aussah. Ohne diesen Vergleich ist er einfach ein Skelett mit Schädel drauf. Nur die Augen….. Sein Blick ist vorwurfsvoll, es ist mir schon lange nicht mehr gelungen, ihm ein Lächeln zu entlocken. Und das obwohl ich ihm immer wieder den Vivaldi-Frühling vorspiele.

Aber irgendetwas in ihm lebt, und zwar so sehr, dass er neulich plötzlich mühsam, aber deutlich „Birne Helene“ sagte. Er will Birne Helene. Ich dachte, er spinnt, aber er hatte eine genaue Vorstellung von einer Kombination aus Birne und Schokolade. Also habe ich ihm eine Birne zu Matsch gekocht, damit er sie nicht kauen muss, die 150prozentige Schokoladencreme aus Holland und den obligaten Rotwein eingepackt und das ganze Zeug dann auf seinem Nachttisch aufgebaut.

Erstmal dran schnuppern, dann lutschen: schmeckt! Dazu ein Schlückchen Rotwein aus der Plastikschnabeltasse: schmeckt. Dann kommt die Schwester. Aufgekratzt fragt er sie nach der verbleibenden Zeit: „Ein Tag noch? Oder zwei?“ „Ich weiss es nicht.“ Er insistiert: „Die Wahrheit!“ „Ich weiss es wirklich nicht, Herr Brockmann.“ Sie ist ernst und aufrecht und streichelt sein Gesicht. Ich stehe hinter ihr, und da bleibe ich, weil ich spüre, dass sich etwas anbahnt, das ich nicht ertrage. So sehe ich wenigstens sein Gesicht nicht. Ich vermute, sie hält seine Hand, dann nimmt sie Anlauf und fragt mit fester, fast ein wenig zu lauter Stimme: „Herr Brockmann, möchten Sie sterben?“ Stille. Er scheint zu überlegen. Die Antwort klingt entschlossen und erleichtert, schwer wie ein Sandsack, der unverrückbar auf den Boden schlägt: „Ja.“
Wie einem Kind, das spielen gehen möchte, gibt die Schwester meinem Vater die Erlaubnis, zu sterben. Sie scheint Erfahrung zu haben, vermutlich gibt es Menschen, die sich nicht verabschieden können, ohne dass ihnen jemand sagt: Du darfst jetzt gehen. Vermutlich gehört mein Vater zu dieser Sorte.

Ich rühre heulend in der Schokoladensauce, die Schwester wartet – mit dem Rücken zu mir -, bis ich mich gefangen habe, dreht sich dann um, streichelt mich und geht.

 

03.09.05

Mein Vater hat gestern die letzte Ölung bekommen – versehentlich. Nachdem der Hausarzt, der wohl allmählich die Schnauze voll hat von dem zähen Auf und Ab, ihm ohne mein Wissen Morphium verpasst hatte, fing er an zu phantasieren, wollte zunächst nach Peking und beauftragte dann eine Schwester, im katholischen Pfarramt anzurufen und ihm einen anständigen Platz auf dem Friedhof zu reservieren. Die Schwester deutete das als den Wunsch nach der letzten Ölung und rief den Pfarrer. Nach zehn Minuten war er da, zückte seine Cremetöpfchen und begann meinen ahnungslosen Vater zu bearbeiten. Meine Mutter stand ratlos daneben, erklärte kurz, dass sie den Zauber nicht ganz ernst nehmen kann und liess ihn dann gewähren. Nur als er im Vaterunser bei der Stelle „Und führe uns nicht in Versuchung“ ankam, fuhr sie ihm dazwischen: „Haben wir Menschen das nötig?“

 

Inzwischen ist das Morphium abgesetzt, und er taucht langsam wieder auf aus der Umnachtung. Allerdings hat er heute meine Mutter gefragt: „Und wann ist die Beerdigung?“ Worauf sie fragte, welche, und er sagte: „Meine.“

 

Ob er weiss, dass wir uns tatsächlich schon Gedanken über seine Beerdigung machen? Ob er das mit der letzten Ölung mitgekriegt und für eine Aufforderung gehalten hat? Ob er ahnt, dass uns sein zähes Sterben krank macht? Zum dritten Mal habe ich gestern die Behauptung gehört, dass er nur deshalb noch lebt, weil ich ihm das Leben immer wieder schmackhaft mache. Und tatsächlich macht er, wenn meine Mutter bei ihm ist, manchmal stundenlang nicht mal die Augen auf, während er mich ansieht, sich Mühe gibt, zu sprechen, meinen Händedruck erwidert und sogar das Schnütchen gierig spitzt, wenn ich mit der holländischen Schokocreme anrücke. Mein Cremetöpfchen gegen das vom Pfarrer. Aber im Gegensatz zu seinem verheisst mein Töpfchen Leben. Leben, das ich zäh verteidige gegen den Tod, den ich schlechten Gewissens herbei sehne.

 

 

09.09.05

Zu meinem Vater muss ich jetzt wieder Hammer und Nagel mitnehmen. Vor ein paar Monaten, als er ins Heim kam, habe ich ihm schon mal ein neues Loch in das Armband seiner Uhr geschlagen, weil sie an seinem abgemagerten Ärmchen bis zum Ellenbogen hochgerutscht war. Jetzt ist auch dieses Loch nicht mehr ausreichend. Das Band muss noch mal einen Zentimeter kürzer werden, damit ich es an seinem Knochen befestigen kann. Er wiegt noch 31 Kilo und gilt inzwischen als medizinisches Wunder. Wobei ich mir unter Wunder immer etwas anderes vorgestellt habe.

 

Jedenfalls hat sich das Wunder gestern unter grösster Anstrengung und mit drei Anläufen die Frage abgerungen, womit ich mich zur Zeit beschäftige. „Stiefmütterchen“ antworte ich wahrheitsgemäss. Seltsamerweise bin ich mir sicher, dass er mich nicht für verrückt hält. Sicherheitshalber erkläre ich ihm aber doch, dass ich vorhabe eine 13 Meter hohe Blüte in eine Kirche einzuschleusen. Er schmunzelt. Bevor er wieder in seinen Halbschlaf fällt, wandern seine Augen an der Zimmerdecke entlang. Er ist weit weg. Wie immer weiss ich nicht, wo. Zum ersten Mal frage ich ihn, woran er denkt. „An alles. Und nichts.“ Schweigen. Er öffnet die Augen, sucht. Neuer Anlauf: „Was geht Dir im Kopf herum, während Du hier liegst?“ „Dafür ist es jetzt zu spät.“ Ich frage, warum, er meint die Uhrzeit. Ich verstehe, dass er seine Ruhe haben will und versuche mich zu verabschieden. Aber es geht nicht. Er hält meine Hand fest und sieht sich dabei suchend im Zimmer um, als gäbe es etwas Wichtigeres. Wie ein Kind, das ins Bett soll und so tut, als hätte es die Aufforderung überhört. Ich stehe eine Weile neben seinem Bett, meine Hand in seiner, ich weine, er sucht, ich wende meinen Kopf ab, lasse meine Hand in seiner, bis ich mich gefangen habe und wieder in der Lage bin, mein aufrechtes „bis bald“ zum besten zu geben.

 

 

 

11.09.05

Gestern hat er wieder Leiche gespielt. Totenkopf schlafend, Augen halb geöffnet, auf Ansprache keine Reaktion. Ich starrte automatisch auf die Brust, und wenn sie sich nach einem Atemzug nicht gleich wieder hob, rauschte mir das Adrenalin durch die Ohren, dass ich Mühe hatte,  das Gerippe nicht zu schütteln. Und dabei wünsche ich mir doch seinen Tod. Ich habe mit mir selbst gestritten, mir gesagt, lass ihn sterben, aber der heisse Schreck brennt im Gesicht und im Nacken, mein Körper sträubt sich gegen seinen Tod. Der Vivaldi geht mir auf die Nerven – er wollte wieder mal den Frühling hören – ich schalte die Kiste aus, streichle mit dem Fingerrücken die Knochen seiner Hand, die jetzt mit Schorf bedeckt ist, weil er austrocknet, und beruhige mich, weil das ständige Angsthaben und Aufgeregtsein so anstrengend ist, dass man irgendwann allein schon aus Erschöpfung damit aufhört. Am Ende schien mir, jetzt bin ich bereit, ihn nicht mehr atmen zu sehen, die warme Hand kalt werden zu spüren, das schorfige Gerippe, das jetzt noch mein Vater ist, als leere Hülle vor mir liegen zu haben… aber da atmete er wieder ganz normal.

 

 

14.09.05

Gestern hatte mein Vater karierte Füsse. Die Schwestern deuteten es als Anfang vom Ende und riefen mich. Auf der Autobahn sang ich, so laut es ging, an der Ausfahrt wurden meine Knie weich, da war die Stimme weg.

 

„Wir haben ihm eine Kerze und ein Kreuz hingestellt“, sagt die Schwester. „O Gott“, sage ich, und sie rechtfertigt sich: „Aber er ist doch katholisch.“

 

Als ich ins Zimmer komme, hat meine Mutter die Kerze schon ausgeblasen. Mein Vater liegt händeringend und kopfschüttelnd im Bett, sie sitzt weinend daneben. Ich bin erleichtert, ihn so mobil zu sehen und frage, wie’s ihm geht. „Schluss“, ächzt er. Alexander nimmt meine erschöpfte Mutter und bringt sie für einen Mittagsschlaf nach Hause. „Lassen wir sie kurz nach Hause gehen?“ frage ich meinen Vater. Er nickt. Dann sind wir allein. Meine Rotkäppchen-Utensilien – Schokoladencreme und Rotwein – brauche ich nicht mehr auszupacken.

 

Er rudert mit den Armen in der Luft, ich schnappe seine Hände und versuche ihn zu beruhigen: „Wir sind alle da, schlaf ein bisschen.“ Seine Augen sind weit geöffnet, er sucht meinen Blick, dann gleitet er wieder ab und sucht woanders. Sein Kopf wackelt, er atmet hektisch, sogar seine Beine bewegen sich auf einmal, das konnte er schon lange nicht mehr. Trotzdem nehme ich das Gitter vom Bett, über das ich heute morgen noch mit dem Richter vom Amtsgericht debattiert habe, damit ich seine Hände besser fassen kann. Sie sind warm und weich. Ich will sie eincremen wie immer, um etwas zu tun zu haben, doch der Schorf ist weg. Aber die Augen, die könnten eine Säuberung gebrauchen. Ich hole den Waschlappen, streiche damit über die Augen und den Mund, den er dazu wie immer zum Schnütchen spitzt und setze mich wieder. Wie lange wird das gehen? Er ist so beweglich wie seit langem nicht mehr. Die Schwester kommt und tröstet erst mich und dann ihn, er hält in der rechten Hand meine und in der linken die ihre, er lässt sie nicht los. So stehen wir eine Weile, sie versucht ihre Hand aus seiner zu winden, ich öffne seine Hand, indem ich einen Finger nach dem andern aufbiege und ersatzweise die meine hineinschiebe.

 

Das Telefon klingelt, mein Bruder. Ich gehe vor die Tür, er verspricht zu kommen, und als ich zurückkehre, sieht mein Vater mich neugierig an. Ich sage ihm, dass mein Bruder kommt, er winkt ab, als sollten wir uns nicht soviel Mühe um ihn machen. Dann kämpft er weiter, in seinen Atemwegen brodelt es. „Schlaf ein bisschen, ich bin da.“ Nein, geht nicht. Nur Händehalten, immer fester.

 

Er formt den Mund zu einer Silbe, ich verstehe nicht, er presst mit ganzer Kraft den Atem von innen gegen diese Silbe, ich versteh sie trotzdem nicht. Ich lege mein Ohr an seine Lippen: „Fahr!“ Ich soll fahren? „Nein, ich bin doch grade erst gekommen. Ich bleibe hier.“ Er beruhigt sich. Der Atem wird still. Die Augenlider senken sich, das rechte schliesst nicht richtig, und ich registriere, dass er nicht mehr in meine Richtung guckt. Er verwandelt sich in ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, das nur noch ganz schwach atmet. Kaum vernehmbar. Es wird absolut still. Lautlos hebt sich sein Adamsapfel, der aus der Haut ragt wie das Matterhorn. Der Mund öffnet sich, ein winziges Ächtzen, im Bauch gluckert es ganz leise, er scheint vollkommen nackt im Gesicht, es wird graugelb, er verzieht es zu einer Grimasse, die Durst bedeuten könnte, ich nehme es als willkommene Gelegenheit, ihm mit einem Wattestäbchen die Lippen anzufeuchten, er spitzt sie zum Schnütchen wie immer, dann setze ich mich wieder neben ihn, nehme seine warmen, seidig weichen Hände in meine, mein Herz klopft mit solcher Gewalt, dass ich fürchte, ohnmächtig zu werden, kein Wort mehr, kein Laut, nur die sachte Bewegung des Atems, der wie eine viel zu schwache Pumpe immer seltener kommt, das Gesicht verzerrt sich verzweifelt, er weint, eine Träne kullert aus seinem rechten, halb geöffneten Auge, er rudert mit der Hand in diese Richtung, um sie wegzuwischen, ich komme ihm zuvor, dann liegen seine Hände wieder in meinen, ich fange an, mich an mein rasendes Herz zu gewöhnen und beobachte ihn mit atemloser Wachheit, er hört auf zu atmen, ich bleibe still sitzen, sein herunterhängender Unterkiefer lässt die Unterlippe über einer Zahnlücke weggleiten, er bewegt sich – ein Atemzug, er verzieht das Gesicht wieder zu einem verzweifelten, kaum hörbaren Schluchzen, noch eine Träne, die er nicht mehr wegwischt, aber ich, dann legen sich unsere Hände wieder ineinander, das Gesicht ist jetzt gelb, Stille, ich bewege meine rechte Hand, da drückt er zu. Ich harre aus, der Kopf geht sachte auf und ab, als atmete nur noch er, dann gibt es eine Pause, die Unterlippe verrät wieder ein bisschen Luftbewegung, aber er atmet nicht mehr ein, nur aus, wieder und wieder,  noch eine winzige Regung der Lippe, dann rührt auch sie sich nicht mehr, nichts regt sich, ich bewege meine Hand in seiner, kein Gegendruck mehr.

 

Die Leiche meines Vaters liegt warm und zart vor mir. Ich ziehe meine Hände aus seinen und gehe aus dem Zimmer.