Gestern haben wir Alexanders Mutter zu Grabe getragen – bei strahlendem Sonnenschein. Keine Beerdigung auf die übliche Art, sondern Bestattung in einem Ruheforst in der Nähe von Berlin. Das heisst: fast eine Stunde Anfahrt über holprige Strassen durch kahle Wälder, und dann erstmal am Eingang zum Ruheforst vorbeigefahren – solche Adressen kennt das Navi nicht. Kehrtwende, Auto auf dem Parkplatz abgestellt und zu Fuss weiter.

Zu sechst wandern wir den schnurgeraden Weg durch Matsch und Sand, plaudern, lachen und freuen uns an der Sonne. In der Ferne trauchen zwei winzige Gestalten auf, die uns erwarten: die Förster. Sie begrüssen uns mit ernster Miene, aber wo ist die Urne? Sie steht am “Andachtsplatz” – da führen sie uns hin. Plötzlich ist es aus mit dem Plaudern, und wir sind mitten in der Beerdigungsstimmung. Die Förster gehen voran, wir hinterher.

“Andachtsstätte? Das war nicht ausgemacht.” Alexander rebelliert. Aber da die Urne nun mal dort steht, müssen wir sie erst abholen. Mir wird mulmig, was erwartet uns? Wir wollen keine Trauerfeier, deshalb haben die drei Geschwister diese Form der Bestattung gewählt. Sind wir doch wieder in eines von diesen Ritualen geraten, an die keiner von uns glaubt? Wie sieht ein “Andachtsplatz” aus? Was haben die Förster mit uns vor? Ich halte Ausschau und merke, dass auch Alexander neben mir sich unbehaglich fühlt. Fast gleichzeitig sehen wir, was wir befürchtet haben: Hinter einer Wegbiegung, auf einer kleinen Lichtung, schimmert durchs Geäst ein riesiges Holzkreuz, davor ein Sockel, darauf die Urne. Mitten im Wald, zwischen Gestrüpp und altem Laub steht plötzlich ein grün gemaserter Topf mit einem Tannenkranz und thront auf einer Stele  – wie ein Totempfahl bei den Indianern. Ich spüre Alexanders Entsetzen vor dem Kult, den wir beide nicht mögen. Nur das Absurde an diesem Bild macht es erträglich.

 

Auf der Lichtung angekommen, erklärt Alexander den Förstern, dass wir sofort zur Grabstelle wollen. Ein Förster nimmt den Topf und drückt ihn Alexanders Bruder in die Hand. Dann geht er wieder vor. Aber jetzt mit halber Geschwindigkeit. Er schreitet würdevoll über den buckligen Trampelpfad, hinter ihm der Bruder mit der Urne, und hinter ihm wir restlichen fünf.  Am Schluss der zweite Förster. Wir sind ein Trauerzug. Hinter mir schluchzt Alexanders Schwester. Sein Bruder dreht sich zu uns um und sagt: “So ist es doch gut, oder?”

 

Riesige Pinien, kahle Birken, strahlendes Licht, blauer Himmel, raschelndes Laub, durch das ein Trupp aus acht Menschen mit einem Topf aus verwitterbarem Material stapft, darin die Asche der Mutter, um die wir inzwischen alle weinen. Vielleicht ist aber auch etwas anderes drin, wer weiss, wir sehen nicht nach, es würde keinen Unterschied machen.

 

Nach 10 Minuten landen wir am “Grab”: Ein Loch im Boden, das genausogut von einem Fuchsbau stammen könnte, rundherum ein paar Tannzweige wie zur Tarnung einer Falle, daneben ein Häufchen Erde – sonst nichts, nur Wald. Am Nachbarbaum ein winziges Schildchen mit dem Namen des Vaters, dessen Asche hier schon vergraben ist.

 

Der Förster fragt in gedämpftem Ton, ob wir die Urne selbst versenken wollen und erklärt uns, wie man sie am Faden in das Erdloch gleiten lässt. Der Bruder nimmt den Topf und stellt ihn daneben. Wir sind noch nicht soweit. Der Förster versteht und zieht sich zurück.

 

Gesenkte Köpfe, alle starren auf das Gefäss am Boden, als wäre von ihm irgendetwas zu erwarten. Alle weinen, als gälte es, die Mutter zu versenken. Wahrscheinlich tun wir das.

 

Alexander zieht einen Zettel aus der Tasche, setzt seine Brille auf und beginnt mit seiner Mutter zu reden, als wäre sie im Topf: “Liebe Mutter.” Er erzählt von einem Traum, in dem sie Lincoln war, der Präsident, der die Sklaverei abgeschafft hat. Er redet von der Freiheit, um die wir alle kämpfen, die hier stehen, Freiheit von den Familienbanden, die jeden von uns auf seine Weise fesseln.

 

Die andern loben die Mutter für das, was sie getan hat, wir weinen und lachen, erzählen Geschichten und starren dabei auf den Topf vor dem Loch.

 

Die Förster warten geduldig.

 

Die Urne muss versenkt werden, aber als wäre das ein wirklicher Abschied, zögern wir es hinaus und machen noch ein paar Fotos, eines mit Urne, eines ohne, die Geschwister mit Partnern, die Geschwister ohne Partner, es hilft nichts, die Urne muss versenkt werden.

 

Alexander und seine Schwester tun es. Jetzt könnten wir gehn. Wir winken die Förster herbei, wer macht das Loch zu? Das machen wir, sagen sie. Aber sie tun es nicht, sondern warten, bis wir endlich gehen, als wollten sie uns einen Anblick ersparen.