Mai 2004

 

Die vorwurfsvolle Stimme meiner Mutter schleicht sich auf grauen Samtpfoten an und bohrt sich in ihr schuldbewusstes Gegenüber. Die Klage, dass es keine Pille gegen ihr Alter gibt, ergiesst sich als düstere Sauce über uns. Mein Vater skandiert dazu den vorwurfsvollen Ton ein bisschen höher: „Schlecht!!!“ sagt er grundsätzllich auf die Frage nach seinem Befinden. Und die pflichtschuldige Frage nach dem Grund quittiert er mit höhnischem Gelächter. Schon die Frage verrät unsere Ignoranz gegenüber seinem Leiden an der Tatsache, dass er jetzt alt und unbeweglich ist. „Ihr habt ja keine Ahnung!“ Die hatten wir auch früher nicht, wenn es um die Vergangenheit ging, den Krieg, die Gefangenschaft, die Nazis, die Engländer, die Russen, die Zeit nach dem Krieg…

 

Dieses Wochenende hatte ich Glück. Der Ausbruch meines zornigen Vaters traf nicht mich, sondern meinen Bruder. Der alte Mann ist so verzweifelt über den Verlust seiner Beweglichkeit, dass er uns allen die Hölle heiss macht. Dabei regt er sich so auf, dass wir jedes Mal denken, gleich fällt er um, aber das denken wir schon seit dreissig Jahren.

 

Als er vor drei Jahrzehnten seinen ersten Schlaganfall hatte, war ich gerade dabei, meine Lehrerausbildung an den Nagel zu hängen, und meine Mutter drohte auf der Strasse vor dem Krankenhaus: „Wenn Du das tust, wird er es nicht überleben.“ Sie wusste, dass nichts auf der Welt mir mehr Schrecken einflösste als die Vorstellung von meinem toten Vater. Ich habe mein Lehrer-Examen gemacht, entschlossen, niemals Lehrer zu werden, und fürchte mich immer noch vor dem Tod meines Vaters. Mein Bruder nicht minder. Und mein Vater weiss das. In der Gewissheit, dass wir seinem nahenden Tod so hilflos ausgesetzt sind wie er selbst, redet er sich in Rage, wirft uns Verständnislosigkeit und Gefühllosigkeit vor, und wenn wir sie bestreiten, dreht er noch ein bisschen an der Schraube, bis alle denken, jetzt fällt er gleich um und lässt uns für immer mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit zurück. Nichts fürchten wir mehr, als die Vorstellung, er wäre tot und wir endgültig diejenigen, die ihn unter die Erde gebracht haben. Dagegen haben wir beide unsere Methode. Ich bin inzwischen dahinter gekommen, dass ihn ein Glas Wein entspannt. Wenn er es drin hat und zehn Minuten vergangen sind, wird er weich und weinerlich wie ein zahnendes Kind – der Zahn, der ihm wächst, ist sein Tod. Mein Bruder, der Psychoanalytiker, kennt hysterische Anfälle aus der Praxis und rettet sich in die Relativierung. Als mein Vater heute aufsprang und sagte, er gehe jetzt, was wohl soviel hiess wie, er gehe jetzt sterben, weil er ja sonst nirgends hin kann, blieb mein Bruder sitzen und tat nichts. Dann kam der Pflegedienst zum Blutdruckmessen, mein Bruder geriet angesichts des Messgerätes, das er nicht kannte, beim ersten Piepsen  in eine Panik, die wohl ihrerseits eines Schlaganfalles würdig gewesen wäre, bis sich herausstellte, dass der Blutdruck meines Vaters ideal ist.

 

 

 

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September 2009

 

Reise in die österreichische Heimat meiner Mutter, die unterdessen im Heim in Deutschland  auf den Tod wartet. In den Bergen zum ersten Mal Höhenangst  und das Gefühl, ich gehöre hier nicht hin. Bei der ersten ausgesetzten Stelle verliess mich der Mut, woraufhin mich die Freunde wie eine unwillige Kuh antrieben. Dann entdeckte einer ein Kreuz mit der Aufschrift „Hier stürzte am 8. Juni 2008 unsere liebe Barbara ab“ – von da an war unsere liebe Barbara ständiger Begleiter unserer Touren – natürlich in Gestalt von Witzen. Aber das „Ich gehöre hier nicht hin“ – Gefühl blieb. Dann kam der Anruf aus dem Heim, dass man um eine Entscheidung über lebensverlängernde Massnahmen bitte. Endlose Telefonate mit meinem Bruder. Wir haben die Entscheidung getroffen, sie nicht mehr zum Essen zu zwingen und auch keine Magensonde legen zu lassen, also: ihr endlich ihren jahrzehntelangen Wunsch zu erfüllen, sich zu Tode zu hungern. Jetzt liegt sie im Sterben. Und dabei hatte ich insgeheim gehofft, das langsame Sterben bliebe mir „gerechterweise“ bei meiner Mutter erspart. Den bleiernen Gedanken an ihren Tod habe ich also die Berge rauf und runter geschleppt.

 

2.9.2009

Jetzt ist es besser, weil ich sie selbst in Augenschein nehmen kann. Sie ist ein schimpfendes Häufchen Elend. Die Stimme passt nicht zum völlig zerkratzten Körper – der Juckreiz ist eine Mangelerscheinung – sondern wirkt herrisch, wütend. Sie stösst die – meist unsinnigen – Worte hervor, als wollte sie uns damit verprügeln. Hin und wieder öffnet sie gnädig ihren Mund, um ein Stück Schokolade reinzulassen, und gierig, um Wasser zu schlürfen. Trotzdem zerrunzelt ihr Körper wie eine vertrocknete Pflanze, die man auch durch exzessives Giessen nicht mehr beleben kann. Wie lang wird dieses Schauspiel gehen?

 

3.9.2009

Sie redet nur noch vom Essen, ist voller Power und Wut und kratzt sich den ganzen Körper auf. Als ich heute kam, wurde das blutige Laken gewechselt.
Vom Heim geradewegs nach Köln, um ein Kleid für den anstehenden Empfang beim Regierungspräsidenten zu kaufen. Eine rauschende schwarze Robe.

 

6.9.2009

Heute morgendie Ernüchterung nach der “rauschenden Nacht” – Besuch bei meiner Mutter. Sie ist laut und heftig, als dächte sie gar nicht ans Sterben. Sie rudert mit den Händen in der Luft und greift die Sachen dort mit einer Überzeugung, dass ich mich dabei erwische, genauer hinzugucken, ob nicht doch etwas da ist. Zuerst hat sie mich erkannt, klar geantwortet, mit fester Stimme, manchmal fast witzig, dann plötzlich war ich Helga, und als ich mich beschwerte, korrigierte sie sich schuldbewusst, natürlich sei ich Uta. Ihr kommen keine Zweifel, sie rudert in der Vergangenheit, redet von der Katze, die sie früher hatte, als lebte der blöde neurotische Kater noch immer, telefoniert dann mit meinem Bruder, als wäre ans Sterben nicht zu denken, und driftet anschliessend in eine Welt, die scharf links neben mir liegt. Dort redet sie mit mir. Ich rücke nach links, in ihr Blickfeld, aber das hilft mir nichts, sie sieht durch mich hindurch – gnadenlos. Natürlich ist das Wort Unsinn, aber mit Sinn geht es jetzt sowieso nicht mehr zu. Als Alexander neulich mitkam, um sie zu besuchen, war er von ihrem Anblick so schockiert, dass er die künstlichen Blumen gegossen und mir nachher noch vorwurfsvoll erzählt hat, dass sie schon reichlich trocken gewesen seien.

Die Schwestern halten das Ganze für das letzte Aufbäumen. Aber ich bin mir nicht sicher. Sicher bin ich nur, dass sie auf Speed ist. Entweder durch den nahenden Tod oder durch das Glück, jetzt endlich im Bett bleiben zu dürfen und von morgens bis abends gehätschelt zu werden – mit weichen Kissen, besorgten Blicken, sanften, verständnisvollen Stimmen….
 

12.9.2009
Meine Mutter isst und trinkt wie ein Scheunendrescher und freut sich des Lebens – natürlich auf ihre Weise, indem sie mitleidheischend sagt: „Ist es nicht schrecklich, dass ich jetzt hier liege?“, worauf ich ihr sage, sie brauche nicht zu liegen, sie dürfe ruhig aufstehen – das kann sie nämlich – aber nein, das dann doch lieber nicht. Mein Bruder erklärt sich die Sache so, dass jetzt die Gehirnzellen abgestorben seien, die ihr das ganze Leben zum Hungern geraten haben. Und ich ertappe mich dabei, dass mich der Zorn packt, wenn ich an ihrem Bett sitze, statt zu arbeiten.

 

18.9.2009

Meine Mutter hat beschlossen, das Sterben zu beenden. Vorgestern sagte sie zum Pfleger, sie wolle jetzt aufstehen. Der verdatterte Junge liess sie aufsetzen und hielt ängstlich den Arm hinter sie, was sie gar nicht verstand. Stattdessen lief sie los, fast ohne Hilfe, als wäre nichts gewesen. Jetzt setzt sie ihr Leben fort. Isst, trinkt, geht, verdaut, hat rote Bäckchen … und uns alle hinter’s Licht geführt? Ihr angeblicher Todeskampf begann genau in der Woche, als ich in Österreich war.

 

16.1.2010
Sie sitzt jetzt in einem Rollstuhl, der eher ein aufgestelltes Bett ist. Darin residiert sie wie eine Praline in einem kostbaren Gehäuse: gut verpackt und gepolstert in Kissen und Decken. Sie scheint sich darin wohlzufühlen und hält die Augen geschlossen. Wenn ich sie anrede, lässt sie sich Zeit, bis sie zeigt, dass sie mich erkennt. Dann öffnet sie behäbig ein Auge und sagt meinen Namen.  Das Spiel treibt sie solange, bis ich denke, die Arme, sie kann kaum noch sprechen. Dann gibt sie einen strengen Satz von sich, „Mir ist kalt“ oder „ Ich habe genug von dir“. Auf meine Frage, ob ich gehen soll, entscheidet sie, dass das nun auch wieder nicht in Frage kommt. Ich bin mit ihr auf der Strasse herumgekurvt, was aber mit diesem seltsamen Mondfahrzeug kaum geht. Man landet damit schneller im Graben als mit einem hochfrisierten Porsche. Ein Herr – vermutlich ein Pfarrer – nahm sich mitleidig meiner an, als er sah, wie ich mich abplagte. Ich glaube, sie ist vollkommen klar im Kopf, geniesst das Bedauern und überlegt sich im Stillen, wem sie ihre paar Worte gönnt.

 

 

20.1.2010

Wo ist mein Vater, wo ist Alexanders Vater, was ist mit den vielen Leuten, die sie nach dem grossen Erdbeben in Haiti wie Müll entsorgen? Natürlich werden sie alle nicht irgendwo weiterexistieren, und wir vermutlich auch nicht, aber ich verstehe es nicht. Das Leben, das wir haben, ist das einzige, und es fühlt sich ziemlich gross an…. In Haiti sammeln sie die Toten mit Baggern auf und kippen sie dann auf eine Halde. Es sind zuviele. Das Szenario erinnert mich an ein Fernsehbild, das ich als Kind sah. Die Erwachsenen um mich herum unterhielten sich, der Fernseher lief, ein Haufen toter Juden war zu sehen, ein Körper wurde darauf geworfen, die Glieder wackelten, da fiel einem der Erwachsenen auf, dass ich das nicht sehen sollte, sie schalteten  das Gerät aus, aber es war zu spät, ich habe das Bild nicht mehr vergessen, und jetzt ist es wieder da. Natürlich ist es ein privates Trauma, aber wir kämpfen doch alle damit, dass unser Verstand nicht ausgerüstet scheint für den Tod.

 

8.2.2010

Meine Mutter hängt vollkommen apathisch in ihrem seltsamen Rollstuhl, ohne jede Reaktion. Ich lese ihr zur Zeit ein Buch über „Das Jesuskind in Flandern“ vor, ein atemberaubender Kitsch, und manchmal grinst sie verächtlich. Aber wenn ich frage, ob ich weiterlesen soll, nickt sie.  Das ist allerdings das Äußerste an Reaktion. Nur am Schluß, als ich ihr sagte, daß ich jetzt fahren muß, weil ich sonst zu spät zu einem Termin komme, sagte sie plötzlich: „Das wäre schade.“ Klar und deutlich: Das wäre schade. Ich dachte, mich trifft der Blitz. Manchmal, wenn wir sie anbetteln, daß sie doch bitte wenigstens einmal die Augen aufmachen oder sonstwie reagieren soll, scheint mir, hinter ihrer kortisongeschwollenen Fassade lauert ihr Geist wie ein Rumpelstilzchen und amüsiert sich über uns.

 

28.2.2010

Habe heute wieder meine schweigende Mutter besucht. Sie ist so abweisend. Zeigt kaum eine Regung im Gesicht. Lässt sich aber genüßlich vorlesen. Wenn ich aufhöre, hört sie auf, zu schlafen, was daran erkennbar ist, dass sie mit den Augäpfeln unter den Lidern rollt. Als hauptamtliche Tochter verstehe ich den Hinweis und lese weiter, was sie mit sattem Schnarchen quittiert. Was mich wiederum zu dem Schluss verleitet, dass ich aufhören kann ….. siehe oben.

 

19.3.10

Anruf aus dem Heim: „Ihre Mutter stirbt!“ „Woran merken Sie das?“ „Die Beine verfärben sich schon.“ „Wie lange noch?“ „Bis morgen. Höchstens.“ Lebensverlängernde Maßnahmen? Nein, wollen wir nicht. Zur Vorsicht aber noch mal meinen Bruder angerufen.

Alle Termine abgesagt und hopp ins Auto.  Unterwegs geheult wie ein Schlosshund. Dann wieder Erleichterung, dass es bald vorbei sein wird. Bei der Ankunft zunächst den Pfleger gefragt, ob sie noch lebt, dann ins Zimmer. Im Bett ein keuchendes Köpfchen. Die Schwester kommt, redet ganz sachlich mit mir, nein, das sei noch nicht der „präfinale“ Zustand, es könnte auch noch ein paar Tage dauern. Gestreichelt, geflüstert, mit den für Sterbende vorbereiteten Wattestäbchen die Lippen befeuchtet. Dann will die Schwester sie umbetten und sagt, sie hole jetzt Verstärkung. Schaut mich an und schiebt hinterher: Oder trauen Sie sich das zu? Ich dachte, sie meint körperlich. Irrtum. Sie meint seelisch. Der nackte Körper meiner sterbenden Mutter ist übersät mit roten und braunen Flecken und Wunden, die ausgemergelten Brüste hängen seitlich am Körper herunter, die Knochenstangen, die einmal Gliedmaßen waren, stehen starr vom Körper ab, manchmal zittern sie.

Ich halte es nicht lange aus, fahre nach Hause, komme am Nachmittag mit Alexander zurück. Streicheln, flüstern, trösten, sie keucht, dann steht der Atem, still, ich rede sie an, einmal, zweimal, sie atmet. Streicheln, trösten, streicheln, trösten, sie hört auf zu atmen, ich zwicke sie, sie atmet weiter. Der Pfleger kommt mit Schnaps – grinsend, weil ich auf die Frage, ob wir etwas brauchen, lästernd „Schnaps“ gesagt habe. Er zieht wieder ab mit seiner Flasche und bringt Plätzchen. Dann wieder das Atmen-Atemstillstand-Spiel. Alexander hält mich fest, ich frage ihn: Warum ist das denn so schwer? Er hat auch keine Antwort.

 

20.3.2010
Heute morgen ist mein Bruder angekommen: Jetzt lebt sie wieder, sie trinkt, öffnet die Augen und fragt ihn nach der Uhrzeit. Diese Verrücktheit dauert offensichtlich bis zum letzten Atemzug.

Morgen fährt er wieder heim. Dann geht das Spiel mit mir weiter. Wenn  ich gläubig wäre, würde ich jetzt beten. Wäre jedenfalls schön, wenn es einen Zuständigen gäbe.
24.3.2010

Meine Mutter lebt. Sie stirbt ganz langsam. Jetzt aber immerhin kampflos.

 

 

 

29.3.10

Als ich  ihr Zimmer betrat, sah sie aus wie eine ägyptische Mumie, fremd und irgendwie verformt, ich dachte, das ist jetzt wieder ein neues Stadium des Sterbens. Bis ich darauf gekommen bin, dass die Pfleger ihr das Gebiss eingesetzt haben. Und da in der Zwischenzeit  das Gesicht geschrumpft ist, bedeckt die Oberlippe die Schneidezähne nicht mehr ganz, so dass es aussieht als würde sie die Zähne fletschen.

Ansonsten pflegt sie ihr Schweigen mir gegenüber, während sie mit anderen inzwischen wieder spricht. Es gibt aber noch einen Favoriten, dem sie ihre Abneigung so ausgiebig angedeihen lässt wie mir, eine Schwester, die sie nicht mag: Addi. Morgens bei der Pflege hat sie sich mit der ihr zugeteilten Schwester nett unterhalten, bis Addi zur Tür reinkam und Guten Morgen sagte. Keine Antwort. Neuer Versuch: Guten Morgen, Frau Brockmann. Nichts. Da mahnte sie die pflegende Schwester, doch wenigstens den Gruss zu erwidern, worauf meine Mutter sagte: Ich bin beschäftigt.
Ich gehe jetzt nur noch kurz zu ihr, sage guten Tag, und wenn sie nicht antwortet, fahre ich wieder. Ob sie das Spiel bis zum Ende durchhält?
 

31.3.2010

Sie hat mal wieder kein Wort mit mir geredet. Als ich ging, erzählte ich das der Schwester, woraufhin sie sagte, warten Sie, ich zeig’s Ihnen mal, ging ins Zimmer, platzierte mich unsichtbar hinter dem Schrank und …..   sprach mit meiner Mutter und sie mit ihr.

 

Als wir das Zimmer verliessen, sagte sie lapidar: Die mag sie halt nicht.

 

 

16.4.2010

Heute morgen – ich hatte gerade beschlossen, meine Mutter dieses Wochenende nicht zu besuchen, weil ich eine Ausstellung eröffne – Anruf von der Heim-Zentrale: „Bitte warten Sie, ich verbinde mit der Station Ihrer Mutter“. Warten, klingeln, warten, klingeln, Herzrasen, dann die Stimme aus der Zentrale: „Tut mir leid, die gehen nicht dran, ich gebe Ihnen die Durchwahl, es ist etwas Ernstes.“  Sturm im Kopf. Ich nahm die Durchwahl zur Station: Warten klingeln warten klingeln. Nichts. Da schossen ganz praktische Gedanken durch mein Hirn: Ich mache die Eröffnung trotzdem. Andere Nummer gewählt, warten klingeln warten klingeln, dann meldet sich die Stationsschwester mit ernster Stimme: „Es tut mir so leid, wir haben alles versucht“ – in meinem Kopf leuchtet eine Erkenntnis auf: es ist schon vorbei, ich muss meiner Mutter nicht beim Sterben zusehen – „aber ich kann Dir jetzt nichts anderes sagen: Wir können nicht zu Deiner Ausstellungseröffnung kommen.“

 

25.4.2010

Meine Mutter ist trotz Todesnähe immer noch für Überraschungen gut. Als ich kam, lag sie im Bett wie ein Säugling, der wartet, dass endlich mal was los ist, und liess ihre Augen, mit denen sie fast nichts mehr sieht, neugierig durchs Zimmer wandern. Zu dritt haben wir das winzige Bündel herausgeholt aus seinem Nest und in ihren fahrenden Schrank gesetzt, ausstaffiert mit weissem Fell und Kissen rechts und links, damit der Körper nicht verrutscht. Dann noch die orangene Brille auf die Nase, nicht zum Bessersehen sondern zum Lichtabhalten, und ab mit dem Rollschrank in die Sonne. Auf dem Vorplatz sassen wir dann nebeneinander und schmorten in der Hitze, gegenüber fand eine Hochzeit statt, die ich ihr detailliert schilderte, und zwischendurch stellte sie kluge Fragen – „was macht jetzt der Bräutigam?“ – so dass ich dachte, sie taucht allmählich wieder auf aus ihrer abgedrehten Welt. Aber im nächsten Satz hat sie sich dann darüber beschwert, dass es schneit.

 

 

2.5.2010

Wie ein unbewusstes Tierchen kauert sie in ihrem fahrbaren Schrank. Eineinhalb Erdbeeren in zerdrücktem Zustand ließ sie sich heute von mir füttern, wofür wir eine Stunde gebraucht haben. Dann war sie satt.

 

10.6.1010

Meine Mutter hat vor fast einem Jahr mit dem Sterben begonnen, und sie lebt immer noch. Heute finde ich dieses langsame Sterben sogar ganz gut, da kann man sich langsam an den Zustand gewöhnen, wenn sie nicht mehr da ist. (Seltsam, dass ich mich da erst dran gewöhnen muß, wo ich mich doch immer danach gesehnt habe.)

Ausserdem lässt sie sich jetzt manchmal streicheln. Sie hat vergessen, dass sie Zärtlichkeit verabscheut.

 

 

16.7.2010

Meine Mutter hat heute eine halbe Stunde lang die Augen offen gehalten, sich aber nicht an mich erinnern können. Immerhin kann ich das alte Streitmonster streicheln, ohne dass es mich beißt.

 

7.8.2010

Sie wiegt jetzt 25 Kilo. Plötzlich wird ihr bewußt, dass mein Vater tot ist, und kann es nicht fassen. Statt wie sonst nach zwei Minuten vergessen zu haben, was sie gefragt hat, konnte sie sich heute gar nicht von dem Gedanken lösen.

 

24.8.2010

Mit ihren 25 kg ist sie zu  schwach zum Niessen, aber sie erkennt mich und reagiert manchmal, was so weit geht dass sie mich fragt, wie es mir geht. Bin mit ihr draussen gewesen, habe ihr Kaffee eingeflösst, was sie mit “herrlich!” quittiert, und dann  schläft sie wieder. Aber sie geniesst das, glaube ich. Jedenfalls merkt man  ihr deutlich an, dass sie es nicht mag, wenn ich wieder gehe.

 

7.9.2010

Meine Mutter wiegt jetzt noch 23,7 Kilo. Am Wochenende sagte die Schwester, sie dächte jeden Morgen beim Betreten des Zimmers: Hoffentlich hat sie’s jetzt geschafft. Aber dann kommt doch immer wieder ein klares „Guten Morgen“ aus dem Bett. Ich heule vor Empörung und weiss, wie unsinnig das ist. Aber jetzt habe ich endlich die Mutter, die ich immer wollte, eine die mich nicht beißt, wenn ich ihr nahe komme, auch wenn das ausschliesslich den abgestorbenen Hirnzellen zu verdanken ist.

 

25.10.2010

Meine Mutter verschwindet weiter und isst, soviel sie kann – hauptsächlich in Kaffee aufgelösten Kuchen, weshalb mir inzwischen beim Geruch von Kaffee schlecht wird. Sie frißt sich ins Leben zurück wie ein durchgedrehtes Schaufelrad.

 

7.11.2010

Nachdem sie auf 24 Kilo abgemagert war, rief letzte Woche eine Pflegerin ganz aufgeregt an, um mir mitzuteilen, dass man sie gewogen habe und sie jetzt drei Kilo zugenommen hat. Die haben sich gefreut wie ein Bauer, der seine Lieblingskuh gemästet hat.

Sie geben ihr einen Becher mit dem wundersamen „Shake“ in die Hand, und dann fängt sie an zu trinken und zu lutschen und zu saugen. Wenn man ihr den Becher wegnehmen will, gibt sie ihn nicht her. Ausser wenn man verspricht, ihn sofort wieder aufzufüllen.  Manchmal frage ich sie, ob sie mit meinem Bruder oder ihrer Schwester telefonieren will. Wenn sie nickt, rufe ich denjenigen an, und der darf ihr dann etwas ins Ohr flöten. Bei meinem Bruder antwortet sie sogar manchmal. Aber nach einiger Zeit verwechselt sie den Hörer mit dem Becher, spitzt die Lippen und versucht zu trinken.

 

Auf dem Nachhauseweg kam ich an einer Grillstube vorbei, da drehten sich im Schaufenster zwei völlig verdörrte Grillhähnchen am Spieß. Ich spürte, wie ich den Gedanken zu verhindern suchte, aber er war zu schnell in meinem Kopf: Sie sahen aus wie meine Mutter.
8.11.2010

Um 9 Uhr Anruf aus dem Heim: „Kommen Sie schnell, Ihrer Mutter geht’s nicht gut.“ „Kann ich auch erst heute Mittag kommen?“ „Nein, eher nicht, sie ist schon sehr weiß.“

Addi, die Schwester, die das sagte, nehme ich ernst. Ich habe also meine beiden Termine für heute abgesagt und bin nach Essen gedüst. Heulend, versteht sich. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob dieser – dritte – Alarm nun wieder ein „Fehlalarm“ sein wird.

Als ich ankomme, liegt sie ganz ruhig da, eine Schwester sitzt neben ihr und hält ihre Hand. Ich versuche meine Mutter zu begrüßen, worauf sie zu keuchen beginnt. Das Röcheln wird stärker, kaum auszuhalten. Ich flehe die Schwestern an, mich nicht mit ihr allein zu lassen. Also bleibt immer einer bei ihr. Oder mir.

Wir wechselen uns mit dem Handhalten ab, dann werde ihre Finger blau. Die Schwester hebt die Bettdecke und sagt: „Es geht los.“ Die Beine sind marmoriert, an den Knien malen sich dunkle Flecken ab, das Gesicht wird seidenglatt und vollkommen faltenfrei. Ich stelle mich hinter sie und halte ihre Schulter, von vorne die Schwester an den Händen. Das geht so circa eine Stunde. Sie keucht, röchelt, leidet.

Addi kommt und löst ihre Kollegin ab, um mir Beistand zu leisten. Sie schlägt vor, den Pfarrer für die letzte Ölung zu rufen. Ich will nicht, gebe aber nach. Der evangelische Pfarrer kann nicht, erst in zwei Stunden hätte er Zeit, das ist Addi zu spät, sie ruft den katholischen Pfarrer und macht Druck.

Allmählich kann ich für ein paar Minuten allein mit meiner Mutter bleiben. Aber nur ein paar Minuten. Das nutzen die Schwestern, um ihre liegengebliebene Arbeit zu erledigen.

Addi taucht zwischendurch auf und nimmt mich feierlich in den Arm, ich denke, was ist das denn, dann flüstert sie mir ins Ohr: Und jetzt versuch ihr endlich zu vergeben.
Ich vergebe ihr. Tränenreich. Und als Addi draussen ist, bitte ich meine Mutter um Vergebung. Wird ja wohl zweiseitig gewesen sein, das Zerwürfnis.

Weiter Handhalten, mit Schwester, ohne Schwester, allmählich sind ein paar Augenblicke allein mit meiner Mutter erträglich.

Das liegt auch daran, dass sie allmählich aufhört zu keuchen. Sie beginnt, zu schlafen.

Walburga, meine Lieblingsschwester, kommt, nimmt mich in den Arm und flüstert mir ins Ohr: „Wenn Du kannst, spring über Deinen Schatten und verzeih ihr.“

„Hab ich schon.“  „Ach, drum sieht sie jetzt so entspannt aus.“

Die frühere Putzfrau meiner Mutter – Sofie, eine Kosovo-Albanerin, die jetzt diplomierte Altenpflegerin ist – taucht auf, zufällig, und übernimmt die Hand meiner Mutter. Ich kann mich für eine Viertelstunde verdrücken.

Als ich zurückkomme, sehe ich im Gesicht der ehemaligen Putzfrau Zärtlichkeit. Sie erzählt mir, wie meine Mutter sie getriezt hat früher, und was für eine schöne Zeit es trotzdem mit ihr war.

Die Hände meiner Mutter werden rosa und warm, die marmorierten Beine wieder so wie vorher und das seidenglatte Gesicht bekommt wieder Falten.

Dann kommt der Pfarrer. Ich muss aufs Klo. Der Weg führt am Gemeinschaftsraum vorbei, wo Addi die Bewohner der Station zum Gebet für meine Mutter versammelt hatte. Ich höre, wie sie gemeinsam das Vaterunser anstimmen und gehe so schnell wie möglich vorbei. Im Zimmer hat der Pfarrer schon seinen Werkzeug-Koffer ausgepackt und fragt mich: „Sie haben also gewünscht, dass ich Ihrer Mutter die letzte Ölung erteile?“ Ich stottere und sage, nein, Addi war’s. Ich Idiot!
Seine Irritation versucht er zu überspielen. Er fragt huldvoll nach der Herkunft. Ich denke, er meint meine Mutter und sage: Österreich, seit 1949 ist sie in Deutschland. Er hat aber meine Herkunft gemeint und staunt. Es war auch nicht das Land gemeint, sondern nur das Dorf beziehungsweise die Gemeinde, aus dem die – zukünftige – Tote und ihre Angehörigen stammen. Er hat wohl schon an die Beerdigung gedacht.

Dann spricht er meine Mutter an, viel zu laut, ich will ihn davon abhalten: bitte nicht wecken! Aber er merkt es selbst: „Sie reagiert nicht mehr.“

Dann beginnt er mit seinen Gebeten, neben mir steht Walburga, wir beide wie zwei Ministranten. Der Pfarrer sagt Sprüche und fordert uns dann  auf, auch welche zu sagen: Er: „Herr, wir loben dich.“ Und dann sollen wir sagen: „Wir preisen dich.“ Ich denke: Nein. Auf keinen Fall. Das geht zu weit. Und zugleich: Wir haben ihn bestellt, jetzt müssen wir sein Theater mitspielen. Also sage ich: „Wir preisen dich.“ Meine Tränen verschwinden. Ich stelle mir vor, wie meine Mutter, die an den ganzen Zauber nie geglaubt hat, es finden würde, mich so neben dem Pfarrer stehen zu sehen und katholische Sprüche aufsagen zu hören. Dabei schnauft und schnarcht sie friedlich vor sich hin.

Dann das Vaterunser, gemeinsam aufsagen! Ich bin erstaunt, wie gut das noch geht, wenn auch manche Stellen inzwischen modernisiert worden zu sein scheinen.

Und der Höhepunkt: „Jetzt grüssen wir noch die Jungfrau Maria.“ Dabei sieht der Pfarrer sich über die Schulter zu uns nach hinten um, und das heisst: Mitbeten! Gegrüsset seist Du Maria, voll der Gnade, gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, gebenedeit bist du unter den Wei…. da schiesst mir durch den Kopf: das heisst jetzt Frauen.

Der Pfarrer legt meiner Mutter die Hand auf und sagt, sie könne sich jetzt vollkommen entspannt in Gottes Hand fallen lassen. Zum ersten Mal bin ich ihm dankbar. Meine Mutter merkt nichts und schnarcht.

Ich danke dem Pfarrer und setze mich neben meine Mutter, beneide sie um ihr enspanntes Schlafen und versuche es mit autogenem Training. Die Schwestern brauche ich nicht mehr. Bevor es dunkel wird, fahre ich nach Hause.

Am Abend ruft das Heim an – Entwarnung, sie reagiert wieder. Als der Pfleger sie umbetten wollte, hat sie ihn angefahren: „Sei nicht so grob.“

Mein Bruder ruft an, ich berichte. „Dann hoffen wir mal, dass wir uns keine Sorgen machen müssen für diese Nacht“, sagt er. Aber ich mache mir keine Sorgen, dass sie heute Nacht stirbt. Ich mache mir Sorgen, dass sie nicht stirbt.

28.11.2010
Sie sitzt jetzt wieder in ihrem fahrbaren Schrank und sieht zum Fürchten aus, offener Mund, Totenkopf, hat mich nicht erkannt, trinkt aber gierig wie ein Baby ihre Shakes. Wir haben überlegt, ob sie vielleicht unsterblich ist, und wenn ja, ob wir den Vatikan informieren müssen…

 

11.12.2010

War heute morgen bei meiner Mutter, die wie immer mit geschlossenen Augen – und diesmal auch geschlossenem Mund – in ihrem Sessel hing. Die Schwester kündigte mich mit grossem Trara an, und meine Mutter tippte auf die Frage, wer da wohl ist, richtig: „Meine Tochter.“ Das war’s dann für die nächsten 2 Stunden. Aber diesen Treffer hat die Schwester gefeiert wie ein Quizmaster die richtige Antwort auf die Millionenfrage. Und noch ein Schmankerl hat sie mir stolz präsentiert: „Deine Mutter hat schon wieder 4 Kilo zugenommen.“ Von 25 Kilo am Tag ihres nicht stattgehabten Todes ist sie jetzt wieder auf 29 Kilo gepäppelt worden. Zum Beweis kriegt sie einen Becher mit dem Wundermix aus Kalorien in die Hand, sie schürzt das Schnütchen und saugt.

 

Dann verschluckte sie sich und hustete, bis ihr die Tränen liefen. Ende des Frühstücks. Sie schlief ein. Ich sass da, ihre Hand in meiner, über mir plärrte das Radio, in dem immer Schlager laufen, ausser an Sonntagvormittagen, da läuft der Gottesdienst – rasend laut, damit alle im Gemeinschaftsraum es hören. Meine Mutter ist die Weggetretenste und kriegt deshalb den Platz direkt unter dem Radio. Ich fragte die Schwester, ob wir den Ton leiser drehen können, sie stellte die Kiste aus, allgemeine Erleichterung. Ich blieb sitzen, meine Mutter schnarchte, die Schwestern verschwanden in den Zimmern, um mich herum sass der Rest der unbeweglichen Besatzung: Zwei Frauen nebeneinander am Tisch, die ich noch nie sprechen gehört habe, beide schliefen, eine mit der Tasse in der Hand. An einem anderen Tisch eine Frau, die immer „Hallo“ ruft. Manchmal wird ihre Stimme jämmerlich und wackelig, wie bei einem hungrigen Baby, das keine Kraft mehr zum Schreien hat. Wenn ich sie frage, was denn los ist, sagt sie, dass sie ihren Vater so vermisst. Hinter ihr sitzt Herr Gruss, ein ehemaliger Architekt und Brückenbauer, immer noch stattlich, aber nur körperlich. Von ihm kenne ich nur zwei Äusserungen: „Hallo“ und „Hasse eine?“. Er meint Zigaretten. Von Zeit zu Zeit kriegt er von den Schwestern eine, die er dann genüsslich im Gemeinschaftsraum raucht. Da sind sie grosszügig. Aber kaum ist die Zigarette zuende, geht das Spiel wieder von vorne los: „Hallo!!!“ Die Frau vor ihm, die Hallo ruft, weil sie ihren Vater vermisst, fährt ihn plötzlich an: „Halt die Klappe!“ Er reagiert nicht, ruft nach Zigaretten, die Frau vor ihm: „Halt die Fresse!“ Ihre jämmerliche Stimme ist plötzlich stark.  Dann kehrt wieder Ruhe ein. Meine Mutter schnarcht, ich halte ihre Hand und sehe auf die Uhr. Die Zeit kriecht. Eine von den beiden Frauen, die nebeneinander sitzen, wacht auf und fährt ihre Nachbarin an: „Hast ja immer noch was in der Tasse!“ Die andere reagiert nicht, sie stiert geradeaus, ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt etwas hört.  Die andere setzt nach: „Da guckst Du blöd, was?“ Dann ist wieder Ruhe. Meine Mutter schnarcht. Ich fahre sie in ihr Zimmer, in der stillen Hoffnung, dass sie von dem Geruckel wach wird und vielleicht wenigstens mal die Augen aufmacht. Im Zimmer schnarcht sie  zwar nicht mehr, aber es rührt sich nichts ausser ihrer Brust beim Atmen. Manchmal habe ich das Bild einer Seegurke vor Augen: Die liegen reglos auf dem Meeresgrund. Man könnte sie für einen Gegenstand halten, eine Art Wurst. Nur ab und zu stülpt sich eine Öffnung am Körper vor, das Maul, damit saugt sie Nahrung ein. Daran erkennt man, dass sie lebt.

 

10.01.2011

Von ihren 23 Kilo, die der Computer nicht erfassen konnte, weil er erst ab 30 Kilo Körpergewicht rechnet, haben sie sie auf 33 Kilo hochgepäppelt. Das erzählten sie mir heute bei der Ankunft, bevor ich meine Mutter sah. Unwillkürlich hatte ich das Bild einer Frau mit offenen Augen vor mir, die meiner Mutter wieder ähnelt.

 

Als ich ins Zimmer kam, lag da aber ein knöchernes Wesen mit kakaoverschmiertem Totenkopf, das nicht reagierte. Der Becher lag im Bett, der Kakao schwamm auf Haut und Knochen. Ich versuchte mit allen Mitteln, sie zu einer Reaktion zu bewegen, sogar angeschrieen habe ich sie, vergebens. Dann kam Roman, der russische Pfleger, eine Gestalt wie ein Schrank, sanft wie ein Kater, und schnurrte sie an. Nichts. Er kitzelte sie an der Wange, nichts. Dann wurde auch er laut, und auf einmal sagte sie: “Ja?“ Es klang, als hätte sie nur grad mal eben was erledigen müssen und sei jetzt wieder da. Dann wurde sie trockengelegt. Nach der Morgenwäsche hob Roman sie wie ein Kleid ohne Inhalt in den Stuhl, polsterte sie ringsum aus und überliess mich meiner üblichen Stunde mit ihr. In dieser Stunde habe ich mir die Nägel gefeilt, Tee getrunken, Zeitung gelesen und ihre Hand gehalten.  Und den Traum von heute Nacht aufgeschrieben:

 

Meine Eltern waren gestorben. Sie lagen beide in einem Auto, in dem ausser mir auch noch drei andere fuhren. Einer von ihnen hatte eine Idee: Man kann aus den Leichen einen prima Champagner gewinnen. Dazu muss man sie nur in Geselchtes (=österreichisches Räucherfleisch) einwickeln, mit Sekt aufgiessen und ein paar Tage darin marinieren lassen. So bekommt man am Ende den Champagner. Die Idee beeindruckte mich, aber ich hatte Angst, dass man uns erwischt.

 

23.1.2011

Heute hatte sie eine Überraschung parat:  Sie lag in ihrem fahrbaren Schrank mit Kuschelausstattung und sah rosig aus – das Cortison, das sie seit einer Woche wieder gegen den Juckreiz bekommt, wirkt. Auf meine übliche Brüllattacke für taube Ohren –  „Hallo Muttern ich bin’s“ – antwortete sie – zwar mit geschlossenen Augen – aber mit klarer und fester Stimme: „Elisabeth, wie schön!“ Ich fragte sie, wie’s ihr geht, und während sie sonst wie ein dressierter Papagei „gut“ antwortet, sagte sie heute: „Mässig.“ Ich fragte nach, warum, sie sagte: „Weil ich mir Sorgen um euch mache.“ Das war für mindestens ein Jahrzehnt ihr Standardsatz, bevor sie dement wurde. Danach kam er nicht mehr vor. Für einen Moment fühlte es sich an wie eine Hand, die aus dem Grab schiesst. Dann fragte ich nach: „Warum machst Du Dir denn Sorgen?“ „Dass Ihr nicht bekommt, was Ihr braucht.“  Walburga hatte die Szene verfolgt und sauste herbei: „Frau Brockmann, Sie brauchen sich keine Sorgen machen, Ihre Kinder sind schon erwachsen…..“ Das hat sie vermutlich nicht mehr gehört. Sie nahm Walburgas Hand, führte sie zum Mund und drückte ihre Lippen darauf. Es war dieselbe Bewegung, die sie macht, wenn sie etwas zu trinken wittert. Tatsächlich duftete der Becher mit heissem Kaffee vor ihrer Nase, und als Walburga ihr den an den Mund hielt, stürzte sie sich mit ihren gespitzten Lippen ebenspo darauf wie vorher auf Walburgas Hand.

 

Dann lieferte ich meine Grüsse ab, von Alexander, von ihrer Schwester, von ihrem Sohn, von ihrem Enkel, und jedesmal sagte sie laut und deutlich: „Danke schön.“ Ich dachte, jetzt kann ich vielleicht ein bisschen mit ihr „plaudern“ und fuhr sie in ihr Zimmer. Sie schlief, ich hielt ihre Hand, überprüfte, ob die Füsse warm sind, kraulte ihren Nacken, schob sie zurück in den Essraum, sagte ihr, dass ich jetzt fahren muss, und sie fragte: „Warum?“  Meinen Erklärungsversuch quittierte sie mit einem wackeligen Griff nach meiner Hand, die sie an ihren Mund führte, um sie zu küssen. So, als wollte sie trinken. Diesmal stand aber kein duftender Kaffee mehr vor ihr.

 

7.3.2011

Gestern Besuch  bei dem Häufchen, das von meiner Mutter noch übrig ist.

Heute Nacht ein Traum: Meine Mutter sollte zu Globuli geschrumpft werden, was mir ganz normal vorkam, nur hatte ich Angst, dass man bei dieser Winzigkeit nicht mitkriegt, wenn sie aufhört zu atmen.

 

9.4.2011

Freitag morgen rief das Heim an, sie sei fahl und schweissgebadet und habe aspiriert. Antibiotika geben sei nicht mehr möglich, ob sie noch ins Krankenhaus gebracht werden soll? Ich war selbst gerade beim Arzt und hatte Mühe, mich zurecht zu finden, vertröstete die Pflegerin und rief beim Hausarzt meiner Mutter an. Der kannte die Lage schon, wir einigten uns auf das, was wir mindestens schon dreimal vereinbart hatten: sie soll nicht leiden, und wenn es sein muss, wird sie sediert, auch wenn das den Tod schneller herbeiführt.

 

Ich war selber gerade beim Arzt und wurde bevorzugt abgefertigt, als sie mitbekamen, was los ist. Beim Abschied wünschten sie mir alles Gute.  Ich verstand nicht und fragte, wieso? Na ja, wegen Ihrer Mutter, sagte die Sprechstundenhilfe. Da habe ich erst kapiert, was sie meint, entschuldigte mich für meine Kopflosigkeit und stolperte nach draussen, mir schwörend, dass ich mich diesmal nicht wieder verrückt machen lasse.

 

Gegen Mittag rief eine andere Schwester aus dem Heim an und gab Entwarnung: Wir haben „sie abgesaugt“, was heissen sollte, dass sie  mit einem Gerät Schleim aus ihren Lungen gesaugt hatten, und sie sei „jetzt stabil“.  Für den nächsten Tag war ohnehin ein Besuch meines Bruders geplant. Ich blieb zu Hause.

 

Samstag um zwölf rief  mein Bruder aus dem Heim an und berichtete. Sie sei soweit ok, werde nur immer weniger, was der Psychoanalytiker in ihm mit diagnostischer Stimme zum Besten gab, um mir zu signalisieren, dass ich zu Hause bleiben kann. Ob sie ihn erkannt hat, wollte ich wissen. Nein sagte er, eigentlich nicht. Er hatte sie ein paar Mal angebrüllt mit der Frage, wer bin ich, worauf sie irgendwann „Elisabeth“ murmelte. Das wars. Um eins fuhr er nach Hause, der Pfleger hatte ihm gesagt, dass in anbsehbarer Zeit nicht mit ihrem Tod zu rechnen sei. Ich ging schlafen, Mittagsschlaf, sehr entspannt, Entwarnungen im Maßstab von „in absehbarer Zeit“ waren in letzter Zeit ein Luxus.

 

Um drei ruft das Heim an. Der Pfleger aufgeregt und hektisch: „Ihre Mutter ist gestorben.“ Er entschuldigt sich mindestens dreimal für die schlechte Nachricht. Ich weiss nicht, wofür ich die Nachricht halten soll – gut, schlecht, verrückt, nicht wahr – beruhige ihn, was nicht gelingt, weil er meint, er hätte es mir anders sagen müssen, er sei eigentlich Intensiv-Pfleger und habe „sowas“ noch nie gemacht – schlechte Nachrichten überbringen, nehme ich an. Ich versichere ihm, dass er es gut gemacht hat, dass allles ok ist, und dass ich mich wieder melde. „Wir machen sie jetzt schön, dann können Sie entscheiden, ob Sie sie nochmal sehen möchten.“ Was für ein Gedanke! Meine tote Mutter ansehen? Nein.

 

Stille. Gebrüll im Kopf. Stille.

 

Ich rufe meinen Bruder an, der ist aber noch unterwegs, also seine Frau. Sie ist lieb und behandelt mich wie ein gerade geborenes Kälbchen, das noch nicht weiss, wie man auf den Beinen steht. Alexander ist in einem Shooting, ihn werde ich erst verständigen, wenn er mit dem Fotografieren fertig ist, damit er nicht entgleist.

 

Meine tote Mutter ansehen? Ich weiss, dass es sein muss, um sicher zu sein, dass sie tot ist, aber ich vibriere vor Angst.

 

Nach draussen. Laufen. Im Park ist die Natur explodiert. Die Bäume, die gestern noch ein paar zarte Keime hatten, sind leuchtend grün, von der Sonne durchstrahlt, die Vögel singen markerschütternd, die Kinder schreien und quietschen, niemand schert sich um den Tod. Ich stapfe über den Rasen, stelle mir vor, dass ich meine tote Mutter sehen werde und will nicht. Sicher ist, ich werde.

 

Um halb fünf schreibe ich Alexander eine Email mit der Bitte mich anzurufen, wenn er mit dem Shooting fertig ist. Ich schreibe so neutral wie möglich, damit er nicht aus der Kurve fliegt, falls er die Nachricht während des Shootings liest. Um fünf ruft er an und weiss, was passiert ist. Mein Ton war zu neutral.

 

Auf der Fahrt nach Essen  überfällt mich wieder die Verzweiflung, aber worüber? Dann Ruhe, Plaudern, das Licht glüht durch die Windschutzscheibe. Ich gewöhne mich an den Gedanken, dass ich sie gleich sehen werde und rede mir ein, dass ich die Angst davor akzeptiere, weil ich existenzielle Erfahrungen schätze.  Auf diese hier kann ich verzichten. Es hilft nichts. Das Heim rückt näher.

 

Den Weg in die 2. Etage gehe ich so schnell wie möglich, die Gesichter, die ich kenne, ignoriere ich, falls einer schon weiss, was los ist, wird er mir „herzliches Beileid“ wünschen, das würde mich aus der Fassung bringen, die ich jetzt brauche. Erst ins Schwesternzimmer. Joachim, der Intensiv-Pfleger, ist wohltuend sachlich, zieht den Schlüsselbund aus seiner rosa Pfleger-Hose und geht mit uns zum Zimmer, schliesst auf, ich versuche die Strecke von der Tür bis zu dem Platz, an dem mich der Anblick erschlagen wird, so schnell wir möglich zurückzulegen. Ihr Gesicht ist hell, nicht entspannt. Angestrengt. Ärgerlich? Augen zu, Lippen eingezogen, Mund leicht geöffnet. Vielleicht nach Luft geschnappt? Starre. Gefährliche Starre. Sie ist eindeutig tot. Ich strecke meine Hand aus, um ihre Wange zu berühren, das geht, die Haut ist noch warm. Warmes Weinen. Du hast am Schluss doch noch gekämpft, oder? Keine Antwort. Ich strecke die Hand aus, um sie zu streicheln, die Hand will nicht und zittert, sie hat Angst, dass die Augen sich öffnen und der Mund etwas sagt. Ich streichle sie. Ich weiche zurück und rette mich zu Alexander, der am Fussende steht, küsse ihn und danke ihm,dass er hier ist, obwohl sie ihn so oft beleidigt hat.

 

Sein erschüttertes Gesicht rührt mich mehr als der Tod meiner Mutter.

 

Ich will gehen, er fragt, ob wir nicht noch bleiben sollten, nein, ich will gehen, wende mich zurück zu meiner Mutter, streichle sie noch einmal, die Angst vor ihrem plötzlichen Erwachen bleibt, wir gehen, ich drehe um und sage: tschüss, sogar: leb wohl, was wirklich blöd ist, wir gehen, in der Tür drehe ich mich um und sehe noch einmal nach, um das Gesicht nicht zu vergessen.

 

In der Nacht träume ich von einer lila Sahnetorte, die zerschmilzt und einen sagenhaften Geschmack hat, einen satten Geschmack, eine fette Konsistenz, die es eigentlich gar nicht gibt. Der erste Traum, aus dem ich einen Geschmack erinnere.