Alexanders Mutter ist tot.

Letzten Freitag morgen, als ich aufstand und meinen Computer anknippste, lag in meinem Postfach ein Brief von Alexander, den er in der Nacht am Bett seiner Mutter geschrieben hatte.

 

Darin stand: es ist vorbei, die Ärzte haben aufgegeben, die Nieren arbeiten nicht mehr, ihr Herz wird mit Adrenalin auf Trab gehalten, sie wird künstlich beatmet, wir können nur noch entscheiden, wie wir sie sterben lassen wollen.

 

Ich habe meine Sachen gepackt und bin zum Bahnhof gegangen, um 5 war ich in Berlin, die Zugfahrt glich dem Weg zum Schaffott: ich wollte sie nicht sterben sehen. Meine Hoffnung war, dass sie tot ist, wenn ich ankomme. Aber den Gefallen hat sie mir nicht getan.

 

Alexander nahm mich am Krankenhaus-Eingang in Empfang und ging mit mir in das Appartment, das das Krankenhaus für Angehörige zur Verfügung stellt. Während ich mir die Hände wusch, klingelte sein Telefon: die Geschwister am Bett der Mutter meinten, es sei soweit, wir setzten uns in Bewegung und trabten durch die orangen gestrichenen Gänge des Gästehauses, durch die eisige Kälte des Krankenhaus-Gartens, über die blauen Linoleum-Fussböden auf dem Weg zur Intensiv-Station, eingetaucht in fahles Neonlicht und einen bittersüssen Geruch aus Desinfektionsmitteln oder was ich dafür hielt.

 

Beim Betreten der Intensivstation die Hände mit Alkohol abgewaschen, um die Ecke zum Vorzimmer gebogen, da war es dunkel, nur weisse Plastikschürzen am Haken erkennbar, und ein riesiges metallenes Waschbecken, nochmal um die Ecke gebogen …. da lag sie,  sichtbar nur ihr Köpfchen, weiss und wächsern, in der Nase der Nahrungsschlauch, im Mund der Beatmungsschlauch, hinter ihr Türme mit Perfusoren, aus denen die Plastikleitungen unter ihre Bettdecke führten, darüber ein Fensterchen mit Blick ins Nachbarzimmer, in dem ein Fernseher mit Koch-Show lief, am Fussende Beutel mit Flüssigkeiten, daneben eine gläserne Säule mit blubberndem Wasser und rechts und links von ihr Bane und Silvia, Alexanders Geschwister. Kurze Begrüssung per Blick, vorsichtig näher an ihr Gesicht gerückt, Alexander beugt sich über sie und taucht in ihre Nähe ein. Keine Reaktion. Das Atemgerät simuliert Atmung inklusive Geräusch, der Brustkorb hebt  und senkt sich, als lebte sie aus eigener Kraft. Hinter ihr die Monitoren mit Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz, bunten Grafiken, die sich bewegen, manchmal passend zur Atmung, manchmal unerklärliche Kringel, Kurven, Wellen und Ellipsen. Alles in leuchtendem Gelb und Rot vor Schwarz.

Ein glatzköpfiger junger Pfleger mit Ohrring kommt und bringt einen 4. Klappstuhl. Wir sind die Art Sippe, die sich bei Türken im Krankenhaus ums Bett versammeln und den andern Patienten auf die Nerven gehen. Nur dass wir flüstern. Wir sind eingeschlossen in ein Kabinett aus braungelben Vorhängen, die uns vor dem Nachbarbett abschirmen, mit einem Bett in der Mitte, aus dem das Köpfchen der Sterbenden ragt.

 

Hinter dem Vorhang stöhnt und hustet eine Frau unter einer Sauerstoffmaske.

 

Der Kreislauf hat sich plötzlich wieder gefangen, wir sinken erleichtert auf unsere Klappstühle. Ein Aufschub. Warten. Starren auf die Monitore. Das Adrenalin, das ihr bis jetzt gegeben wurde, wird reduziert. Erster Schritt zur Einleitung des Todes. Allmählich fällt der Blutdruck, schwankt ungefähr bei 70 zu 30. Ein Gerät schlägt Alarm, lebensbedrohlicher Zustand, der Pfleger kommt und stellt es aus. Der lebensbedrohliche Zustand ist gewollt. Wir plaudern. Der Blutdruck pendelt sich ein, der Atem geht ruhig. Hinter dem Fensterchen über ihrem Kopf hat die Fernseh-Kochshow aufgehört, jetzt singt jemand. Wir hören nichts als das Blubbern des Sauerstoffgeräts und das ruhige Schnaufen der Atem-Maschine. Die Pfleger wuseln lautlos um unser Kabinett herum, manchmal schaut der Glatzkopf herein, immer wirft er im Vorbeigehen einen besorgten Blick auf den Monitor mit der Herzfrequenz. Das Herz schlägt ruhig und regelmässig. Wir plaudern. Erzählen uns Geschichten über die Mutter, meine Schwiegermutter, lachen manchmal laut, das hat sie hoffentlich gehört. Keine Reaktion. Der Pfleger reduziert das Adrenalin. Die Reaktion lässt auf sich warten, langsam sinkt der Druck auf 60 zu 25, schnellt wieder hoch, sinkt ein bisschen. Das Herz schlägt ruhig und regelmässig. Wir plaudern. Das Adrenalin wird weiter reduziert, der Blutdruck sinkt kaum. Wir reden, schweigen, weinen. Alexander streichelt das Köpfchen, die andern halten die vom Wasser geschwollenen Hände. Der Pfleger fragt, sollen wir das Adrenalin jetzt um 5 oder 10 Stufen reduzieren? Die Geschwister sagen: 5, nein 10, nein bitte nur 5. Der Pfleger begreift, dass er nicht hätte fragen dürfen und reduziert um 10. Das heisst auf Null. Jetzt hat sie keine künstliche Unterstützung mehr, bis auf das Atemgerät, aber das kann man noch nicht ausstellen, weil sie sonst ersticken würde. Ihr Herz schlägt ruhig und regelmässig. Wir verabreden einen Schichtwechel: erst Alexander und ich zum Essen, dann die andern beiden.

 

Das Appartment mit seinen Essensvorräten und anderen Zeichen von normalem Leben ist ein warmes Nest, das Alexander seit Wochen immer wieder bezogen hat, wenn er in Berlin war, um seiner Mutter beizustehn. Immer mit der Hoffnung, dass sie wieder auf die Beine kommt. Heute ist die erste Nacht mit der Gewissheit, dass sie sterben wird. Und wir werden ihren Tod beschleunigen. Es gibt heissen Auflauf aus der Mikrowelle, Rotwein und Mousse au chocolat. Zum ersten Mal an diesem Tag werden meine Füsse warm.

 

Wir verlassen das Nest und kehren zurück zum Köpfchen, die andern beiden gehen essen. Wir platzieren uns rechts und links vom Bett, jeder hält eine Hand, Alexander erzählt ihr Geschichten von früher, stellt ihr Fragen, die sie nicht beantwortet, nicht einmal mit einem Zucken im Gesicht, ich spiele mit. Manchmal ein Stirnrunzeln, und der Unterkiefer angelt nach vorne, aber das sind Reflexe, keine Reaktionen. Der Pfleger sagt: Sie hat Stress. Endlich kommt das Morphin zum Einsatz. Der Blutdruck sinkt langsam auf 50 zu 25, steigt wieder, sinkt, steigt. Hinter dem Köpfchen der Fernseher zeigt einen Tagesthemen-Sprecher, es muss also schon zwischen zehn und elf sein. Die Zeit ist entgrenzt.

 

Der Pfleger erhöht das Morphin und sagt: “Jetzt ist sie auf einem guten Trip.” Das ist das Signal für Alexander. Er hält seinen Kopf dicht neben das Köpfchen und fährt alles an Bildern auf, was ihm einfällt, um ihr die Reise zu versüssen. Er malt ihr eine bunte Party aus, mit Discokugeln und warmem Licht, er schildert blühende Wiesen und köstliches Essen – ich steuere den Nachtisch bei.

 

Die Geschwister kehren zurück, lassen sich nur zögernd nieder, der Übergang von der Aussenwelt in die Enge des nahenden Todes widerstrebt ihnen. Dann taucht die Freundin des Bruders auf, Begrüssung wieder nur durch Blicke, kein Wort, höchstens geflüstert, der Pfleger bringt einen 5. Klappstuhl, die Sippe platziert sich ums Bett. Alexander und seine Schwester lesen abwechselnd aus Texten, die der Vater geschrieben hat. Manchmal überfällt einen von uns der Jammer, dann schluchzen plötzlich zwei oder drei von uns, gefolgt von Lesen, Plaudern, Witzemachen, Lachen, Schweigen.

 

Schichtwechsel.  Der Pfleger übergibt an eine blonde junge Pflegerin, sie kennt die Lage und ist eingeweiht über die scheinbar ungewöhnlichen Angehörigen, die dem geplanten Tod der Mutter beiwohnen. Sie fragt, ob sie das Morphin erhöhen soll und tut es ohne Antwort. Der Blutdruck sinkt auf 40 zu 20, das Gehirn kann nicht mehr allzu viel Sauerstoff abbekommen, aber wir plaudern und streicheln und lesen vor, als hätte sie ganz sicher ihre Freude dran. Allmählich kehrt Müdigkeit ein, ausserdem ist es jetzt dunkler, die Pflegerin hat die Vorhänge dichter geschlossen, so dass nicht mehr viel von dem Neonlicht aus dem Gang zu uns dringt. Silvia hat ihren Kopf aufs Bett gelegt, Bane und seine Freundin sitzen aneinander gelehnt da, Alexander streichelt das Köpfchen und ich bin mitten in einer mittelalterlichen Beweinungsszene: Christus und die weinenden Frauen. Genauso sehen die Bilder in den Museen aus. Selbst das Licht scheint zu stimmen, alles ist düster und scheinbar verlangsamt, wir sind flüsternde Silhouetten in einer dramatischen Szene, wir warten auf den Tod und fürchten ihn.

 

Das Morphin wird erhöht, der Blutdruck sinkt, das Herz schlägt regelmässig, aber die Zacken auf dem Monitor werden flach, dann verliert sich auch die Regelmässigkeit. Das Atemgerät suggeriert eine normale Atmung. Die Brust hebt und senkt sich. Die Maschine schlägt Alarm, lebensbedrohlicher Zustand, die Schwester schaltet ihn aus. Der Abstand zwischen den Alarmen wird kürzer, die Schwester entschuldigt sich, weil man die Maschine angeblich nicht ausschalten kann. Schliesslich bleibt sie hinter dem Vorhang stehen und wartet auf den Alarm, um ihn zu stoppen, sobald der aufgeregte Piepton erklingt.

 

Das Köpfchen schnappt nach Luft. Es gleicht einem Fisch, der auf dem Trockenen liegt und noch nicht aufgegeben hat. Schnappatmung. Alexander stellt sich neben das Bett, legt seinen Arm um den Körper unter der Bettdecke, und knickt seinen Körper in der Hüfte waagerecht ab, so dass er dem Köpfchen ins Ohr flüstern kann. „Lass los, entspann Dich…“ Seine Stimme raunt und wirbt um ihre Aufmerksamkeit, versucht sie zu betören und zum Sterben zu verführen, sie schnappt nach Luft, das Morphin wird ein letztes Mal erhöht, er bleibt in dieser schmerzhaften Haltung und lockt mit ruhiger, männlicher Stimme, malt ihr sanfte Hügel aus, mit warmem Sonnenlicht und einem Blick auf das leuchtende Meer, das sie geliebt hat, sein Arm über ihrem Körper fängt allmählich an zu zittern. Ich schiebe vorsichtig einen Stuhl hinter ihn, damit er darauf fällt, falls ihm die Kraft ausgeht, versuche ihn zu stützen, massiere seinen Rücken, er hüllt das Köpfchen mit warmem Singsang ein, flüsternd, raunend, tröstend, der Blutdruck sinkt unter 20 zu 15, das Herz schlägt immer noch, zumindest ein Zacken ist manchmal zu sehen, oder zwei kleine, oder nur ein schwaches Zittern, aber das Herz schlägt, und das Köpfchen schnappt nach Luft. Langsam, ganz langsam hört es damit auf, dann ist es still. Silvia schluchzt, Alexander richtet sich auf, sieht auf den Monitor und sagt: Du bist aber zäh. Dann setzt er sich, die Ausschläge auf dem Monitor gehen weiter, die Brust hebt und senkt sich, ich gehe aufs Klo. Als ich wiederkomme, steht die Atmung still. Die Ärztin hat das Gerät abgeschaltet.