Saigon ist höllisch, aber auch paradiesisch. Höllisch ist der Lärm der ständig hupenden Mopeds, die zu Tausenden über die breiten Strassen preschen und mörderisch stinken. Sie rauschen in einem dichten Pulk ohne Unterbrechung durch die Stadt, zwischendrin noch Autos, aber die sind für Fussgänger eher harmlos. Auch die Mopeds sind harmlos, weil man fast sicher sein kann, nicht umgefahren zu werden. Trotzdem ist es halsbrecherisch, zu Fuss die Strasse zu überqueren. Die Armada donnert von links und rechts an Dir vorbei, Du musst Dich reinstürzen und dann langsam durch den fahrenden Pulk vorwärts arbeiten, mittendrin stehen bleiben, warten, bis sich wieder eine lichte Stelle bietet und weiterkämpfen. Dabei die Ruhe bewahren, die Mopeds tun es auch, niemand ist aggressiv, alle gleiten mit entspannten Gesichtern dahin, als führen sie nicht selbst, sondern ritten auf einer grossen Woge. Das ständige Gehupe gilt niemals den Fussgängern, vermutlich nicht einmal den andern Verkehrsteilnehmern. Es ist mehr eine Art Hinweis, dass man da ist: Ich hupe, also bin ich.

Die Gesichter, vor allem der Frauen, sind verhüllt mit überdimensionierten Atemmasken, die das Gesicht fast ganz bedecken. Dazu tragen sie in der Hitze oft noch Kapuze und Handschuhe, damit die Sonne die Haut nicht verdirbt. Der Mummenschanz schien uns erst albern, aber nachdem wir uns einen Tag lang durch den höllischen Gestank der Zweitakter gearbeitet haben, kamen uns zumindest die Atemmasken plausibel vor. Nachts bei geschlossenem Hotelfenster und laufender Klimaanlage hatten wir das Gefühl, Abgase auszuatmen.

Paradiesisch ist die Stadt mit ihrer zusammengeschusterten Architektur, einem kleinteiligen Gewusel aus drei- bis vierstöckigen Häuserscheiben, selten höher, schmal, durchwuchert von Palmen und wild wachsenden Büschen. Dazwischen kolonialer Protz der Franzosen und postmoderne Anpassung an den Zeitgeist. Die Stadt hat offensichtlich nie ganz selbstverständlich den Vietnamesen gehört, sie ist ein Puzzle aus verschiedenen Identitäten, augenscheinlich ohne Plan zusammengewürfelt, wie ein freundliches Gesicht, das nach einem kamikazehaften Leben lächelt.

Katholische Kirchtürme, buddhistische Pagoden, uralte Wassertürme, hochmoderne Brücken, Glaspaläste mit ständig wechselndem Neongeflacker, drei Meter breite Häuser mit Dachgarten und Weihnachtsbeleuchtung, dazwischen Gassen so schmal, dass kein Auto durchpasst, düster und voller Gerüche, alle Türen stehen offen, in den Zimmern schlafen Menschen in Hängematten, werkeln auf dem Boden herum und sehen fern. Ein laufender Fernseher erhellt zu jeder Tageszeit die dunklen Höhlen. Und davor hocken die Höhlenbewohner auf der Strasse und essen scheinbar immer. Das ist mir überhaupt sympathisch an diesem Land, es wird ständig gegessen, da falle ich nicht so auf.

Unser Guide in Saigon hat in Ostdeutschland studiert und spricht deutsch, mehr oder weniger. Er zeigt uns den chinesischen Markt, eine Pagode, die französische Kathedrale, die Hauptpost (mit grossem Ho Chi Minh-Portrait), alles freundlich, aber sachlich. Dann kommen wir zum ehemaligen Präsidentenpalast, und seine Stimme wird lauter. Hier sind im April 1975 die Panzer der Vietcong angerückt und haben den Krieg gegen die Amerikaner beendet. „Hier haben wir die Amerikaner besiegt.“

Dann bringt er uns zum Kriegsmuseum. Noch mehr siegreiche Panzer, eroberte Wrackteile, ein amerikanischer Hubschrauber, Fotos. Bilder von zerfetzten Leibern über drei Etagen, von schreienden Menschen, explodierenden Bomben, um Gnade bettelnden Gefangenen, hungernden Bauern, entlaubten Bäumen, deformierten Giftgasopfern. Fotos von den Fotografen, die im Vietnam-Krieg gestorben sind, präsentiert wie Heldenfotos. Abzüge von Robert Cappas „letzter Schwarzweiss-Rolle“, Abzüge von Cappas letztem Farbfilm, in einer Vitrine die Tarnjacke, die er bei seinen letzten Aufnahmen getragen hat, daneben seine Kamera.

Auf englischen und vietnamesischen Tafeln ist alles erklärt, aber unser Guide, der uns eigentlich nur unten an der Museumstür abliefern sollte, kommt und erklärt alles nochmal. Mit heftiger Stimme beschriebt er, wie die Amerikaner das Land brutal zerstört und doch nicht gesiegt haben. Alexander versucht zwischen den formelhaften Erklärungen ein paar persönlichere Informationen zu ergattern und fragt, wieso die Vietnamesen sich gegen die übermächtigen Amerikaner so erfolgreich zur Wehr setzen konnten. Der Grund ist „die Mutti“. Sie hält alles zusammen, die Familie ist der starke Kern, gegen den die Amis nichts ausrichten konnten, David gegen Goliath, und David siegt, weil er einen Rückhalt in den Familienbanden hat, den die Amerikaner so nicht haben. So sieht unser Guide es. Das Wort Mutti kam schon einmal vor, in „Mutti-Sprache“, gemeint war Muttersprache. Sein Deutsch stammt aus der DDR.

Die Kriegsbilder sind in dieser Menge unerträglich, aber wir müssen sie ansehn. Der Guide besteht drauf. Alexander fragt ihn, was er über heutige Amerikaner denkt, er weicht aus. Alexander fragt, was er über die Amerikaner in Afghanistan denkt, er sagt: „Da bekämpfen sie den Terrorismus.“ Er sieht keine Parallelen zum Vietnam-Krieg. Wir fragen nach der Entwicklung seit dem Krieg. Natürlich ist alles viel besser geworden. „Die Partei sorgt für uns.“ Gibt es eine Kluft zwischen Armen und Reichen? Nein, sagt er, kein Problem. Draussen steht neben dem Kriegsmuseum ein gigantischer Palast mit Marmorsäulen. Ich frage, wem der gehört. Einem Privatmann. „Tja, so ist das“, sagt der Guide.

Jetzt sind wir für 3 Tage auf einer Insel, um uns zu akklimatisieren. Unser Holzhäuschen steht mitten im Gebüsch und ist eine Art Fitness-Center für nachtaktive Tiere. Tagsüber herrscht himmlische Ruhe, nachts veranstalten die Viecher, die wir nicht sehen, auf unserm Dach einen Höllenlärm.

In einer Ecke sass ein kleiner Waran, der zwar sofort verschwand, als wir auftauchten. Aber nachdem wir ins Bett gegangen waren, gab es drei gellende Schreie, als hätte der Nachbar seine Frau vergewaltigt. Es war aber wohl eher der Waran. Wir sind zwar vernünftig und wissen, dass die Tiere nicht gefährlich sind. Aber wir schlafen trotzdem schlecht.

Das Badezimmer ist inmitten von Bananenstauden, wenn man auf dem Klo sitzt, hat man über sich den Himmel und vor sich das leuchtende Grün. Für Leute wie mich, die sich in engen Klos und Aufzügen fürchten, ein Traum.

Gestern Abend waren wir in einem Strassen-Restaurant, dessen Besitzerin von einem japanischen Invasions-Soldaten gezeugt wurde, der aber schon vor ihrer Geburt starb, so dass sie als Halbwaise Geld damit verdient hat, im Bombenhagel der Amerikaner Süsskartoffeln an die Bauern auf den Feldern zu verteilen, bis sie einen amerikanischen Soldaten kennenlernte, mit dem sie ein Kind bekam, das aber starb, woraufhin sich der amerikanische Soldat abgesetzt und sie ein neues Leben angefangen hat, das sie jetzt mit einem Mann führt, der seinen Tag mit Zeichnen verbringt, was er in der Gefangenschaft gelernt hat, nachdem er per Boot aus Vietnam zu flüchten versuchte.

24. Dezember. Alexander liegt mit Fieber im Bett und wird das gross angekündigte Weihnachtsessen vermutlich verschlafen. Wir sind in Can Tho gelandet, ich sitze am Mekong und versuche mir vorzustellen, dass gerade Heiligabend ist. Alles rüstet sich zum Fest, das aus einer grossen Party besteht, bei der die Lichterketten auf allem hängen, was sich nicht bewegt. Es blinkt und flackert, die Gerippe entlaubter Bäume müssen als Weihnachtsbäume herhalten, vor lauter LED-Geflacker sieht man die Bäume, auf denen die Lichter hängen, ohnehin nicht.

Bei allem Lichterglanz: Vietnam ist dreckig. Auf der Strasse liegen Massen von Unrat herum, Brackwasser stinkt, nur die Rathäuser und Krieger-Denkmale sind sauber und hell.

Gestern waren wir noch einmal für einen Abend in Saigon. Inzwischen haben wir gelernt, Ho Chi Minh City zu sagen, weil wir verstanden haben, dass „Saigon“ die Sprache der Besatzer war. Ich mochte die Bezeichnung Ho Chi Minh nicht, weil sie mir so vorkam, als würde man in Deutschland eine Stadt Karl-Heinz Schmidt nennen, zumal kein Vietnamese das Wort „City“ anhängt. Aber der Vergleich ist pietätlos. Der alte schmale Herr mit dem Ziegenbärtchen lächelt gütig von jeder Schule, jedem Postamt.

Chau Doc. Alexander ist auf dem Weg der Besserung, nachdem ich heute nach der Ankunft in Chau Doc um einen Arzt gebeten habe. Der hat ihm 3 Tütchen mit jeweils 4 bunten Pillen verpasst, dazu eine Kanne Ingwer-Tee. Alexander flucht, er hasst das Zeug, aber es scheint zu helfen.

Morgen wird es spannend. Da überqueren wir die Grenze nach Kambodscha. Wir werden uns von unserm Guide verabschieden und dann 500 Meter zu Fuss durch Niemandsland unser Köfferchen schleppen.

Geschafft. Vor sind in Kambodscha. An der Grenze hat der Guide uns noch bis zum vietnamesischen Kontrollpunkt gebracht, dann zeigte er geradeaus und meinte: Da drüben ist Kambodscha. Wir sind losgezogen über die glühende Schotterpiste und haben unser Zeug hinter uns hergeschleppt bis zum ersten Kontrollhäuschen, wo ein genauso grimmig wie die vietnamesischen Kontrolleure dreinblickender Beamter unsere Pässe nicht haben wollte, weil wir erstmal ein Visum brauchen. Also zur Nachbarhütte, Formulare ausgefüllt, Passbilder abgegeben, 50 Dollar gezahlt und gewartet. Nach einiger Zeit kam das Visum durch das Loch im Schalterhäuschen, zurück zum Passkontrollhäuschen und das Visum in das Loch gereicht. Warten. Plötzlich taucht ein freundlicher Kambodschaner auf und fragt nach unseren Namen. Unser kambodschanischer Guide! Wir sind erleichtert. Freundliches Geplauder, er weiss schon vom vietnamesischen Guide, dass Alexander krank ist und fragt besorgt nach. Dann bekommen unsere Pässe viele Stempel und wandern wieder aus dem Loch im Schalterhäuschen heraus. War’s das? Nein. Unser Guide zieht mit uns zu einem dritten Häuschen: Health Control. Er macht uns ein Zeichen, dass wir uns im Hintergrund halten sollen, palavert eine Weile mit dem Beamten und überreicht ihm ein paar Dollarnoten. Auf dem Weg zum Auto erklärt er uns, dass das angesichts von Alexanders Fieber die bessere Variante war.

Dass Probleme mit Geld zu lösen sind, haben wir zuvor schon auf der vietnamesischen Seite gesehen. Während wir am Kontrollhäuschen standen und warteten, dass unsere Pässe wieder aus dem Loch hervorkämen, rauschte ein Vietnamese von links heran und reichte vor unserer Nase seinen Pass mit Dollarscheinen in das Loch. Für Thang, unseren zweiten Guide auf der vietnamesischen Seite, war das offensichtlich eine Genugtuung, weil wir jetzt endlich sehen konnten, was er uns an den Tagen zuvor immer wieder erzählt hatte: Vietnam ist korrupt. Mit wachsender Begeisterung hat er geschimpft auf die rote Mafia und die gesamte kommunistische Regierung, die in seinen Augen angeführt wird von einem Dummkopf, der sich einen Professorentitel gekauft hat und wie alle anderen Parteifunktionäre an nichts anderem als Macht und Geld interessiert ist. Seine Erklärungen sind das Kontrastprogramm zur Linientreue von Phong, unserem ersten Guide. Wie dieser war er in der DDR zur Ausbildung. Aber die Parteischulung scheint bei ihm nicht gefruchtet zu haben. Er führt uns in Tempel und Pagoden und erzählt von Mönchen, die als getarnte Parteifunktionäre auf Spendenfang gehen und die Tempel als Einnahmequelle für die Parteikasse betreiben. Er erzählt von 1 Million Opfern unter der südvietnamesischen Zivilbevölkerung, die angeblich nicht den Amerikanern, sondern dem Vietcong zum Opfer gefallen sind. Er schimpft über die Armut der Bauern und Arbeiter. Aber um die geht es den Kommunisten doch gerade, wenden wir ein. Er lacht laut auf.

Je weiter wir ins vietnamesische Landesinnere kommen, desto ärmlicher werden die Hütten, aber die roten Fahnen mit dem gelben Stern nehmen zu und wehen an der Landstrasse.

Auch die Vermummung nimmt zu. Die Frauen tragen dicke Handschuhe bis zum Ellenbogen und Masken, die nicht nur das Gesicht bis auf die Augen bedecken, sondern auch noch ein Lätzchen haben, damit das Décolleté vor der Sonne geschützt ist. Braune Haut bedeutet: Ich komme vom Land und bin arm. Also stehen die Chancen auf einen Ehemann schlecht.

In Kambodscha ist davon nichts mehr übrig.Nachdem wir die grimmigen Beamtengesichter hinter uns haben, frahren wir mit Vatt, unserm neuen Guide, Richtung Meer. Die Strassen sind noch holpriger als in Vietnam, aber das Land wirkt viel freundlicher. Der Dschungel hat plötzlich Berge. die Häuser schnörkelige Verzierungen. Vatt entschuldigt sich, dass man in Kambodscha noch nicht so weit sei wie in Vietnam. Es gibt zum Beispiel nur eine Reisernte im Jahr, und nicht zwei wie in Vietnam, oder drei im Mekong-Delta. Erklärung: Die Regierung hat kein Geld für den Bau der notwendigen Kanäle, um die Wasserzufuhr zu sichern.

Es dauert nicht lange, und unser Gespräch landet bei Pol Pot und den Roten Khmer. Unser Guide ist so alt wie Alexander. Als er 14 war, sind die Roten Khmer in Phnom Penh eingefallen, und er hat gejubelt. Er und seine Familie dachten, jetzt wird alles besser. Zwei Tage später haben sie begriffen, dass sie in der Falle sassen. Sein Vater war Lehrer. Grund genug für die Soldaten, ihn wegen des Verdachts auf Intellektualität abzuholen, angeblich um ihn zu einer Schulung zu bringen. Er ist nicht mehr zurückgekommen.

In einer Nacht hat unser Guide mit seinem Freund in einem Raum über die Vergangenheit geredet, in der es immerhin genug zu essen gab, und nicht bemerkt, dass sie abgehört wurden. Am nächsten Tag wurde sein Freund verhaftet. Kurz darauf übergab man ihm die blutigen Kleider des toten Freundes und zwang ihn, sie anzuziehen, damit er vor seiner eigenen Liquidierung noch eine Weile als Warnung an die anderen Dorfbewohner herumlaufen sollte. Zwei Tage später haben die Vietnamesen Kambodscha befreit. „Ich verdanke ihnen mein Leben“, sagt er.

Jetzt sind wir in unserem heutigen Quartier gelandet, einer Holzhütte mitten im Gebüsch. Die Ruhe ist himmlisch. Alexander liegt im Bett und versucht , gesund zu werden. Heute morgen haben wir, noch in Vietnam, in einer Apotheke nach einem Medikament gegen seine Stirnhöhlnentzündung gefragt. Aber die Frau hinter der Theke konnte kein Englisch, und unser Guide hatte keine Lust. Also haben wir die Regale nach einer Packung mit einer irgendwie passenden Abbildung durchsucht. Wir haben aber nichts gefunden. Nur Hustenpillen und ein Mittel gegen Heuschnupfen konnte sie uns anbieten, so dass wir am Schluss mit einer Flasche Nasenspray abgezogen sind.

Phnom Penh. Auf dem Weg hierher fahren wir über staubige Landstrassen, die oft aus von der Regenzeit aufgeweichten und dann holprig getrockneten Schlammwülsten bestehen. Das Auto hat marode Stossdämpfer. Und wenn man das Fenster aufmacht, dringen auf unerklärliche Weise die Abgase ins Wageninnere, so dass wir darauf verzichten und uns von der Klimaanlage anpusten lassen. Vor dem Übergang über eine von zwei in Kambodscha existierenden Bahnlinien müssen wir aussteigen und zu Fuss hinüber gehen, damit das Auto nicht auf dem Schienen aufsetzt.

Kambodscha ist viel sympathischer als Vietnam. Nicht so dreckig. Und die Leute lächeln warm und herzlich. Es ist Reisernte. Überall liegt der trocknende Reis auf Matten am Pistenrand. Nach der Ernte haben die Leute nichts mehr zu tun und sind arbeitslos. Wasserkanäle würden helfen. Eine zweite oder gar dritte Ernte wie in Vietnam liesse sich exportieren. Aber das Geld für die Kanäle fehlt. Um so protziger sind die Präfekturen, Rathäuser und sonstigen Verwaltungsgebäude auch in kleinen Städten.

Auf dem Weg nach Phnom Penh besichtigen wir einen Höhlentempel. Genau genommen ist es eine riesige Höhle im Berg mit ein paar albernen Buddha-Figuren darin und einem 1300 Jahre alten Backsteintempelchen. In der Höhle ist es kalt und schwarz, die tropfsteinförmigen Wände schiessen hoch auf, wir steigen über holprige Stufen in den Schlund des Berges, es ist eine furchterregende Gruft. Vatt erzählt, dass die Roten Khmer hier ein Konzentrationslager betrieben haben.Offensichtlich waren sie Meister des Schreckens.

Ich erinnere mich an Vatts Geschichte von der blutigen Kleidung seines Freundes, die er tragen musste, und sage ihm das. Da bricht es aus ihm heraus, dass er auch jetzt noch nachts aufschreckt und sich umbringen will, weil der Horror nicht weicht. Wenn die Soldaten die Männer abgeholt haben, wussten die Frauen, dass als Nächstes sie und ihre Kinder dran waren, weshalb sie oft erst die Kinder und dann sich selbst freiwillig umbrachten, um die Ermordung ihrer Kinder nicht zu erleben.

Kurz vor Phnom Penh fragt Vatt, ob wir mit ihm die Killing Fields besuchen wollen. Massengräber, Folterstätten, gestapelte Schädel, nach Geschlecht und Alter sortiert. „Please be quiet“, steht an allen Ecken und Enden. Die Touristen halten sich daran. Nur Vatt wird immer lauter und brüllt uns seine Geschichte entgegen. Niemand nimmt Anstoss.

Bis vor 2 Jahren hat er sich geweigert, als Reiseleiter mit seinen Gästen hierherzukommen. Dann wurde ihm klar, dass er so nicht mehr leben kann und hat damit begonnen, Touristen auch dort mit hinzunehmen. Am Anfang sei er immer in Tränen ausgebrochen, sagt er. Jetzt nicht mehr. Dafür ich. Die Geschichten, die er erzählt, sind grausam. Zum Beispiel seine Cousine. Er erinnert sich an ihre Kinderstimme beim Abschied, als sie abgeholt wurde. Später hat er seine kleine Tochter nach ihr benannt und sich an ihrer Stimme erfreut, als wäre mit ihr die Cousine wieder auferstanden.

Morgen will er uns seine ehemalige Schule zeigen. Sie wurde zum Gefängnis und Folterzentrum umfunktioniert.

Phnom Penh, 2. Tag. Die Stadt ist wunderschön, gosszügige Alleen, mediterrane Atmosphäre, auch wenn weit und breit kein Meer in Sicht ist, aber die drei Flüsse, die hier zusammenlaufen, sind riesig. Der Königspalast eine überdimensionierte Puppenstube, von der ich nach einer halben Stunde genug habe. Aber Vatt ist stolz und lässt durchblicken, dass wir uns bitte etwas mehr Zeit nehmen sollen.

Auf dem Gründungshügel der Stadt legen die Menschen den Göttern in Tiergestalt Koteletts ins Maul, als Opfergabe. Ein Pagodenwächter kommt und nimmt sie wieder raus, damit der nächste seine Opfergabe hineinlegen kann. Die Menschen stellen sich demütig auf und lassen sich mit rauchendem Zeitungspapier segnen.

Wir fragen Vatt, ob er auch manchmal im Tempel etwas opfert. Er nicht sagt er, aber seine Frau. Einmal zum Beispiel sei ihre Tochter sehr krank geworden. Sie hatten aber keine Krankenversicherung – die hat in Kambodscha kaum jemand – und haben ihr Glück trotzdem im Krankenhaus versucht. Ein Arzt hat ihnen grosszügig geholfen, ohne Bezahlung, so dass Vatts Frau sich später bedanken wollte. Sie fuhr aber nicht zur Klinik, um dem Arzt zu danken, sondern packte ein gekochtes Hühnchen ein und brachte es in den Tempel.

Zum Mittagessen führt uns Vatt in ein Strassenrestaurant, in dem es scheinbar alles gibt. Wir probieren ein süsses kambodschanisches Fleischgericht, Vatt verputzt mit Genuss eine Pizza.

Dann geht es in Vatts Schule. Er erläutert uns die Foltermethoden der Roten Khmer. Perfide Grausamkeiten, von denen selbst die Nazis nur träumen konnten. Von den 20.000 in der Schule Internierten haben genau sieben überlebt. Die Folterknechte haben jeden Neuankömmling fotografiert. Die Menschen blicken in die Kamera, jetzt blicke ich in ihre Augen und halte es nicht aus. In einem Klassenraum gibt es Fotos von den Toten nach der Folter. Ihre Augen sind geschlossen. Nur einer liegt mit weit aufgerissenen Augen da. Ich spüre intuitiv, dass ich nicht hingucken sollte. Da sagt Vatt: Das war mein Nachbar.
Ich würde gern weggehn und an etwas anderes denken. Aber es ist Vatts Geschichte und die aller Kambodschaner in unserem Alter. Es ist Wirklichkeit.

Trotzdem geht mir plötzlich die Kraft aus, ich bekomme Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Halsschmerzen, schäme mich meiner Animosität und liege den ganzen Nachmittag frierend und schwitzend im Bett.

Wir sind in Angkor gelandet, dem Ort mit den grössten Tempelanlagen der Welt. Aufstehen in der Dunkelheit um 5 Uhr 30. Das Fieber ist weg, wir haben in Phnom Penh für einen Dollar Antibiotika gekauft. Aber der Körper schmerzt von oben bis unten. Noch steckt mir das Folterzentrum von Phnom Penh in den Knochen. Aber der erste Tempel – Ta Prom – ist überwältigend. Überwuchert vom Dschungel, von einem französischen Neugierigen entdeckt und in minutiöser Kleinarbeit allmählich freigelegt. Sandstein, schwarz verwittert, von gigantischen Krakenarmen überwuchert, umklammert, durchbohrt, die Wurzeln der jahrhundertealten Bäume wirken wie animalisch belebt. In der kalten Morgenluft stolpern wir hinter unserm Guide her, über uns schreien die Papageien durch die gespenstische Stille des Urwalds.

Von Stille im Bayaon-Tempel keine Spur. Stattdessen dichtes Touristen-Gewusel, vor allem Chinesen. Die gigantischen Steinhaufen sind übersät mit grossen, kleinen und riesigen Buddha-Gesichtern in unterschiedlicher Verwitterung. Die Augen sind entweder geschlossen oder nicht vorhanden. Trotzdem fangen die Gesichter beim Fotografieren in einer bestimmten Perspektive an, mich anzusehen. Ich habe bis jetzt nicht verstanden, woran es liegt, und welche Perspektive es sein muss, damit die Wirkung entsteht. Manchmal musste ich mich tief unter das Gesicht knien, um beim Blick durch die Linse das Gefühl zu haben, der Buddha schaut mich an. Auch ohne Augen. Es muss etwas mit dem Gesichtsausdruck zu tun haben. Dazu zaubern die unterschiedlichen Verwitterungsgrade noch eine seltsame Lebendigkeit in die Gesichter: fehlt beispielsweise ein Stück Lippe, dann scheint der Mundwinkel verächtlich zu hängen.

Angeblich hat der König, der all diese Gesichter an seinen Tempel hat bauen lassen, damit zeigen vollen, dass er sein Volk immer liebevoll im Blick hat. Uns kommt das Ganze eher bedrohlich vor.

Abends auf der Suche nach etwas Essbarem landen wir in einer dunklen Seitenstrasse und hören laute kambodschanische Musik aus Lautsprechern. In einem Hinterhof sitzen ungefähr 100 Leute in weissen Hemden an festlich gedeckten Tischen auf Stühlen mit leuchtend blauem Überzug und goldener Schleife. Ich tippe auf Beerdigung, wegen der weissen Hemden, die man hier zu diesem Anlass trägt. Alexander fragt einen der Gäste, was das hier ist, und der antwortet: A festival. You want to join? Dann führt er uns an den Tischen vorbei an einen mit 6 Gästen, da ist noch Platz für uns. Wir bekommen Reissuppe aus Blechschalen und freundliche Blicke. Ich frage die Frau neben mir, wie oft dieses Festival stattfindet, sie sagt: One hundred days after the funeral. Also doch eine Art Beerdigung. Der Tote ist der Bruder der Frau, die ganz vorne am Eingang sitzt und die Spendenbox hütet.

Am 2. Tag sehen wir endlich Angkor Watt. Eine Enttäuschung. Aber es muss eine grossartige Anlage gewesen sein, mit monumentalen Handgranaten als Türmen, von Blattgold überzogen. Die Reliefs farbig, der mittlere Turm gekrönt von einem riesigen Kristall. Alexanders Idee, in einer 3-D-Animation einen Eindruck von der eigentlichen Schönheit und Grandiosität dieser Tempel zu schaffen, kommt mir immer plausibler vor, jedenfalls viel attraktiver als die trockenen Jahreszahlen und Königsnamen, mit denen wir von unserem Guide gefüttert werden.

Thailand. In Phnom Penh haben wir auf dm Weg zum Flughafen die Stacheltrahtbarrikaden gesehen, die die Regierung gegen die angekündigten Demonstrationen errichtet hat. Unser Guide berichtet uns stolz, dass es bei allem Schlechten, was man über den korrupten Premierminister sagen kann, noch nie Schüsse auf Demonstranten gegeben hat. Heute lesen wir in der Zeitung, dass 3 Demonstranten erschossen wurden.

Am Flughafen in Bangkok nimmt der Zollbeamte mit einem Lächeln unsern Pass entgegen und wünscht uns ein gutes Neues Jahr. Mir kommen vor Rührung fast die Tränen. Nach den frostigen Beamtengesichtern in Vietnam und Kambodscha, die allesamt so taten, als wollten sie die Untertanen unbedingt einschüchtern, wirken die Beamten hier wie Geschäftsleute, die sich über Kundschaft freuen.

Bangkok ist ein Moloch, durchwuselt von Ameisen, die in 3 Etagen über die Stadtautobahn flitzen, in Hoch- und Tiefbahnen zur Arbeit hasten und unterwegs mit Essen einkaufen beschäftigt sind. Die ohnehin schon glühend heisse Stadt wird von den zahllosen Garküchen auf der Strasse noch zusätzlich aufgeheizt. Dafür ist es in den Bahnen eisig wie im Kühlschrank. Dazu plärrt Werbung aus allen Löchern, der man in den Zügen nicht entkommt. So ähnlich klang es in Vietnam auf den Strassen der Dörfer. Nur dass da die Werbung immer für dieselbe Firma war, die kommunistische Partei. Wir haben zwar nur „Ho Chi Minh“ verstanden, aber den Rest hat uns unser Guide erklärt: Aus den Lautsprechern auf den Strassen dringen die Erfolgsberichte der Regierung. Ab und zu werfen die Dorfbewohner Steine gegen die Lautsprecher, um vorübergehend Ruhe zu haben. In Bangkok fügen alle sich dem Terror.

Bangkok ist erst seit 30 Jahren Hauptstadt, aber eine Metropole mit Hochhäusern und Smog wie New York und Shanghai zusammen. Die Dunstglocke ist so dicht, dass man die schlanken Gestalten oft nur wie im Nebel sieht. Sie schiessen in den Himmel wie Zahnstocher, die die Vergangenheit aufspiessen: oben auf dem Dach thront über mehrere Etagen wahlweise ein indischer Tempel, der Petersdom, die goldene Kuppel der Al-Aksa-Moschee oder ein Mehrfamilienhaus mit rotem Schieferdach. Als machte die Zivilisation sich über sich selber lustig. Eine übermütige Spielerei mit den eigenen Fähigkeiten. Und nebenan in Kambodscha und Vietnam läuft gerade der Aufstiegskampf, um dem Status als Dritte-Welt-Land zu entkommen.

Bei der Ankunft in Bangkok hält unser Guide uns zunächst einen Vortrag über die politischen Verhältnisse, aus dem wir nicht schlau werden. Nicht schlau werden sollen? In die Gegend, wo zur Zeit demonstriert wird, will er uns jedenfalls nicht lassen. Ohnehin sind die Demonstranten alimentiert, damit sie die Stellung halten und nicht weggehen. Alimentiert von wem? Keine Antwort.

Vor unserer Unterkunft, einer alten Villa, steht ein riesiges Krankenhaus, wo reiche Leute aus der ganzen Welt behandelt werden, weshalb die Empfangshalle der Lobby eines Luxushotels gleicht. Die Klimaanlage rattert ununterbrochen und hört sich an wie eine Hundertschaft Lastwagen. Wir freuen uns auf die nächste Station unserer Reise, ein Häuschen im Dschungel.

Surat Thani. Der Flughafen hat wieder nur ein Gepäckband, aber leider auch nur eine Parkposition fürs Flugzeug, und die ist bei unserer Ankunft besetzt. Wir müssen warten.

Die Fahrt geht durch Gebirge und Dschungel, unser Holzhäuschen ist eine Hütte vor einer hoch aufschiessenden Felswand. Rundherum wuchert, zirpt und quakt es. Das könnte die vollkommene Idylle sein. Aber vor uns wird gerade ein neues Holzhäuschen gebaut. Also zirpt und quakt und hämmert und bohrt es. Wir sind gespannt, welche Geräusche uns heute Nacht erwarten.

Alexander besteht darauf, dass ich meine Blamage von Angkor in diesen Bericht aufnehme: Beim Herumklettern in einer Tempelruine taucht ein Mönch auf und hält mir drei Räucherstäbchen hin. Er bedeutet mir wortlos, dass ich sie halten soll, damit er sie anzünden kann. Ich will nicht unhöflich sein und tue, was er will. Dann macht er mir klar, dass ich ihm folgen soll. Ich lehne ab, er bleibt hartnäckig und lockt mich schliesslich in eine Nische, in der er eine Art Altar aufgebaut hat. Da soll ich die Räucherstäbchen hinlegen. Weil ich froh bin, sie loszuwerden, folge ich bereitwillig. Das ist mein Verhängnis. Er bindet mir ein orangenes Bändchen ums Handgelenk und deutet dann mit Zeige- und Mittelfinger auf eine 2-Dollar-Note. Ich lehne ab, er bleibt hartnäckig, ich offeriere ihm ein bisschen kambodschanisches Geld, das will er nicht, schliesslich ist er mit einem Dollar einverstanden. Als ich zu Alexander zurückkehre, amüsiert er sich köstlich, dass ich auf das Mönchs-Gehabe reingefallen bin. Und ausserdem gibt es gar keine 2-Dollar-Noten.

Vor Lust schreiende Frauen, quietschende Bremsen, schmatzendes Grunzen und stotternder Motor – die Geräusche im Dschungel hören nie auf. Die Tiere, die das Getöse veranstalten, sind selten zu sehen. Wir wandern auf einem schmalen Trampelpfad durch den Urwald, klettern über Wurzeln wie gigantische Oberschenkel, wundern uns über die laute Einsamkeit und landen an einem Tümpel mit glasklarem Wasser. Zwei Amis sind auch schon da. Sie trauen sich aus Angst vor Blutegeln nicht ins Wasser und fragen Alexander, als er nach dem Schwimmen herauskommt, ob es wirklich wahr ist, dass es Blutegel gibt. Alexander zeigt auf seine aufgekratzten Mückenstiche am Bein und sagt: Oh yes! And you can eat them! Die Amis verziehen sich.

Am Nachmittag paddeln wir mit einem Gummiboot durch den Dschungel, und jetzt ist es plötzlich vollkommen still. Als hätte jemand den Stecker gezogen.

Zurück in der Zivilisation – Bangsak in Thailand ist unsere letzte Station. Himmlische Ruhe, türkisfarbenes Meer, in dem mich gestern sogleich eine Qualle so feurig begrüsst hat, dass ich mit Blasen am Arm verarztet werden musste. Ich geh jetzt nur noch in den Swimmingpool.

In den Zeitungen ist von Putsch die Rede. Die Opposition plant für Montag in Bangkok einen „Shut Down“. In den öffentlichen Gebäuden sollen Strom und Wasser abgestellt, die öffentlichen Verkehrswege lahmgelegt werden. Auf diese Weise versuchen sie, die Regierung zum Rücktritt zu bewegen. Das Militär verlegt Truppen nach Bangkok, unter dem Vorwand einer bevorstehenden Militärparade. Polizei und Armee haben am Flughafen Stellung bezogen, die Ministerpräsidentin lässt sich feiern. Der 14. Januar wird als Datum für einen möglichen Putsch gehandelt, weil ein Astrologe diesen Tag für günstig hält. Das wäre unser Abflugtag. Wir fragen in der deutschen Botschaft nach. Sie sagen, der Oppositionsführer habe versprochen, den Flughafen nicht anzutasten. Sollen wir uns darauf verlassen? Ein früherer Rückflug wäre inzwischen ohnehin nur für ein Vermögen zu haben.

Auf dem Weg in den nächsten Ort hält ein Minibus an und nimmt uns mit: ein Priester mit seiner Familie. Er wünscht sich einen Putsch und glaubt auch fest daran, dass er kommt. Of course there will be blood, sagt er. It has always been like that in Thailand.

Seltsamer Gegensatz: Unser Urlaubsrefugium ist eine Oase der Ruhe, keine Kinder, keine Russen. Am Strand keine Menschenseele. Es gibt zu essen und zu trinken, und wenn man genug hat von der Natur, weil die Quallen so weh tun, dann geht man eben in den Swimmingpool. Gleichzeitig werden in Kambodscha Textilarbeiter erschossen, weil sie 120 € statt 60 € Lohn haben wollen. Und im Internet lesen wir, wie prächtig sich in Düsseldorf der neue Laden mit extrem billigen Klamotten entwickelt.