Wir lesen im Internet von den deutschen Schreckenstemperaturen – und gruseln uns. Hier ist  alles grün und saftig, immer über 30 Grad, die riesigen Bananenblätter leuchten wie Kirchenfenster, die Viecher machen Geräusche wie im Zirkus, überall quakt und piepst und grummelt und quietscht und surrt und schnarrt es. Alles ist riesig, die Pflanzen, die Strände (gähnend leer), das Meer. Nur das Essen nicht. Die Portionen so klein, dass ich bereits die ehrenvolle Aufgabe habe, als Hosenträger hinter Alexander herzulaufen, weil ihm seine Hosen alle über den Hintern rutschen und er keinen Gürtel dabei hat. Aber lecker ist es, das Essen, grad nach meinem Geschmack. Normal spicy ist, wenn ich Rotz und Wasser heule und mich prustend durch die Mahlzeit kämpfe, so dass es auch schon deswegen von Vorteil ist, wenn die Portion nicht allzu gross ist.  Überraschungen gibt’s auch, heute Mittag zum Beispiel, da waren wir in einer Garküche, wo keiner englisch sprach, also haben wir gewartet, was die Mama uns kocht. Sie hatte Mitleid mit uns Bleichgesichtern und hat es ganz mild gemacht.  Überhaupt ist Englisch hier Mangelware, auch im Hotel nicht immer available. Unsere Bleibe ist himmlisch, kleines Häuschen, still, das heisst, nachts ist ziemlich viel los, und zwar im Dach und im Boden, da müssen Hohlräume sein, und da toben irgendwelche Tiere, sie waren aber noch nicht so freundlich, sich uns zu zeigen. Ach ja,die Viecher. Gestern ist uns ein Hund vors Auto gelaufen. Wir sassen in einem Minibus mit Thai-Driver, wir haben ihn auf uns zurennen gesehen, weil er auf der Gegenspur einem Auto ausweichen wollte. Als der Körper auf dem Blech aufschlug, haben alle im Auto geschrien, dann spürte man, wie die Hinterreifen über eine kleine Erhebung fuhren und hörte das irre Gebrüll des Hundes. Der Fahrer ist weitergefahren – sowas ist hier kein besonderes Ereignis. Heute Nacht habe ich von meiner sterbenden Mutter geträumt. Der Tod lebt auch im Paradies. Und das hier ist eines. Jedenfalls stelle ich es mir so vor – soviel Licht und Wärme, dass man nie friert, wirklich nie. Selbst nachts nicht, wenn man mit dem Taxi durch die Gegend braust. Taxi ist eine Karre mit Bänken auf der Ladefläche. Es macht einen Höllenlärm und fährt jenseits von Gut und Böse.

 

Im Dschungel waren wir auch schon, das Beste ist die Gigantomanie, mit der der liebe Gott hier die Blätter gestaltet hat. Und tauchen. Ich würde das so gern beschreiben können, dieses blaue Funkeln der Fischleiber in einem Schwarm, der ein Bündel Sonnenstrahlen durchschwimmt. Von diesem abgründigen Schillern muss Yves Klein geträumt haben. Kunst kann sowas niemals. Sie fehlt mir auch nicht.

 

 

Heute gab es eine zweite Dschungeltour zu Fuss und dann per Boot. Zu Fuss ganz schön heiss und steil und rauf und runter, an gerissenen Seilen entlang, geführt von einem schwulen Thai in Lederhosen und Seppelhut, der in München studiert hat und wie eine Gämse vor uns durch das grüne Gewusel sprang. Dann in ein Longtail-Boot, das ist eine Nussschale mit 8 Sitzen und einem knatternden Motor hinten dran. Erst einen dreckigen Fluss runter, dann wurde er immer schmaler, die Pflanzen immer höher, bis wir schliesslich in einen grünen Tunnel eingetaucht sind, lichtdurchflutet, gigantische Blätter, Bäume, deren Äste Wurzeln ausbilden, die dann wieder ins Wasser runter wachsen und ein ganzes Haus aus Wurzelsäulen bilden – bis zu zweitausend Quadratmeter Fläche bedeckend. Daneben – obwohl, im Dschungel ist das Wort ‚daneben‘ vollkommen daneben, weil es so eine Art von Ordnung gar nicht gibt, es ist ein gigantisches Durcheinander, jedenfalls aus Touristen-Sicht – ein graphisches Gewirr aus Palmenblättern, die wie eine ideale Architektur ineinandergreifender Strukturen im Sonnenlicht schaukelt. Das Boot gleitet ohne Motor durch den grünen Tempel, es quakt und sirrt aus allen Richtungen und ist doch unheimlich still. Der Bootsfahrer hangelt mit dem Ruder nach oben, um auf den Bäumen liegende Schlangen zu erschrecken, damit sie uns nicht auf den Kopf fallen. Als sie uns vor der Tour davon erzählten, bekam ich sofort Durchfall und hielt die Truppe durch einen längeren Klo-Aufenthalt vom Abmarsch ab. Als jetzt wirklich oben im Baum eine schwarze Mamba mit gelben Kringeln ruht, ist mir das fast egal, weil ich mich nicht von dem grünen Rausch um mich herum lösen will.

 

Zur Ablenkung erzählt der Thai-Seppl, wie man in Thailand einen besonders schmackhaften Vogel fängt: eine Art, bei der das Männchen zwecks Weibchen-Anlocken einen Kreis auf dem Boden blitzblank sauber macht, da darf kein Zweiglein oder Blättchen rumliegen, und dann singt er, bis sich ein Weibchen für den Brutplatz interessiert. Die Thais stecken in die Mitte des Kreises, sobald er aufgeräumt ist, ein an den Kanten geschärftes Schilfrohr, das den Vogel natürlich ärgert. Er versucht es mit dem Schnabel auszurupfen und hüpft solange drumherum, bis es sich lockert. Dabei schneidet er sich selbst die Kehle durch und dann – guten Appetit!

 

Das Boot landet in einer Art Vorort von Tapua Ka, der Minibus wartet, Ende vom Paradies. In einem abgewrackten Ort, der früher mal Zinkminen-Arbeiter beherbergte und jetzt wegen Umweltbedenken die Minen schliessen musste, in einem noch abgewrackteren Café gehe ich aufs Klo und lande im Familienbadezimmer. Es besteht aus einer Art Betonnische, bestückt mit Plastikbottichen aller Art. Einer davon ist die Klospülung. Alles eklig. Mich erschreckt das mehr als die schwarze Mamba auf dem Baum.

 

 

Seit vorgestern hat die Garküche zu, in der wir uns mittags auf wackeligen Plastikstühlen an viel zu hohen Plastiktischen ins kulinarische Abenteuer stürzen. Das heisst, sie hat für uns zu. Tatsächlich haben sie massenhaft Plastikstühle angeschleppt, Neonlampen aufgestellt, die das winzige Restaurant und die darum herum liegende Wiese hell erleuchten. Als wir gestern Abend von einem Ausflug zurückkamen und in unserem Klappertaxi an der Küche vorbeirauschten, trauten wir unseren Augen nicht: ein Szenario wie zu Weihnachten in Las Vegas. Auf einem Blumenberg, geschmückt von zahllosen, blinkenden Lämpchen, thront ein weisser Sarg. Drumherum tobende Kinder, und das ganze Dorf friedlich mampfend, saufend, rauchend, plaudernd. Wir haben uns verstohlen angeschlichen, so getan, als kämen wir nur zufällig vorbei, und liefen gleich einem Party-Gast  in die Arme, der uns auf einen Drink in die Gesellschaft einlud und erklärte, dass im Sarg der Bruder der Restaurantbesitzerin liegt, vorgestern verstorben an Leberkrebs. Und weil er reich war, muss die Familie jetzt 5 Tage lang Beerdigung feiern. Er redete die ganze Zeit von „the dead body“, als läge da im Sarg kein Mensch sondern ein Ding, das sie alle nicht mehr ganz ernst nehmen. Es wird auch nur am 1. Tag geweint, an den restlichen ist Party. Am letzten Tag wird die Leiche verbrannt und die Asche teils mit nach Hause genommen, teils beerdigt.

 

 

Wir haben uns eine andere Garküche gesucht, auch wieder ohne Englisch und Speisekarte, man muss in die Töpfe gucken und aussuchen. Zum Beispiel Kugeln in Tomatensauce, die sich als Fische entpuppen, Fleisch absolut lecker und von nicht gekannter Konsistenz, aber so voller Gräten, dass jeder Bissen ein Kamikaze-Unternehmen ist. Dazu so scharf, dass man nicht weiss, was man zuerst machen soll – schneuzen, trinken oder Gräten suchen. Am Schluss hab ich nur den Reis gegessen und sehnsüchtig nach dem Fischfleisch gegiert.

 

 

Zurück in Deutschland. Saukalt.

 

Die Kälte ist in der leuchtenden Wärme Thailands so schnell vergessen, dass sie sich hier nach der Rückkehr wie eine unverschämte Überraschung anfühlt. Und diese komische Stille, wenn man das Fenster aufmacht. Kein Vogel, höchstens mal eine Strassenbahn; jetzt fällt mir erst auf, was für ein Lärm das die ganze Zeit in Thailand war, dieses permanente Geschnatter, Gepiepse, Gezirpe – Tag und Nacht. Nicht nur im Dschungel. Einmal sass ich allein auf einem Floss und wartete auf die Gruppe, mit der wir über einen See zu einer Tropfsteinhöhle gefahren sind. Als Klaustrophobe bin ich draussen geblieben. Um mich herum das übliche Gesummse, das sich aber trotzdem wie Stille anfühlte. Und plötzlich fiel neben mir ein welkes Riesenblatt von einem Baum am Ufer auf das Floss – ich habe mich so erschreckt, als hätte mir ein Gorilla seine Pfote auf die Schulter gelegt. Überhaupt ist mir bei unseren Ausflügen in die unaufgeräumte Natur oft diese katholische Kirchenlied-Zeile durch den Kopf gegangen: Wir sind nur Gast auf Erden…

 

Apropos aufgeräumt: vom Tsunami ist nichts mehr zu sehen, obwohl gerade da, wo wir waren, 3 zehn Meter hohe Wellen alles abgeräumt haben. Aber die Thailänder sind fleissig. Vielleicht ist auch das sprichwörtliche Lächeln Ausdruck einer Lebenshaltung, die sich einfach nicht gern dem Unglücklichsein hingibt. Aber das ist nur Spekulation. Trotzdem, es ist etwas ganz anderes, ob Du als Reaktion auf Dein schlecht verborgenes Unbehagen an einem sehr exotischen Essen ein beleidigtes Gesicht oder ein freundliches Lächeln erntest.

 

Etwas ist vom Tsunami aber doch geblieben: Memorials. Eines haben wir uns angesehen. Weit ab von der Strasse, an einem Fleck, wo sich garantiert kein Einheimischer hinverirrt, steht plötzlich ein abstraktes Blechgestell herum, von irgendeinem skandinavischen Künstler, den bestimmt der Bürgermeister ausgegraben hat, weil ihm ein wohlmeinender Sponsor Geld gegeben hat, damit er es für ein Kunstwerk ausgibt, das keiner braucht. Die Stelle haben sie vermutlich nach dem Kriterium ausgesucht, wo es am wenigsten stört. Das Ding ist so überflüssig wie ein Kropf und soll bestimmt irgendwas darstellen. Aber eigentlich ist es eine Beleidigung für die Leidtragenden der Katastrophe. Und das sind in dieser Gegend fast alle. Der Schneider zum Beispiel, dessen Geschäft im Stadtplan noch an einer Stelle verzeichnet ist, an der es jetzt nicht mehr ist, weil es einfach weggerissen wurde. Aber keiner redet drüber. Vielleicht ist die beste Kunst manchmal, auf Kunst zu verzichten.

 

Aber jetzt bin ich wieder in Deutschland …. und mache Kunst