Kurzes Taucher-Tagebuch

 

Taucher sind martialisch ausstaffierte Fanatiker, behängt mit schwarzen Schläuchen, piepsenden Computern und zischenden Riesenschnullern, die sich Lungenautomaten nennen. Automaten für die Lunge! Auf diesen selbstgebastelten Brücken zwischen den Menschen und dem fremden Element basiert das ganze hirnverbrannte Wagnis namens Tauchen. Um in der Tiefe, für die sie nicht geschaffen sind, ein Stündchen zu verbringen, quälen sie sich zuvor in sengender Hitze, zwängen sich mit erbarmungswürdigem Gestöhn in viel zu enge Anzüge, behängen sich mit Blei und stemmen Stahlflaschen mit einem Gewirr aus klappernden Gürteln und Schnallen, um sich unter grotesken Verrenkungen an die Montur zu ketten. Wenn sie sich dann aufrichten, wirken sie wie Atlas, dem die Welt zu schwer geworden ist. An die Füsse kommen noch Flossen, die das Gehen an Land fast unmöglich machen, so dass, wer einen falschen Schritt macht, mitsamt der Rüstung einfach umfällt. Zum Schluss noch die Maske vors Gesicht, damit die Nase zum Atmen nicht mehr zu gebrauchen ist.

Der Sprung ins Wasser gleicht dem Genuss des nachlassenden Schmerzes, nachdem man sich mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hat. Der überhitzte Körper schwebt in wohltuender Kühle sanft  schaukelnd auf den Wellen. Die Maske erlaubt einen Blick in die Welt, die wir von aussen nicht sehen und „von innen“ nicht erkennen können, weil Wasser auf unseren Augen den Blick vernebelt. Das Bisschen Luft, das die Maske füllt, zaubert mit einem Schlag die ganze Wunderwelt hervor.

Doch das ist was für Profis. Ich bin Anfänger.

 

Der erste Tauchgang beginnt damit, dass ich nicht runterkomme. Meine Lunge ist aufgeblasen vor Angst und Anstrengung. Man stopft mir noch zwei Kilo Blei in die Jackentaschen – ich sinke immer noch nicht. Unter mir wartet mein „Tauch-Guide“, der mich beim „ersten Mal“ begleiten soll. Er greift nach meiner Hand und zieht. Ich kippe zur Seite, aber ich sinke nicht. Mein Körper wehrt sich. Mein Guide greift nach der anderen Hand – langsam und widerstrebend gleite ich tiefer. Nach drei Metern sinkt der Körper von allein, wird schwerer und scheint zu fallen. Ich kämpfe,  mit Armen und Beinen rudernd, um meine aufrechte Haltung, lege mich schliesslich auf den Bauch – und schwebe. Um mich herum wuselnde Fische, flirrendes Licht, Tiefe, Weite. Ich sehe nicht, ich fühle. Ich schwanke und kippe zur Seite, sinke und steige, ich verteidige mein Gleichgewicht. Ich breite die Arme aus und sehe nach unten, ohne zu fallen. Ich segle über dem Abgrund und sauge die Luft so gierig ein, dass sie plötzlich zäh zu fliessen scheint. Panik kündigt  sich an, ich sehe auf meinem Tiefenmesser, dass ich zu tief bin, um notfalls einfach ohne Pause aufzusteigen, und halte mir selbst einen Vortrag: es ist Einbildung, nichts als Einbildung. Eine hysterische Alarmanlage sozusagen, die losgeht, wenn der Hund mit dem Schwanz wedelt. Ich versuche mich mit den Fischen abzulenken. Aber sie lassen mich nicht vergessen, in was für einer unsinnigen Situation ich mich befinde: 20 Meter unter der Wasseroberfläche, abhängig von einer Stahlflasche und der Erfahrung eines Menschen, den ich vor einer halben Stunde kennengelernt habe. Umso weniger verstehe ich mein Glück am Ende dieses Tauchgangs: es überschwappt mich mit einer Jahresdosis Adrenalin.

 

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25 Meter. In dieser Tiefe sieht das Auge kein Rot mehr. Die Welt ist fahl, nur schwach erleuchtet von der Sonne, deren Strahlen nicht mehr auszumachen sind. Diffuses Licht an der Grenze zwischen Hell und Dunkel. Kaum Fische. Verlassenheit. Angst und Glück pendeln auf und ab. Alles ist in leicht schwankender Bewegung und verschärft das Gefühl der Reglosigkeit. Stillstand, angefüllte Leere, eine blaue Wasserwand, die zurückweicht, wenn man sich ihr nähert. Eingeschlossen in einem grenzenlosen Raum, gefangen in Unendlichkeit.

 

Nichts ist so anziehend wie der Ort, an den wir nicht gehören. Das Absinken am Beginn eines Tauchgangs ist wie der Ausstieg aus der Raumfähre im Weltraum. Du schwebst und staunst, wie sanft der freie Fall ist. Du versinkst in betörender Ruhe und störst sie zugleich mit dem Blubbern Deiner Atmung. Du treibst selig im schillernden Licht und weinst. Das alles ist sozusagen unterfüttert mit Gefahr. Ein winziger Fehler, und die berauschende Tiefe wird zur Falle.  Ich glaube nicht, dass es das Risiko ist, das mich reizt. Ich werde nie zu der Sorte Hardcore-Taucher gehören, die bis zum letzten Tropfen Luft unten bleiben. Aber im vollen Bewusstsein der Gefahr die Arme auszubreiten und über dem Abgrund zu schweben, ängstlich die Angst überwindend, getragen von einem Raum, der nicht mit Luft gefüllt ist…

 

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Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf , um vor dem Frühstück zu tauchen. Der Körper ist noch nicht mit dem Verdauen beschäftigt und fühlt sich leichter an. Manchmal überfällt mich dann gegen Ende des Tauchgangs so ein Hunger, dass ich am liebsten Salzwasser saufen würde. Nach dem Aufstieg an die Oberfläche und dem Abwerfen des Tauch-Geschirrs schleppe ich mich mit letzter Kraft in die Taucher-Fütterungs-Station und stürze mich aufs Frühstück. Danach stellt sich vorübergehend das Gefühl ungeahnter Kräfte ein – aber nur vorübergehend, denn dann kommt die grosse Hitze, und ich döse dem nächsten Tauchgang entgegen. Das heisst, ich versuche zu dösen, soweit es die von unten mitgebrachte Unruhe zulässt. (Tauchen schürt meine Angst und zerstreut sie.) Gegen drei zwänge ich mich wieder in die Montur, weil um diese Zeit der Lichteinfall unter Wasser famos ist. Wenn ich wieder auftauche, geht die Sonne unter und lässt die Wüste rötlich leuchten. Tatsächlich bekomme ich von meiner Umgebung aber nicht viel mit, geschweige denn von dem Land, in dem ich mich aufhalte. Eine Schande, ich weiss, aber Klosterinsassen haben immer einen beschränkten Blick auf die Welt.

 

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Das Licht unter Wasser ist kaum beschreiblich. Heute morgen um sieben auf 18 Metern. Ich „wandere“ an  einem Hang entlang. Vor mir und unter mir eine Landschaft aus Korallenstümpfen in türkis schillerndem Dunst. Rechts lauert die blauschwere Tiefe, von links fällt Sonnenlicht ein – oder das, was in dieser Tiefe davon noch übrig ist: diffus, scheinbar ohne Quelle. Es ist weder hell noch dunkel. Licht und Schatten schaffen keine klaren Verhältnisse, sondern eine flirrende Spannung, ein fahles Strahlen. In der Dämmerung glüht gähnende Leere. Schweben in fatalem Leuchten.

 

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Manchmal vergesse ich für Augenblicke, dass ich eigentlich Angst habe unter Wasser. Heute fiel mir plötzlich auf, dass mein Atemzug nur noch halb so laut ist wie bisher. Sofort habe ich alle möglichen Schläuche kontrolliert, bis ich dahinter kam, dass ich nicht mehr so gierig an meinem Lungenautomaten sauge. Es ist seltsam, mich so leise atmen zu hören. Das laute, manchmal ohrenbetäubende Einziehen der Luft war nervtötend, hat mir aber auch das Gefühl gegeben, viel fürs Überleben zu tun. Ich glaube, andere Taucher sind viel gelassener und freuen sich ohne Umschweife an den Fischen. Aber ich kann nicht vergessen, wo ich bin, wenn ich mich mithilfe einer abgezählten Portion Luft in die Tiefe sinken lasse, um dieses irre Licht zu sehen.

 

Ausserdem ist das bunte Fischtreiben den Postkarten und Unterwasserfilmen so verdammt ähnlich, dass ich sie wie Abbildungen wahrnehme. Natürlich sind sie nicht so nett wie im Fernsehen, aber einen unmittelbaren Bezug zu diesen Bildern, die ich schon hundertmal gesehen habe, kriege ich einfach nicht hin. Ich komme mir ein bisschen vor wie die Katze, die geifernd vor dem Fernseher sitzt, weil ein Unterwasserfilm mit vielen Fischen läuft – nur umgekehrt. Seltsam, wie sehr die vermittelte Welt unserer Bilder eine unmittelbare „Begegnung“ verhindert .

 

Einmal habe ich mich allerdings erschreckt: Auf dem Grund, zwischen Korallen und Geröll, lag eine längliche, ziemlich dicke schwarze Wurst und bewegte sich. Ich versuchte, Kopf oder Schwanz auszumachen, vergebens. Trotzdem war deutlich spürbar: es lebt. Es richtete sich zu mir auf, als sähe es mich an, aber ohne Augen. Ganz offensichtlich atmete es, aber womit? Das wabernde, kopflose Wesen sah aus, als könnte es in einem Spielberg-Film explodieren – und war eine Seegurke. Doch davon hatte ich noch nie etwas gehört.

 

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Mein natürlicher Feind sind die Schiffe. Als ich nach einem ausgedehnten Tauchgang an die Basis zurückkehre und die Oberfläche fast erreicht habe – vor mir und schon ein Stück höher schwimmt mein Tauchpartner -, drehe ich mich  zum Vergnügen noch einmal um meine eigene Achse und traue meinen Augen nicht: von hinten gleitet zügig und geräuschlos der schwarze Boden eines Bootes auf uns zu. Ich drehe mich fassungslos auf den Bauch, schnappe meinen Partner bei der Flosse und ziehe ihn nach unten. Ärgerlich dreht er sich um – und reisst die Augen auf. Ich weiss, ich muss schwerer werden, um zu sinken und wegzutauchen. Doch statt Luft aus der Lunge zu lassen, blase ich mich auf und schiesse nach oben. Wie ein spastisches Michelin-Männchen rudere ich kopfüber mit allen vieren nach unten und bringe mich gerade noch in Sicherheit.

 

Um meiner Panik Herr zu werden, bin ich danach noch einmal unter die Boote am Steg getaucht. Diese gottverdammte Dunkelheit über mir, die sich bewegt und – wenn der Motor läuft – auch noch dröhnt wie ein besinnungsloses Tier, das alles niederwalzt, ist kaum auszuhalten. Da hilft es auch nichts, dass die Bestien friedlich angekettet am Steg liegen.

Nach ein paar Minuten dieser Übung habe ich mich in den grossen Raum aus Licht geflüchtet, mich wie ein Astronaut beim Mondspaziergang aufgerichtet, die Hände auf den Berg aus Blei und Schnallen vor meinem Bauch gelegt – und mich nicht mehr gerührt. Reglos und wach im Raum zu schweben, ohne Halt und doch nicht fallend, das ist so unglaublich, dass ich es immer wieder ausprobiere, ohne auch nur eine Spur davon zu begreifen. Manchmal stelle ich mir dann mein Spiegelbild vor: dick verpackt wie ein Baby mit überdimensionalem Strampelanzug, auf dem Rücken das Nuckelfläschchen – auch zu gross -, den Schnuller im Mund und hinter einer unförmigen Brille staunende Augen.

 

 

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Während der ganzen Zeit hat die Angst mich begleitet wie eine etwas zu enge Krawatte. Ich habe mich oft gefragt, warum ich überhaupt tauche.  Doch die Antwort ist einfach: Soll ich aufhören zu atmen, weil der Schlips  zu eng ist? Ich wollte, dass die Fessel weiter wird. Sie ist schliesslich keine Krankheit, sondern der Seidenfaden, an dem unser Leben hängt. Ich bin kein Einbeiniger, der unbedingt Marathon laufen will. Eher schon ein Hinkender.  So wie wir alle mehr oder weniger hinken, meist halt nur, ohne es zu bedenken.

 

Jetzt ist der Zauber vorbei und ich gehe wieder in der Kunstszene tauchen. Die Fische dort sind zwar auch bunt, aber sie schweben nicht so schön. Wie gesagt, sie hinken….

EB