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  • o.T., Linz, OK-Centrum, 2000, multimediale Installation
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    Ohne Titel,

    Standort: O.K.Centrum für Gegenwartskunst,  A-4020 Linz, Österreich

    9teilige multimediale Installation, zwischen 2,45 x 5  Meter und 3,10 x 9 Meter, Inbetriebnahme 2000, temporär

    Künstliche Menschenköpfe – täuschend lebensechte Imitate – verströmen mit leuchtenden Augen ihr strahlendes Lächeln im ganzen Gebäude.
    An neun verschiedenen Orten tritt den BesucherInnen das menschliche Antlitz entgegen, lässt seinen scheinbar lebendigen Blick auf ihnen ruhen und beantwortet keine ihrer Fragen.

    Quelle: Pressemitteilung des O.K.Centrums für Gegenwartskunst, Linz

    Inhaltliche Beschreibung:

    Das Haus hat tausend Augen

    Der Blick: Er verfolgt dich durch das ganze Haus, kaum hast du es betreten. Er strahlt dir entgegen am Ende finsterer Korridore, er lauert im Fahrstuhl, dringt durch den Fußboden, sickert durch Wände, erwartet dich auf jedem Treppenabsatz und kaum hast du kehrt gemacht, steht er dir schon wieder gegenüber: Der Blick.

    Über das ganze Haus verteilt hat Elisabeth Brockmann einen Parcours mit neun Stationen eingerichtet, an denen jeweils, vollständig oder fragmentiert, das photographische Abbild eines Schaufensterpuppenkopfes erscheint. In unterschiedlichen Formaten und Ausschnitten, aber immer überlebensgroß. Alle diese Bilder leuchten, strahlen aus auf ihre Umgebung, bringen Licht ins Dunkel der finsteren Treppenfluchten und Flure. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Leuchtkästen, einmal um ein von zwei Seiten sichtbares Hinterglasbild, einmal nur um ein flaches Foto direkt auf der Wand. Durchsichtig, durchscheinend, opak – stets besitzen die strahlenden Köpfe eine unglaubliche Präsenz, die mit abnehmendem Tageslicht immer größer wird……Die Köpfe erfüllen den Raum, durchdringen ihn, in alle Richtungen, von allen Seiten: Wir sind umzingelt.
    Zum anderen erfüllen die Lightboxes das Gebäude mit der Wärme des Lichts, beleben die rohen Betonmauern mit menschlich erscheinenden Gesichtern. Zusätzlich verändert die gewaltige Größe der Köpfe die Wahrnehmung der Architektur, indem sie die Dimensionen des Gebäudes relativiert, sie zurechtstutzt auf ein „menschliches“ Maß.

    Stephan Trescher

    Quelle: Katalog „Der körpererfüllte Raum“, O.K.Centrum für Gegenwartskunst, 2001

    Installationsfotos:  © Alexander Vejnovic

     

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    Das Haus hat tausend Augen

    Der Blick: Er verfolgt dich durch das ganze Haus, kaum hast du es betreten. Er strahlt dir entgegen am Ende finsterer Korridore, er lauert im Fahrstuhl, dringt durch den Fußboden, sickert durch Wände, erwartet dich auf jedem Treppenabsatz und kaum hast du kehrt gemacht, steht er dir schon wieder gegenüber: Der Blick.

    Der lebendige Blick eines toten Kopfes, riesenhaft und unausweichlich. Die leeren Augen einer Schaufensterpuppe. Sie können in Wirklichkeit gar nicht auf dich gerichtet sein und doch scheinen sie stets mitzuwandern, sobald du dich bewegst. Du spürst sie im Nacken, wenn du dich umdrehst. Du entwickelst erste Anzeichen von Verfolgungswahn – betrachten wir die Angelegenheit also lieber einmal nüchtern:

    über das ganze Haus verteilt hat Elisabeth Brockmann einen Parcours mit neun Stationen eingerichtet, an denen jeweils, vollständig oder fragmentiert, das photographische Abbild eines Schaufensterpuppenkopfes erscheint. In unterschiedlichen Formaten und Ausschnitten, aber immer überlebensgroß. Alle diese Bilder leuchten, strahlen aus auf ihre Umgebung, bringen Licht ins Dunkel der finsteren Treppenfluchten und Flure. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Leuchtkästen, einmal um ein von zwei Seiten sichtbares Hinterglasbild, einmal nur um ein flaches Foto direkt auf der Wand. Durchsichtig, durchscheinend, opak – stets besitzen die strahlenden Köpfe eine unglaubliche Präsenz, die mit abnehmendem Tageslicht immer größer wird.

    Klug hat die Künstlerin sämtliche Blickachsen des Gebäudes mit ihren Kopfbildern besetzt, so daß buchstäblich von jeder Stelle des Hauses aus zumindest ein Gesicht zu sehen ist. Durch diese Setzung inszeniert sie den Raum in mehrfacher Hinsicht. Zum einen verstärkt sie den labyrinthischen Charakter der Architektur, die mit ihren Gitterfußböden und -Treppen, den nackten Wänden und den endlosen Fluren, die im Nichts enden, schon an ein Gefängnis erinnert. Nicht nur rennt man vor Wände, gerät in Sackgassen, sondern auf Schritt und Tritt begegnet einem der leuchtende Kopf – wo immer man hinkommt, ist er schon da, wie das „bucklig Männlein“ aus dem gruseligen Kindervers. Die Köpfe erfüllen den Raum, durchdringen ihn, in alle Richtungen, von allen Seiten: Wir sind umzingelt.

    Zum anderen erfüllen die Lightboxes das Gebäude mit der Wärme des Lichts, beleben die rohen Betonmauern mit menschlich erscheinenden Gesichtern. Zusätzlich verändert die gewaltige Größe der Köpfe die Wahrnehmung der Architektur, indem sie die Dimensionen des Gebäudes relativiert, sie zurechtstutzt auf ein „menschliches“ Maß.

    Doch vor der Inszenierung des Raumes steht die Inszenierung des Einzelbildes, die hier ganz wörtlich zu verstehen ist, als ein Ins-Werk-Setzen und Ins-rechte-Licht-Rücken. Denn obwohl uns unsere Augen etwas anderes glauben machen wollen, handelt es sich auf jedem Bild um den gleichen Kopf. Nur durch unterschiedliche Beleuchtung und andere Blickwinkel gelingt es Brockmann, mit der Kamera jeweils völlig verschiedene Gesichtsausdrücke aus der einen Puppe hervorzuzaubern – vor allem aber, ihnen Leben einzuhauchen, indem sie den Blick des Kopfes sucht, jenen Ort im Raum, von wo aus wir als Betrachter uns plötzlich selbst beobachtet fühlen.

    Der kahle Kopf mit seinem leicht geöffneten Mund bleibt dabei seltsam ungreifbar, die Züge changieren zwischen dämonisch und freundlich, boshaft und blöd. Was hier noch diabolisches Grinsen scheint, ist dort zum debilen Dauerlächeln geworden. Auch geschlechtlich sind diese Gesichter alles andere als eindeutig. Aber trotz ihres zwiespältig androgynen Charakters überwiegt letztlich doch der Eindruck des Weiblichen.

    Nicht von ungefähr, denn damit verweist Brockmann auf die ehemalige Nutzung des Gebäudes als Mädchenschule. Auf diese Art bringt sie eine zeitliche Dimension ins Spiel, die des Gedächtnisses. Der Blick der toten Köpfe beherrscht das Haus wie eine verdrängte Erinnerung. Die schleicht sich ein, drängt sich auf, in Momenten und an Orten, wo sie so unwillkommen wie unerwartet ist. Insofern besteht auf struktureller Ebene auch eine Verwandtschaft zu Stifters forciertem Erinnerungsversuch, seiner Phantasmagorie der Bewußtwerdung.

    Wie die Erinnerung, die uns immer einholt, so lassen auch die Puppenköpfe der Brockmann uns nicht in Frieden. Ihrem ständigen stummen Auftauchen eignet etwas Gespenstisches. Insbesondere an jener Stelle, wo das Gesicht durch die Wand hindurchzudiffundieren scheint. Allmählich tritt es aus der Mauer hervor und nimmt feste Gestalt an, die Poren der vermeintlich glatten Plastikhaut verschmelzen mit den Schrammen und Blasen des Betons. Menetekel oder faustisches „Verweile doch“, aufflammende letzte Mahnung oder flüchtiger Augenblick vor dem Verschwinden der schönen Vision?

    Brockmann, der Lichtbildnerin, gelingt das Paradoxe: Sie macht den ganzen Raum zur Bühne und belebt ihn mit toten Figuren. Brockmann, die Schaufensterpuppenspielerin, haucht den hohlen Köpfen des Konsums Leben ein und läßt sie leuchten. Aber ihr Blick verrät: Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.

    Stephan Trescher

     

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    The House Has a Thousand Eyes

    The gaze: it follows you throughout the entire house, as soon as you have entered it. It beams at you from the end of dark corridors, lurking in the elevator, penetrating the floors, seeping through the walls, waiting for you at every turn of the staircase, and the moment you turn around, it is already there in front of you: the gaze.

    The living gaze of a lifeless head, gigantic and inescapable. The empty eyes of a store window mannequin. They cannot really be fixed on you, and yet they seem to constantly wander with you as soon as you move. You sense them at the back of your neck when you turn around. You begin to develop the first symptoms of paranoia – let us then consider the matter more rationally.

    Elisabeth Brockmann has distributed a circuit throughout the house with nine stations, where there is a photographic representation of the head of a mannequin at each of them, either as a whole or a fragment. The formats and sections differ, but the picture is always larger than life.

    All of these pictures glow, radiate out into their surrounding, bringing light into the darkness of the shadowy staircases and corridors. In most cases, this involves a light box, sometimes around a picture behind glass that is visible from two sides, sometimes only directly illuminating a flat photo on the wall. Transparent, translucent, opaque – these beaming heads constantly possess an incredible presence, but one that grows increasingly stronger as the daylight fades.

    The artist has cleverly occupied every view axis in the building with her head images, so that at least one face is visible from literally every place in the house. With this positioning, she stages space in multiple perspectives. In one sense, she intensifies the labyrinthine character of the architecture, which with its grated floors and steps, the bare walls and the endless corridors leading nowhere is already reminiscent of a prison. Not only does one run from walls, run into dead ends, but at every step and every turn there is a glowing head – no matter where you go, it is already there, like the „crooked little man“ in the creepy children’s verse. The heads fill up the space, penetrate it in all directions, from every side: we are surrounded.

    Yet in another sense, the light boxes fill the building with the warmth of light, animate the rough concrete walls with seemingly human countenances. In addition, the tremendous size of the heads changes our perception of the architecture by putting the dimensions of the building into perspective, cutting them down to a „human“ measure.

    Yet the staging of space is preceded by the staging of the individual pictures, which is to be taken literally here as setting the work in the scene and putting it into the right light. For although our eyes want to convince us otherwise, it is still the same head in every single picture. Using only different lighting and different perspectives, Brockmann succeeds in conjuring different expressions from the mannequin with the camera. Most of all, though, she succeeds in breathing life into them by seeking the head’s gaze, the point in space, where we suddenly feel ourselves being observed as observers.

    At the same time, the bald head with its slightly opened mouth remains strangely intangible, the features shifting between demonic and friendly, between wicked and stupid. What appears in one place as a diabolical grin, becomes a fatuous fixed smile somewhere else. Even in terms of gender, these faces are anything but unequivocal. Yet despite their ambivalent androgynous character, ultimately it is an impression of femininity that is predominant.

    It is not a coincidence that Elisabeth Brockmann refers in this way to the former utilization of this building as a girls‘ school. She thus introduces a temporal dimension into the game, the dimension of remembrance. The gaze of the lifeless heads dominates the house like a repressed memory. It creeps in insistently at moments and in places, where it is just as unwelcome as unexpected. In this way there is also an affinity at the structural level to Stifter’s forced attempt at remembrance, his phantasmagoria of developing consciousness.

    Like the memory that always overtakes us, Brockmann’s mannequin heads will not leave us alone. There is something haunting about their perpetually silent emergence, especially in the place where the face seems to diffuse through the wall. Gradually it comes forth from the wall and assumes a firm shape, the pores of the presumably smooth plastic skin merge with the scrapes and bubbles of the concrete. Augur or Faustian „bide a while“, flare of a last warning or fleeting glance before the lovely vision vanishes?

    Brockmann, the light sculptress, has achieved something paradoxical: she turns the whole space into a stage and animates it with lifeless figures. Brockmann, the mistress of mannequins, breathes life into the empty heads of consumerism and makes them glow. Yet their gaze reveals: the beautiful is nothing other than the beginning of the frightful.

    Stephan Trescher