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  • DER DIGITALE BLICK 2000 Installation in der Fassade des Bayerischen Staatsschauspiels München

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    Der Digitale Blick

    Standort: Bayerisches Staatsschauspiel München, Inbetriebnahme 2000, temporär

    Doppelseitige Projektion (Auf- und Rückprojektion) von 7 digital gesplitteten Einzeldias, nahtlos zusammengefügt mit 7 Grossbildprojektoren, ca. 5 x 23 Meter

    Augen aus dem Antlitz einer Schaufensterfigur blicken aus der Fassade des Schauspielhauses über den Max-Joseph-Platz und folgen scheinbar den Schritten der Passanten. Wenn man das Haus betritt, kehrt sich der Blick um und geht von außen nach innen.

    Temporäre Installation, Januar/Februar 2000

    Inhaltliche Beschreibung

    Der „digitale Blick“ täuscht uns Realität vor

    Eine Lichtprojektion vor Münchens Residenztheater als kulturelle Herausforderung zum Nachdenken

    München – Seit über einer Woche blicken zwei große Augen von der Fensterfassade des Bayerischen Staatsschauspiels in München. Erschaffen wurde die Lichtprojektion von der 45-jährigen Künstlerin Elisabeth Brockmann, die ihr Werk „Der digitale Blick“ nennt. Was wollen diese großen Augen ausdrücken, was sollen sie uns vermitteln? Das fragen sich Besucher des Residenztheaters, der Oper oder abendliche Passanten des Max-Joseph-Platzes? Wollen sie uns überhaupt etwas sagen?

    Brockmann selbst ist der Meinung, dass die Augen uns durchaus etwas sagen sollen, und erklärt dazu: „Augen aus künstlichen Menschenköpfen, digital zum täuschend echten Imitat verwandelt, blicken als 23 Meter lange Projektion aus der Front des Residenztheaters auf den Münchener Max-Joseph-Platz. Durch eine besondere Technik wird dieselbe Projektion dem Theaterbesucher ins Gebäude folgen. Wenn er das Theater betritt, kehrt sich der Blick um und begegnet ihm dort genauso wie auf dem Platz vor dem Theater. Das Abbild des menschlichen Blicks wird zum scheinbar beweglichen Schatten.“

    Die Künstlerin vergleicht dann die ständige Verwechslung von realer und virtueller Welt mit dem Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Plato. Dort sitzen die Menschen gefesselt mit dem Rücken zum Ausgang in die sonnige Welt und sehen nur die Schatten der Figuren außerhalb der Höhle. Diese Schattenprojektion an der Höhlenwand halten sie dann für die eigentliche Wirklichkeit.

    „Wenn wir in ein abgebildetes Gesicht schauen, aus dem ein Blick geradewegs auf uns gerichtet ist, dann halten wir es unwillkürlich für lebendig“, sagt Elisabeth Brockmann über die virtuellen Augen ihrer Lichtprojektion: „Auch wenn wir wissen, dass Fotos lügen, gehen wir immer zunächst davon aus, dass das, was sie zeigen, real existiert.“ Noch wenn wir ein Gesicht als lebensechte Nachbildung erkennen könnten und wüssten, dass die digitale Bearbeitung auch den totesten Stein zum Leben erweckt, meint sie, ließen wir uns gerne täuschen.

    Brockmann: „Die Digitalisierung der Welt entfremdet uns der Realität. Sagt man. Wir seien nicht mehr fest in der Wirklichkeit verankert, verwechselten das echte‘ Leben mit dem virtuellen. Das Gegenteil ist wahr.“

    Quelle: DIE WELT, 14.02.2000

     

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    DIGITALE SCHATTEN

    In Platons Höhlengleichnis sitzen die Menschen gefesselt in einer Höhle, mit dem Rücken zum Ausgang. Von den Figuren und Gegenständen ausserhalb der Höhle sehen sie nur deren Schatten, die auf die Höhlenwand gegenüber dem Ausgang fallen. Diese Schatten halten die Menschen für die Realität. Würden sie sich befreien und dem Ausgang zuwenden, so wären sie zunächst geblendet vom Sonnenlicht. Doch sie hielten die Schatten an der Wand weiterhin für die Realität. Verliessen schliesslich einige Menschen die Höhle und kehrten mit der draussen gewonnenen Erkenntnis zurück, man glaubte ihnen nicht, sondern zürnte ihnen oder tötete sie. Wenn wir in ein abgebildetes Gesicht schauen, aus dem ein Blick geradewegs auf uns gerichtet ist, dann halten wir es unwillkürlich für lebendig. Auch wenn wir wissen, dass Fotos nicht die Wahrheit sagen, gehen wir immer zunächst davon aus, dass das, was sie zeigen, tatsächlich existiert. Noch wenn wir ein Gesicht als lebensechte Nachbildung erkennen und wissen, dass die digitale Bearbeitung auch den totesten Stein zum Leben erweckt, lassen wir uns gerne täuschen. Ein Blick in die Augen eines Menschen sagt die Wahrheit, denken wir. Immer tiefer dringen wir mit den Möglichkeiten der digitalen Imitation in die Schichten der Selbsttäuschung vor. Doch hinter jeder Täuschung verbirgt sich die Chance, uns selbst zu erkennen. Die Schatten als Schatten zu identifizieren. Mit jeder medialen Erfindung werfen wir einen neuen Schatten an die Wand unserer Höhle.

     

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    MÜNCHNER KULTUR Samstag, 5. Februar 2000

    Bayern Seite 20 / Deutschland Seite 20 / München Seite 20

    Augenblickliche Verwirrung

    Faszinierend und bedrohlich – die Installation von Elisabeth Brockmann am Residenztheater

    Es sind Augen, die einen nicht loslassen, Augen, die einene wahrscheinlich noch bis in den Schlaf hinein verfolgen. Wie zur Observierung richtet sich das überdimensionierte Augenpaar – ein kühler, gläserner, hypnotischer Blick – auf die Passanten des Max-Joseph-Platzes. Das blaugrüne Rund der Iris spiegelt nichts als den dichten Wimpernkranz wider. Im Marstall hat man Anfang Dezember vergleichbar leer blickende Augenpaare in immer anderen Versionen wie flüchtige Wandmalerei über die Mauern huschen sehen.

    Gipsaugen von Schaufensterpuppen nahm die Künstlerin Elisabeth Brockmann seinerzeit als Vorlage und verfremdete sie am Computer solange, bis sie menschlichen Augen immer ähnlicher wurden.

    Und jetzt hat Brockmann täuschend echte Augenimitate auf die 23 Meter lange Wintergarten-Glasfront im ersten Stock des Residenztheaters projiziert. Auch im Innern des Theaters findet das digitale Vexierspiel eine Fortsetzung. Dank einer besonderen Spiegelungstechnik wird der magische „Augenblick“ umgekehrt und heftet sich an die Theaterbesucher wie ein hartnäckiger Schatten. „Wenn man die Realität scharf ins Auge fasst, dann landet man sehr schnell im Irrealen“, erklärt die 1955 geborene Künstlerin.

    Ausstellungsräume werden in Brockmanns Leuchtbild-Inszenierungen zu verschachtelten Suggestivbühnen. Umgekehrt stellt sie in realen Bühnenkulissen Menschen wie animierte Objekte zur Schau. Gepriesen wurde vor allem 1996 ihr Spionglaskasten für den Soloauftritt der Hanna Schygulla im Jelinek-Stück „Ich möchte seicht sein“ (Marstall). In dem Niemandsland zwischen dem Realen und Virtuellen betreibt Brockmann ihre digitalen Experimente. Was einem um so bizarrer erscheint, wenn man Brockmann jemals persönlich begegnet ist. So resolut und pragmatisch, wie sie auftritt, könnte sie genauso gut eine Steuerkanzlei führen.

    Kleine Nadelstiche

    „Ich möchte Räume herstellen, von denen die Menschen ergriffen sind und die eine ungeheure Sogkraft haben“, sagt die Düsseldorferin. Bei allem, was Brockmann tut, ist eine gewisse Unerschrockenheit ihr wohl höchster Trumpf. Als einer ihrer besten Freunde nach einem langen Todeskampf an Aids starb, wagte sich Brockmann sogar an die Schriftstellerei. Der 1993 erschienene Tatsachenroman Weinen kannst Du, wenn ich tot bin ist vielleicht kein stilistisches Bravourstück, aber immerhin wusste Brockmann den schmerzlichen Abschied so knochentrocken zu schildern, dass sich die Dialoge wie kleine Nadelstiche in den Kopf eingravieren. Mit dem Partner des an Aids gestorbenen Freundes hat die verheiratetete Brockmann in der Trauerzeit dann ein Verhältnis begonnen. Bis heute dauert die anfangs krisenerschütterte Dreierbeziehung an und ist zu einer Herausforderung geworden, die sie nicht missen möchte.

    Brockmann lässt derart intime Details so selbstverständlich in das Gespräch einfließen, als erzählte sie von Ernährungsgewohnheiten. Über ihre eigene Geschlechterrolle sei sie sich ohnehin nicht mehr im Klaren. Kein Wunder, dass auch Brockmanns Kunstfiguren ein durchweg androgynes Erscheinungsbild haben.

    In Presseerklärungen und -berichten zur Künstlerin geht man gerne damit hausieren, dass Brockmann eine Schülerin des Malerstars Gerhard Richter ist. Ein Kapitel in ihrer Biografie, das bei Elisabeth Brockmann nur mehr Schulterzucken hervorruft. Schon während des Studiums sei ihr das Malen unendlich langweilig geworden. 1981 hatte sie ein Malereistipendium in Paris ergattert. Kaum dass sie sich dort aber eine Staffelei gekauft hatte, kam ihr diese Tat schon völlig absurd vor. Dann ging sie tagelang bis zu vier Mal ins Kino und stieß auf neue Ikonen. Eine Zeitlang fotografierte sie wie besessen einzelne Szenen aus Filmbüchern ab. „Damit war ich endgültig die Malerei los.“

    „Immer wenn ich etwas übers Leben sagen wollte, habe ich zitiert“, sagt Elisabeth Brockmann heute und spielt dabei auf die Versatzstücke aus der Antike und der abendländischen Kunst an, die sie in ihren Diaprojektionen wie Erinnerungen an eine versunkene Ära einblendete.

    Mit technoider Perfektion sucht sie die alten allegorischen Formeln in die Jetztzeit hinüber zu retten. Warum es in letzter Zeit immer Augen sein mussten? „Ein Blick in die Augen eines Menschen sagt die Wahrheit, denken wir.“ Bereitwillig unterlägen wir dieser Selbsttäuschung. „Doch hinter jeder Täuschung verbirgt sich die Chance, uns selber zu erkennen“, glaubt die Künstlerin. Und es ist auch etwas vom spätromantischen Geist der mechanischen Puppe Olympia aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung in Brockmanns Reflektionen: Sie zeigt, dass die Menschenbilder um so mehr zu Todesmasken erstarren, je krampfhafter man sich an naturalistischen Modellen festhält.

    Erotik im Internet

    Weil sie ihre Recherchen über den Triumph des Realen im virtuellen Zeitalter in alle erdenklichen multimedialen Richtungen fortsetzen will, hat Elisabeth Brockmann unlängst einen erotischen Kontakt über einen Chat- Channel im Internet aufgenommen. Als 22-jährige Schönheit mit schwarzen, langen Haaren gab sich Brockmann aus. Eine Zeitlang gedieh die Internet-Romanze prächtig. Als Brockmannaber etwas von ihrer wahren Identität preiszugeben begann, kamen die Antworten ihres virtuellen Partners immer zögerlicher, bis sie schließlich ganz ausblieben. „War ich vielleicht zu forsch?“, zweifelte Brockmann. Mehr noch: Sie machte sich wie eine unglücklich Verliebte Vorwürfe. „Das ist doch auch das richtige Leben“, sagt die Künstlerin, die Augen schuf fast wie aus dem richtigen Leben. Jeder Widerspruch wäre sinnlos. (Die Installation im Residenztheater ist noch bis 3. März zu sehen.)

    BIRGIT SONNA

     

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    IRRITATING STARES

    Fascinating and threatening – Elisabeth Brockmann`s installation at Residenz-Theater in Munich

    A stare which does not let you go, a stare which follows you even after you fall asleep. As if to observe, a huge pair of eyes – a cold, glassy, hypnotic stare – follows the passers by in Max-Joseph-Platz. The blue-green iris reflects nothing but the thick eyelashes.In Marstall-Theater last december eyes with similar empty stares could be seen in in many different variations flitting across the walls like shifting wall paintings.

    The artist Elisabeth Brockmann took the eyes of plaster of mannequins and worked on them until they became more and more similar to human eyes.

    Now the artist has projected deceptively realistic eye imitations onto the 23 meters long glass front of the wintergarden of the Munich Residenz Theater. The digital mystery is continued inside the theatre. Thanks to a special mirroring technique the magic stare is reversed and persues the visitors to the theatre like a stubborn shadow. „If you focus intensely on reality, you find yourself very soon in a world which seems unreal“, says the 45 year old artist.

    In Brockmann´s projected mises en scene the exhibition rooms become stages filled with layers of suggestive imagery. Real people on the other hand are presented as animated objects. She was highly praised in 1996 for the two-way mirror stage construction for Hanny Schygulla`s solo performance in the Elfriede Jelinek-play „Ich möchte seicht sein“ (Marstall, Munich). Brockmann does her experiments with digital techniques in the noman`s land between the real and the virtual world. Which seems all the more bizarre, if one ever meets Brockmann personally. Her pragmatic and resolute manner gives the impression that she would be able to manage a tax consultancy.

    Pinpricks

    „I would like to create spaces, which people are deeply stirred by and that produce a strong magnetic attraction“, says the artist. In everything that she does, a certain intrepidity is her trump card. When one of her best friends died of Aids she even tried her hand as a writer. Her novel based on real life „Weinen kannst Du, wenn ich tot bin“ appeared in 1993 and is maybe no literary triumph, but she was still able to describe the painful farewell in such a bonedry style, that the dialogues are engraved on the mind like small pinpricks. During the time of mourning she started a relationship with the dead friend`s partner. The ménage à trois, which was filled with crises in the beginning, is still going on and has become a challenge which she would not like to have missed.

    She talks about such intimate details in the conversation as if she was talking about eating habits. Anyway she is no longer sure of her sexual identity. It is not surprising that also her artistic figures have an androgyne appearance.

    In press releases and reviews the journalists never fail to mention that Brockmann is a former student of Gerhard Richter. But this is a chapter in her biography which only makes her shrug her shoulders. Even during her studies she became bored with painting. In 1981 she won a scholarship to study painting in Paris. As soon as she had bought an easel, she found this action completely absurd. So instead she went to the cinema, sometimes four times a day, and discovered new icons. For some time she obsessively reproduced individual scenes from filmbooks. „This is how I got away from painting.“

    „I always used quotations when I tried to say something about life“, Brockmann says alluding to figures borrowed from ancient Greek and Roman art, which she includes in her projections like memories of a bygone era. She tries to preserve the old allegoric formulae with technoid perfection. Why the recent preoccupation with eyes? „If we look into peoples eyes, we see the truth – that`s what we think.“ We happily become victims of this self-deception, she says. However the artist believes, that every deception offers us the possibility to know ourselves. And there is something of the late romantic spirit of the mechanical puppet Olympia from E.T.A. Hoffmann`s narrative in Brockmann´s reflections: She shows that the human image stiffens into death masks, the more one holds on to naturalistic models.

    Erotic on the Internet

    The artist wants to continue her research on the triumph of reality in the age of virtuality in every possible area of multimedia communication. For this reason she recently started an erotic contact over a chat channel on the Internet. She pretended to be an attractive 22-year old brunette. For a while the Internet romance blossomed wonderfully. But when Brockmann started to come out with some details of her true identity, the responses of her virtual partner started to become more hesitant, until they finally dried up altogether. „Was I too blatant?“ Brockmann asked herself. She even blamed herself like an unhappy lover. „Isn`t that real life, too!“ This question comes from an artist who created eyes as if they were from real life. Who can contradict her.

    Birgit Sonna